RELAX (chiarenza&hauser&co) - Von der Kunst des Kritik-Übens

The artists just before the peak of their career, 2008, 180x125 cm. Foto: the artists

WHAT IS WEALTH?, 2010-2017, Installation, Glücksrad, 1100x700x200 cm, ©Kunstmuseum Liechtenstein. Foto: Stefan Altenburger

Fokus

Im Kunstmuseum Liechtenstein wurde im Februar die Ausstellung ‹Who pays?› eröffnet. Dem Künstler/innen-Kollektiv ­RELAX verdankt sie nicht nur ihre leuchtende Neonüberschrift, ­sondern auch ihre Glaubwürdigkeit. chiarenza & hauser & co zeigen neuerlich, wie sich kritische Kunst auch im White Cube des Museums ihre differenzierte und lebendige Störkraft bewahren kann.

RELAX (chiarenza&hauser&co) - Von der Kunst des Kritik-Übens

Die Kunst des Kritikübens ist vermutlich eine der schwierigsten Künste überhaupt. Gerade in kapitalistischen Gesellschaftsordnungen wie der unsrigen, in der ökonomisches Handeln und Denken allgegenwärtig sind. In diesem Kapitalismus gilt ein goldenes Gesetz: Kritik - an dieser erfolgsorientierten Lebensmaxime - auf möglichst effektive Weise unschädlich zu machen. Das funktioniert, indem Kritik zum Zweck der Gewinnmaximierung umgemünzt und damit unmerklich vereinnahmt wird. Galt etwa der «Öko» mit seiner Kritik an unserer wenig nachhaltigen Lebensweise noch bis vor Kurzem als realitätsfremder Idealist, hat nicht nur die Lebensmittelindustrie mittlerweile erkannt, welche Gewinne sich mit dem Label «Öko» erzielen lassen und ist «Sustainability» zum liebsten Zauberwort der Marketingszene avanciert. Für die Bilanz des globalen Umweltschutzes dürfte solch oberflächlicher, kritikbefreiter Lifestyleökologismus allerdings so gut wie keine Rolle spielen. Gut gemachte, sprich effektive Kritik muss deshalb den Charakter eines Chamäleons annehmen, sollte sich permanent erneuern und darf als solche nicht erkennbar sein. Was, wie eingangs erwähnt, ein hohes Mass an Übung erfordert.

Mit stoischer Ruhe und heiterer Gelassenheit
Das seit über dreissig Jahren von der Schweiz aus agierende Künstler/innen-Kollektiv RELAX beherrscht diese Übung mittlerweile annähernd meisterlich. Das erkennt man nicht auf den ersten Blick. Oftmals steht man vor Interventionen von chiarenza & hauser & co und weiss nicht recht, was man angesichts schwer verklausulierter, künstlerischer Versuchsanordnungen eigentlich denken soll. Tritt man einen Schritt zurück und wirft einen Blick auf den gesamten langjährigen Arbeitsprozess des Kollektivs, wird allerdings deutlich, wozu dieses fähig ist: Kritik an Gesellschaft zu artikulieren, ohne diese als solche zu kennzeichnen - mit stoischer Ruhe und ­einer gelassen-augenzwinkernden Heiterkeit. Seit Anfang Februar lassen sich diese RELAX'schen Zen-Übungen im Kunstmuseum Liechtenstein neuerlich aus nächster Nähe begutachten. Unter der - ebenfalls aus den Studios von RELAX stammenden - neonleuchtenden Überschrift ‹Who pays?› geht Christiane Meyer-Stoll Fragen zu unseren «sich verändernden Geld- und Kapitalvorstellungen und einem damit einhergehenden Wandel von Bedeutungen und Werten» nach; ausgehend von Beuys' Kunst-, Kreativitäts- und Kapitalbegriff und anhand von 43 künstlerischen Beiträgen aus den 60er-Jahren bis in die Gegenwart.

