Peter Roesch - Die Kraft von leisen Tönen und energetischen Farben

Four Yellow Balls, 2012/2017, Öl auf Leinwand, 50x40 cm, Courtesy: Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich. Foto: Philipp Ottendörfer

Mexican Cathedrals (Serie), 2014/2016, Fettkreide auf bedrucktem Papier, 30,5x25,8 cm,
Courtesy: Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich. Foto: Philipp Ottendörfer

Fokus

Die künstlerische Arbeit von Peter Roesch ist das Werk eines ­Suchenden in eigenen und fremden Bildwelten. Immer wieder befragt er das Bild und treibt damit einen steten Wandel von Weiterentwicklung und Formfindung an. Die meist grossformatigen Malereien scheinen spontan entstanden zu sein. Dieser Eindruck täuscht, denn die Kompositionen werden in ­einem langen Prozess entwickelt. In der Galerie Marlene Frei in ­Zürich zeigt der Künstler nun eine konzentrierte Auswahl seines Schaffens, welche die innere Kohärenz der Werke deutlich werden lässt.

Peter Roesch - Die Kraft von leisen Tönen und energetischen Farben

Das Foyer der Galerie Marlene Frei erstrahlt in knalligem Orange, gedämpftem Violett und strahlendem Gelb. Der Gesamteindruck mit der frischen und auch gewagten Kombination von Werken wirkt äusserst energetisierend. Beschränkt auf wenige intensive Farben, neben Schwarz und Dunkelgrau, entwickelt Peter Roesch einzelne Farbräume und legt heftig ausschwingende Linien darüber. Seine Arbeit wird durch einen freien Geist und eine damit verbundene spielerische Bewegung geprägt, ohne jedoch gestisch zu sein. Dies zeigt ein grossformatiges, oranges Bild exemplarisch: Es wird durch lose angeordnete Gitter strukturiert, deren schimmernde Farbe zwischen Weiss, Grau, Türkis und Kalkfarben changiert. Ein violettes Werk – basierend auf einem 16-seitigen Heft – stellt ein Konglomerat aus freien Linien dar und konfrontiert uns mit einem atmenden, pulsierenden Geschehen. Daneben schweben Weltkugeln oder Planeten wie gelbe Wollknäuel über die Bildfläche. Er bezeichnet sie als ‹Four Yellow Balls›, 2012/17, und lässt sie luftig, tänzerisch über die Bildfläche schweben. Sie werden geprägt von einer leuchtenden, vibrierenden Aufladung. Die bildnerischen Strukturen scheinen zwischen chaotisch herumtreibenden und harmonisch fliessenden Bewegungen zu pendeln und ihren Rhythmus zu finden. Roesch kommentiert dies folgendermassen: «Wenn Chaos und Ordnung nebeneinander bestehen, dann ist es schön.»

Überrascht vom eigenen Tun

Mit einem Energieschub erweckt der Künstler das Chaos. Er lässt sich von den Bewegungen des Stifts oder des Pinsels intuitiv leiten, bis er an einem bestimmten Punkt das Bildgeschehen zu strukturieren beginnt. Dann und wann schleichen sich auch Wesen und Motive aus der Kunstgeschichte oder der Popkultur ein. Roesch liebt es – anders als früher – vom Bildwerdungsprozess überrascht zu werden: «Ich male, bis ich überrascht bin, bis das Bild leuchtet.» Das Bild mit einem in einer ungewissen und uferlosen Weite schwimmenden blauen Hund rührt einen ungemein an. In seiner Verlorenheit erinnert es an Francisco de Goyas Gemälde ‹El perro›. Doch vom Künstler erfahre ich, dass er trotz des Bildtitels ‹Blauer Hund› keine Absicht hatte, einen Hund zu malen, sondern das Motiv schlicht das zufällige Resultat von Übermalungen sei, die in der grauen Bildfläche eine hundeähnliche Konfiguration offengelassen haben. Tatsächlich werden aus der Nähe betrachtet die verschiedenen Phasen des Entstehungsprozesses wie Malschichten, Übermalungen und Ablagerungen auf der Leinwand sichtbar. Auch weitere, scheinbar einfach zu deutende Werke wie ‹Sphinx›, 1997, ‹Four Heroes›, 1999/2017 oder ‹Drei Könige›, 2017, stehen mit der figurativen Welt in keinem offensichtlichen Zusammenhang und legen nahe, dass Bildinhalte nur noch als Vorwand für den malerischen Akt relevant sein könnten.

