Quinn Latimer - Kunstkritik als Selbstporträt?

Fokus

Quinn Latimer, Herausgeberin der documenta-Publikationen, bewegt sich schreibend ebenso in der Kunstkritik wie in der ­Poesie. Ihre Kunst, die kritische Stellungnahme mit einer ­hohen Sensibilität für den Eigensinn der Wörter zu verbinden, war ­Anlass eines Gesprächs - über die Macht von Sprache und über Subjektivität in der Kunstkritik.

Quinn Latimer - Kunstkritik als Selbstporträt?

Isabel Zürcher: Sie sind nicht nur Kunstkritikerin, sondern arbeiten auch als Dichterin, Essayistin, gelegentlich mit Lecture Performances. Was bedeutet Ihnen Schrei­ben ganz persönlich?

Quinn Latimer: Das klingt vielleicht sentimental, aber für mich ist es eine Möglichkeit, mir die Welt zu erklären. Sprache ist eine Form, Wirklichkeit zu lesen, sie zu deuten und ihr vielleicht auch entgegenzutreten. Ich weiss oft nicht genau, was ich über etwas denke, bis ich ins Schreiben gehe. In der Sprache stellt sich dann eine Art Klarheit ein. Nicht nur in der Kunstkritik denke ich intensiv über Sprache nach, sondern - gerade jetzt - auch politisch: wie ihre Autorität Beziehungen organisiert, wie sie die Welt strukturiert. Darum haben wir in den documenta-Reader auch Quellen des Imperialismus und der Dekolonialisierung integriert, darunter etwa den ‹Indian Act› von 1867. Da wird anschaulich, wie mächtig die Sprache Körper codifziert. Mich beschäftigt sie als eine Art Gender Performance - mit allen sozialen Normen, die unsere Wortwahl männlich oder weiblich bestimmen.

Zürcher: Sie haben vermieden, Texte vorzulegen, welche die Welt aus sicherer Warte zu erklären versprechen. Ist das ein Teil des «Verlernens», wie die documenta 14 es empfahl?

Latimer: Es war für uns von Anfang an klar: Wir wollten uns nicht nur auf Kunstgeschichte oder politische Theorie stützen, sondern das Ganze auch aus einer gleichsam fiktionalen Perspektive angehen. Literatur und Sprache - Poesie, Parabeln, ­Briefe - wollten wir ebenso integrieren wie Kunstproduktionen im engeren Sinn.

Zürcher: Ihr eigener Essay knüpft an die antike griechische Schreibkultur an und mündet in eine weit verzweigte Reflexion über die Bedeutung und Kraft des geschriebenen und gesprochenen Worts.

Latimer: In Jesper Svenbros für mich äusserst inspirierendem Buch ‹Phrasikleia: Anthropologie des Lesens im alten Griechenland› stellt eine Passage die Figur des Schreibenden als Vater und Patriarchen vor. Das Schreiben selbst verkörpert die Tochter. Sie hat keine Stimme, bis ein Nachfolger ihres Vaters, ihr Ehemann, ihre Stimme sein kann. Er liest dann, was sie geschrieben hat, und liest damit eigentlich ihren Vater. Durch den Akt ihres unhörbaren Schreibens hindurch bleiben es zwei Männer, die sprechen. Für mich als Schreibende (und Lesende) ist der Unterschied zwischen der Stimme, die im Raum ist, und der Stimme, die im eigenen Kopf bleibt, hoch interessant.

Zürcher: Diese patriarchale Umklammerung ist allerdings auch Provokation: «Das ganze Gerede über das stimmlose Weibliche weckt in mir die Lust, selbst ein Feuer zu legen», heisst es an einer Stelle.

Latimer: Die geschlechterspezifische Trennung zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort ist tatsächlich dunkel und bizarr. Doch dahinter stehen gesellschaftlich wichtige Fragen: Wer hat eine Stimme? Wer definiert Bedeutungen? Die politische Theorie diagnostiziert unserer Gegenwart eine Rohheit im Umgang mit Sprache. Das sind Dinge, die im Publizieren für die documenta 14 wichtig waren und die wir thematisieren, indem wir nicht nur die Autorität des weissen, männlichen, europäischen Philosophen des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen lassen.

Zürcher: Sie sind als Autorin auch mit explizit autobiografischen Spuren im Text anwesend. Gibt es eine Notwendigkeit, schreibend eigene Wurzeln freizulegen?