Angriff auf die ästhetisierende Athmosphäre
Das macht, in Zeiten, in denen ein Multimillionär, ein Ölmagnat und andere zweifelhafte Gestalten die (politischen) Geschicke der einst grössten Weltmacht lenken, durchaus Sinn. Ein Besuch der Ausstellung «lohnt» sich also schon allein deshalb. Auch weil viele der hier versammelten Arbeiten auf poetische Weise dem Wesen der finanzmarktgelenkten Politik sowie dem politisch motivierten Finanzwesen nachgehen. Allerdings bringt die Ausstellung auch zwei Probleme mit sich: zum einen ein relativ unkritisch formuliertes Konzept, in dem etwa Beuys' «Kreativitäts»-Begriff unhinterfragt übernommen wird. Gleichwohl solche «Kreativität» heute - vierzig Jahre nach Beuys - zur Zauberformel neoliberaler Lebensrealität erkoren wurde, für die gilt: Wer keinen Erfolg hat, war nicht kreativ genug.
Zum anderen erscheinen im Kontext des Liechtensteiner weiss gewandeten, oberlichtdurchfluteten und architektonisch perfekt durchdeklinierten White Cube viele der gesellschaftskritischen Interventionen wieder einmal merkwürdig eingesperrt und ihrer Wirkmächtigkeit beraubt. Das ist der Kuratorin nur bedingt anzulasten. Galerienhaft gestaltete Museen zeitgenössischer Prägung neigen - Kritik hin oder her - schnell dazu, die in ihnen ausgestellten Beiträge wie kapitale Objekte des Kunst- und Finanzmarktes dastehen zu lassen. Gerade deshalb aber erweist sich der Schachzug der Kuratorin, das Künstler/innen-Kollektiv RELAX - abgesehen von dessen Titelgebendem Werk - um einen Beitrag für die Ausstellung zu bitten, auch als so überaus wertvoll. Nicht weil RELAX hier - der Logik steten Fortschritts folgend - eine komplett neu entworfene Arbeit zeigt. Sondern weil ihre sich selbst zitierende, dem Kontext entsprechend neu zusammengesetzte Intervention einem direkten Angriff auf die slicke, alltagsentfremdete und ästhetisierende Atmosphäre des (Liechtensteiner) Kunstmuseums gleicht.
In einem von Baustellenzäunen umfassten Käfig erkennt man schon aus der Ferne ein buntes, leicht chaotisch wirkendes Sammelsurium von Objekten - seltsam geformte Kissen aus dem Jahr 2000 etwa, so genannte «useme*s»; Zettelhaufen aus zumeist Alkoholkäufe bezeugenden Quittungen; Kisten, die Kunstwerke der Liechtensteiner Sammlung beherbergen; sowie Bildschirme, auf denen zwei sehenswerte Filme im Dauerloop flimmern. All das wirkt, als wäre es wahllos zusammengewürfelt - fast so, als sei es den Künstler/innen nicht gelungen, ihren Beitrag geordnet und zeitgerecht fertigzustellen. Entsprechend setzt man sich am besten erst einmal auf die ausrangierten Stühle und Sessel im so genannten Waste-Room ausserhalb des Käfigs und versucht, Gedanken zu sortieren. Dann allerdings gilt es, die Aufsichtskraft um Einlass in den Käfig zu bitten, als Tauschwert für den Einlass auf einer «Fläche für zeitlich befristete Tausch-Handlungen» einen persönlichen Wertgegenstand zu hinterlassen, um anschliessend, von der Aufsichtskraft, ebenso wie von ­einem annähernd lebensgrossen fotografischen Ganzkörperporträt der Künstler/innen in leicht klaustrophobischer Manier auf Schritt und Tritt verfolgt, tiergleich durch das Objekte-, Video- und Textsammelsurium des Käfigs zu irren - und sich dabei wieder einmal leicht rätselnd zu fragen, was das alles denn eigentlich soll.
Erst beim Verlassen des Käfigs, vielleicht sogar erst während man den - im winzigen Liechtenstein riesenhaft wirkenden - Museumskomplex verlässt, realisiert man, was RELAX da eben wieder einmal mit einem veranstaltet hat. Wie chiarenza & hauser & co einen - trotz ihrer physischen Nicht-Anwesenheit - in ein sehr reales «Gespräch» über unser ökonomisches Denken und Handeln, über das Kunstsystem, über Fragen des Feminismus, oder auch über persönliche Selbstsorge in Zeiten unbedingter Selbstoptimierung verwickelt hat. Man beginnt, über das sogenannte «Wealth Manifesto» zu sinnieren, und darüber, wie sich - auch ausserhalb des von RELAX dafür vorgesehenen Raums -Zeit noch so verschwenden liesse. Oder erinnert sich an «die belege, les quittance, the receipts» von RELAX aus dem Jahr 2005, mit den zahllosen gesammelten Quittungen und Rechnungen von 1984 bis 2004, die, im Verhältnis zu einer stark abfallenden «Realitätskurve» der von 1990 bis 2005 dem Kollektiv zur Verfügung stehenden Budgets und Ausstellungsflächen, auf anschauliche Weise verdeutlichten, was für ein hartes und entbehrungreiches Minusgeschäft so ein Dasein als Künstler/in doch darstellt. Ausserdem schmunzelt man nachträglich über die eigene Ehrfurcht beim kurzen Streifen über ein Sammlungsstück des Museums und die damit einhergehende Erkenntnis, wie wenig doch der Preis solcher Kunst zu (er)spüren ist.