Vielschichtiges Gewebe

Die Bilder oszillieren zwischen Erzählung und freier Form, zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen Figuration und Abstraktion. Ebenso relevant sind vergangene und gegenwärtige Bildschöpfungen, Erinnerungen und Assoziationen an Mythologisches und Ikonografisches, die Roesch zu einem vielschichtigen Gewebe verknüpft. In dieser Textur wuchern die Bildsegmente oder verknäulen sich zu einem oft chaotischen Gewirr aus tänzelnden Linien, Flächen und Formen. Roesch hat immer wieder zeichnerische und malerische Gestaltungsmittel auf eigensinnige Weise miteinander kombiniert und konfrontiert. So entwickelt er Zeichnungen nachträglich malerisch weiter, lässt Liniengebilde eine abstrakte Komposition oder bestimmte Bildvorlagen dynamisieren. Die neuere Serie ‹Mexican Cathedrals›, 2014/16, beruht auf Fotogra­fien barocker mexikanischer Kathedralen und einem Begleittext von Hugo Loetscher aus einem alten Du-Magazin. Die bewegte Fassadengliederung und die opulenten spanischen Barockformen sind so überzeichnet und übermalt, dass sie vor quirliger Lebensenergie und Vehemenz strotzen.
Vielfach nimmt Roesch Motive oder Formen, die sich ergeben haben, in einem nächsten Werk wieder auf und variiert und verdichtet sie. Er lässt sich auf das Moment einer von Bild zu Bild fortschreitenden Transformation ein. Vielschichtige Kompositionen entstehen, in denen Konfigurationen hinter Übermalungen verschwinden und andernorts wieder auftauchen.
Auf meine Frage, ob er die Entstehung seiner Werke bewusst brüchig und den künstlerischen Akt offen halte, antwortet er, dass er ein Werk nie abschliessend fertigstellen möchte. Vielmehr soll es verletzlich und unfertig bleiben. Ausleben lässt sich diese Offenheit idealerweise in der Zeichnung. Sie dient Roesch dazu, seine Gedanken künstlerisch zu formulieren. Das zeichnerische Prinzip unterstützt den Bildfindungsprozess und beeinflusst die malerische Arbeit. Mit ihr dringt er tastend in letztlich unergründete Vorstellungsräume vor. Er spricht von einer Zeichnung bald als Ereignis, bald als Handlung, die sich mal als heftig, mal als unbeholfen erweist. Oft scheinen die Kompositionen zu wuchern mit sich darin verheddernden figürlichen Elementen. In ‹Umarme mich›, 2013, verlieren sich die Wesen oder binden sich an wirbelnde Schlenker, die mit bald zartem, bald kräftigem Pinselduktus auf dem Bildträger festgehalten sind.

Fragile, offene Systeme
Roesch lässt sich stets durch die Materialität der Mittel leiten, durch den Stift, den Pinsel und ganz besonders die Leuchtkraft der Farbe. Er bringt die Farbe zur Geltung, indem er sie in ihren Einzelelementen vorführt in Form eines dünnen oder wolkigen Farbauftrags oder als transparenten, weit über die Malfläche hinaus strahlenden Film. Wird die Farbe dicker aufgetragen, mutet sie körperhaft an und eröffnet da und dort Räumlichkeit. Jedenfalls erlebt man diese Malereien als Farbräume von intensiver Präsenz, die in die Tiefe dringen und über ihre Begrenzung hinausgreifen. Räume sind ein wesentliches Thema, mit dem sich der Künstler immer wieder von Neuem auseinandersetzt. Er formuliert Räume nicht nur als Schauplätze für Gefühle, Träume, Reflexionen, Mythisches oder Triviales und assoziative Spielereien, sondern auch als Raumgestaltungen für Kunst-am-Bau-Projekte. Für Schulhäuser, Wohnüberbauungen und den Lido Luzern entwickelte er Farbkonzepte, welche die Architektur in ­einem Energiefeld der Farben aufzulösen scheinen. Besonders die Schulanlage Scherr in Zürich, wo Roesch von Anfang an als Teil des Projektteams der Patrick Gmür Architekten AG fungierte, besticht durch die gewagte Farbkombination von Pink, Orange und Gelb sowie Stahlblau. Diese Farbtöne, die auf den Betonwänden schichtweise, horizontal mit einem breiten Pinselstrich aufgetragen sind, verändern sich durch den Lichteinfall immer neu und lassen durch die gegenseitige Reflexion Mischfarben und abwechslungsreiche Atmosphären entstehen.
Roeschs Werke sind der Ort, wo Unvorhersehbares stattfindet, wo Bilder in einem steten Fluss auftauchen, in einem weiteren Werk kopiert werden, um in einem dritten wiederum im Bildgrund zu versinken. Oder, um ihn selbst zu Wort kommen zu lassen: «Das ist wie ein Sog. Man findet seine eigene Bildsprache, lebt darin. Malerei wird spannender, je tiefer man hineingerät, aber auch immer schwieriger.»
Dominique von Burg, Kunst- und Architekturhistorikerin und Autorin. dvonburg1@bluewin.ch

Bis 
14.10.2017

Peter Roesch (*1950), lebt in Luzern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich
2015 ‹Smile, Breathe, Go Slowly›, sic!-Elephanthouse, Luzern; ‹A Day in the Studio›, LiveinYourHead, Institut curatorial de la HEAD - Genève, Genf; ‹All is One›, Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich
2013 ‹Paper work›, Museum im Bellpark, Kriens
2004 ‹Bevagna›, Edizioni Periferia, Luzern und Centro Culturale Svizzero, Mailand (Publ.)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Fortsetzung folgt. 140 Jahre HSLU D&K›, Jonas Etter, Martina Lussi, Peter Roesch, Roman Signer, Stiftung akku Emmen, Emmenbrücke
2016 ‹Sammlung Bellpark›, Museum im Bellpark, Kriens
2014 ‹Unicum›, Das Unikat - Künstler - Buch - Phänomen oder Paradox, Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern
2011 ‹Paperwork›, U37 Raum für Kunst, Berlin; ‹Viel Lärm um Alles. Barockes in der zeitgenössischen Kunst›, Haus für Kunst Uri, Altdorf (Kat.); ‹Max von Moos - gesehen von Peter Roesch›, Christian Kathriner & Robert Estermann, Kunstmuseum Luzern

Ausstellungen/Events Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Peter Roesch 23.08.201714.10.2017 Ausstellung Zürich Schweiz
Autor/innen
Dominique von Burg
Künster/innen
Peter Roesch

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