«Echolot» im Museum Fridericianum

Shirin Neshat · Alleyways, 1997
Film Still; Courtesy Museum Fridericianum, Kassel

Besprechung

Künstlerische Darstellungen aus aussereuropäischen Ländern treffen in Europa noch immer auf grundlegende Verständnisschwierigkeiten. Die Ausstellung «Echolot» mit neun Künstlerinnen aus der Türkei, dem Libanon, dem Iran, Ägypten, Korea, China, Australien macht dies deutlich.

«Echolot» im Museum Fridericianum

Die Künstlerinnen bedienen sich der Darstellungsformen nicht um ihrer selbst willen. Sie nutzen Fotografie, Video, Kopie, Installation, Tafelbild, um von Lebensformen zu erzählen, die trotz mannigfacher Globalisierung dem Westen fremd blieben. Zwar sind die Oberflächen lesbar. Aber die Bezugsfelder bleiben ohne kulturelle Kompetenz der jeweiligen Zusammenhänge stumm oder missverständlich. Darin liegt ihre Chance. Denn Missverständnisse wirken oft produktiv und fördern den Dialog.

Als 1995 die Fotografien von Shirin Neshat (*1957 in Qazvin/Iran) in Venedig gezeigt wurden, verstand man sie als Kritik der islamischen Gesellschaft im Iran. Schwarzverschleierte Frauen traten mit Waffen auf, Gesichter und Hände waren mit Gedichten in persischer Sprache beschriftet. Shirin Neshat zeigte die Frau im Islam, deren gesellschaftliche Zeichen dominanter als die individuellen waren. Diese Fotografien sind nun in Kassel in einem grossen Saal gleichsam als Retrospektive zu sehen. Neu sind zwei Filme, in denen die Akustik eine signifikante Rolle spielt. Im ersten Film, «Turbulent», erscheint eine Frau wie ein Scherenschnitt auf einer Bühne und singt leidenschaftlich zwischen Klage, Drohung und Stolz ein Lied vor leerem Saal. Im zweiten, «The Shadow Under the Web», sehen wir ringsum auf vier Wänden eine verschleierte Frau durch die Strassen Istanbuls in die Moschee laufen und erst in der Mitte des Raums, der den Männern vorbehalten ist, ruhen. Währenddessen keucht eine Stimme rhythmisch «Haah-Jo»; es ist die Stimme von Mystikern, die sich in Trance versetzen. Neshat nimmt auch in ihrer Referenz auf die Schrift die Rolle von Mystikern ein, um in der Gesellschaft einen Platz als Aussenseiterin zu haben.

Kim Soo-Ja (*1957 in Seoul) ordnet Tücher zu Bündeln oder flach im Raum. Wir sehen reine kraftvolle Farbwirkungen mit Bezügen zur Malerei und zum asiatischen Alltag und erkennen gleichzeitig den Gebrauchswert. Ghada Amer (*1963 in Kairo) übernimmt Schnittmuster aus Frauenmagazinen und pornografische Vorlagen aus Männerheften und näht den Umriss einer masturbierenden Frau in serieller Reihung auf die Leinwand. Fariba Hajamadi (*1957 in Esfahan/Iran) nutzt indische Miniaturen und Zeichnungen von Goya als Tapetenmuster, schafft durch Farbe atmosphärisch aufgeladene und durch Muster kulturell codierte Räume.

Man kommt beim Gang durch die Ausstellung weit herum in der imaginären Welt. Ayse Erkmen (*1949 in Istanbul) holt einen wieder zurück an den Ort, wo man sich befindet. Sie richtete das Büro von Catherine David im Zwerenturm ein. Die Korrespondenzen mit allen Künstlern der letzten documenta stehen im Regal. Über die Computerbildschirme sausen pfeifend Geschosse. Hier denkt man zurück an den letzten Sommer; aber der neue Direktor René Block macht alles anders.


Bis 
06.06.1998
Autor/innen
Peter Herbstreuth

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