Latimer: Ich weiss nicht, ob es unbedingt notwendig ist, aber Schriftsteller und Künstler schaffen oft aus zwei, sich gegenseitig nährenden Orten: Erfahrung und Fantasie. Das «Ich» des Textes ist nicht genau ich - es ist das «Ich» des Schreibens, eine Aufführung des Selbst in schriftlicher Form. Auch mein neues Buch bewegt sich zwischen verschiedenen «Ichs», die alle in meinem Leben und meiner Arbeit verhaftet sind, die aber nicht gleich autobiografisch oder fiktiv sind. Wobei ich nicht sicher bin, was der Wahrheit am ehesten entspricht: Manchmal, würde ich sagen, die Fiktion, manchmal die Autobiografie. Manchmal scheint die Kunstkritik eine fähigere Form des Selbstporträts zu sein als die Poesie.

Zürcher: «Unsere stets neue Welt wird eine Welt der radikalen Subjektivitäten sein», heisst es an einer Stelle im Reader. Ist Subjektivität eine mögliche Antwort auf die Gegenwart, in der Menschen zunehmend ihre Identität suchen und definieren müssen?

Latimer: Eine Politik oder eine politische Repräsentation, die auf der Suche nach ­einem verbindlichen Konsens innerhalb einzelner Gruppen basiert, droht zu scheitern. Darauf, denke ich, weist Adam Szymczyk mit diesem Satz hin. Die Welt war wohl schon immer jene der radikalen Subjektivität - von meiner eigenen kann ich nicht wirklich sprechen, da ich zu weit drin bin. Doch meine eigene Erfahrung, weit entfernt zu leben von da, wo ich aufgewachsen bin, und doch seltsamerweise näher an den Orten zu sein, aus denen meine Vorfahren kamen, bedeutet, dass mein Schreiben eine Beschwörung nicht mehr existierender Welten ist. Es ist eine Art, am Leben zu erhalten, eine Art Ruhm durch die Stimme, die immer sozial ist. «Kleos», wie die alten Griechen es nannten.

Zürcher: Mich hat beeindruckt, wie die Ausstellungen und Publikationen bei allem historischen Bewusstsein jeder Nostalgie fern geblieben sind.

Latimer: Wenn die Nostalgie nicht vorkam, dann hat es damit zu tun, dass wir wissen: Es ist nicht vorbei. Wir fassen Geschichte auf als etwas, das immer noch Gegenwart einnimmt. Auch das moderne Griechenland entkommt nicht den Bildern, die Deutschland von diesem Land - der ersten Demokratie - schon lange entworfen hat: Welche Projektionen bringen wir ins Selbstverständnis einer modernen Gesellschaft ein, wenn staatliche Institutionen wie Gerichte, Theater, Börsen dem antiken Tempel nachempfunden sind?

Zürcher: Vor allem in Athen war es nicht leicht, faktische Informationen über die documenta-Künstlerinnen und -Künstler zu bekommen.

Latimer: Wir haben darauf verzichtet, wie andere Grossausstellungen eine Künstler­liste und Curriculi zu publizieren und so Autorschaft an Herkunft oder nationale Identität zu binden. Ich habe im Daybook sehr darauf geachtet, dass die Information in den Texten integriert ist. Aber wir wollten nicht, dass man so schnell sagen konnte: Aha, fünf Künstler kommen aus den USA und zwölf aus dem Fernen Osten. Das sagt ja heute auch nicht mehr sehr viel, weil die meisten ohnehin Reisende oder an mehreren Orten beheimatet sind. Dass die Ausstellung über die Kunsträume hinaus aus einem riesigen öffentlichen Programm besteht und sich fortsetzt in den Publikationen, ist natürlich herausfordernd - aber Teil unserer Absicht.
Quinn Latimer ist Dichterin und Kritikerin aus Kalifornien. Für die documenta 14 war sie als Co-Autorin und -Herausgeberin der Publikationen ‹documenta Reader›, ‹Daybook› und ‹South as a State of Mind›.

neuste Publikation: Like a Woman. Essays, Readings, Poems, Quinn Latimer, Sternberg Press, 2017

Die vierte documenta-Ausgabe der Publikation ‹South as a State of Mind› erscheint im September

Lecture Performance von Quinn Latimer über die documenta 14-Publikationen und Lesung von ‹Like a Woman›, ZHdK, Master Fine Arts, 14.11., 18.15-19.30 Uhr

Autor/innen
Isabel Zürcher
Künster/innen
Quinn Latimer

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