Voreilige Sinnstiftungen verhindern
All das funktioniert ohne erhobenen moralischen Zeigefinger, dafür aber mit (selbst-)ironischer, selbstkritischer, fragender und nicht leicht zu entschlüsselnder Unaufgeregtheit. RELAX katapultiert einen aus der sedierten Kunstbetrachtungsroutine in eine Art künstlerische Haltlosigkeit - in der einem nicht mal die selbst leicht irritiert wirkende, mit völlig neu gestalteten Kontrollaufgaben betraute Aufsichtskraft wirklich helfen kann. Nichtsdestotrotz hallt das von Lachen und unbeantworteten Fragen begleitete Gespräch mit dieser - ebenso wie die eine oder andere kluge Sentenz aus dem Hause RELAX - noch Tage lang in einem nach. So, wie einen der RELAX-Becher mit seiner Aufschrift «you pay but you don't agree with the price» im heimischen Bücherregal seit Jahren tagtäglich daran erinnert, dass man den Preis - für die zentral gelegene Wohnung, geniessbares Essen, oder einen Kita-Platz - zwar zahlt, mit dem Preis aber keineswegs einverstanden ist. Womit schlussendlich gelungen sein könnte, was die Künstler/innen selbst als Hauptmotiv ihrer Arbeit umschreiben: «Voreilige Sinnstiftung zu verhindern» - und sich so, mit stoischem Gleichmut, heiterer Gelassenheit und in konspirativer Kompliz/innenschaft mit ihrem Publikum, in der (ephemeren) Kunst der Kritik zu üben.
Verena Nora Doerfler ist Publizistin und Kulturwissenschaftlerin, lebt und arbeitet in Zürich und Berlin, und forscht derzeit zu Fragen der «Hochstapelei». verenadoerfler@gmx.de

Bis 
21.05.2017

Marie-Antoinette Chiarenza (*1957, Tunis) und Daniel Hauser (*1959, Bern) arbeiten seit 1983 zusammen - unter dem Namen RELAX (chiarenza & hauser & co). Das «& co» verweist auf mögliche Zusammenarbeitsformen.

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹a word a day to be wiped away 2›, Center of Contemporary Art Tbilisi (Georgien)
2010 ‹what is wealth?›, Cornerhouse Manchester
2008 ‹GO MIO, der geheime grund der weltkultur›, Museum Folkwang Essen
2005 ‹die belege, les quittances, the receipts›, Kunsthaus Centre PasquArt Biel-Bienne
2003 ‹parking avenir›, Künstlerhaus Bethanien Berlin
1999 ‹for sale›, Hood Museum of Art, Dartmouth College, Hanover, New Hampshire (USA)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹die künstlerinnen kurz vor dem höhepunkt ihrer karriere›, Manifesta 11, Zürich
2015 ‹up-close and amnesiac 2›, Sviluppo - Parallelo, Kunstmuseum Luzern
2015 ‹the heretics or sophie's laughter›, art en plein air, Môtiers
2015 ‹up-close and amnesiac›, voglie vedere le mie montagne, Museo Arte Gallarate (Italien)
2014 ‹a word a day to be wiped away›, 5. Sinop Biennale, Sinop (Türkei)
2012 ‹USE (unexpected side effects)›, 1. Tbilisi Triennale, Tbilisi (Georgien)
2011 ‹invest & drawwipe›, dislocacion, Kunstmuseum Bern

Werbung