Wolfgang Tillmans - Die Freiheit des Schauens und Spielens

Tree Filling Window, 2002, alle Werkaufnahmen Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln

I Don't Want to Get Over You, 2000

Fokus

Wolfgang Tillmans ist mit seinem vielseitigen bildnerischen Œuvre international präsent: Mit seiner Magazinarbeit lässt er die Grenzen zwischen Popkultur und Kunst durchlässig werden. In seinem Raum ‹Between Bridges› zeigt er Positionen jenseits des Mainstreams. Aktuell stellt er sich mit seinen Plakatkampagnen gegen nationalistische Tendenzen. Im Vorfeld seines Auftritts in der Fondation Beyeler spricht er im Berliner Studio über die Konzeption der Schau.

Wolfgang Tillmans - Die Freiheit des Schauens und Spielens

Lübbke-Tidow: Wie entwickelst du für ein Museum wie die Fondation Beyeler in ­Riehen eine Ausstellung?

Tillmans: Die Sammlung setzt auf herausragende Einzelwerke. Dennoch wollte ich versuchen, nicht zu museal zu werden. In einem langen Dialog mit Theodora Vischer und Sam Keller war es dann ganz natürlich, den Gedanken weiterzutreiben und nach dem Bild zu fragen: Was ist an den Bildern dran, wenn man sie einzeln betrachtet?

Lübbke-Tidow: Verlangt die politisch aufgeladene Zeit gerade jetzt, bestimmte Bilder zu zeigen?

Tillmans: Ich werde in letzter Zeit viel gefragt, ob Künstler den besonderen Auftrag haben, sich politisch zu äussern, und dabei merke ich, dass das Grosse und Wichtige an Kunst ist, dass sie erstmal nichts bedienen muss. Diese Freiheit an sich ist wichtig, sie kann nicht dominiert werden von Trump oder irgendjemand anderem. Gleichwohl sind alle Menschen, inklusive Künstler, heutzutage aufgerufen, sich gegen die autoritäre und nationalistische Bedrohung unserer Lebenswelten zu positionieren. Die Ausstellung ist aber mehr geleitet von der Freiheit des Schauens und Spielens.

Lübbke-Tidow: Es gibt hier eine Konzentration auf fotografische Bilder, die auf ­einen experimentellen Umgang mit dem Medium verweisen, die kameralose Lichtschreibungen zu sein scheinen.

Tillmans: Wobei für mich auch das Kamerabild eine Lichtschreibung ist. Den Begriff experimentell lasse ich nur zu, wenn klar ist, dass er auch für jedes Porträt gilt. Man kann 100 Porträts machen, und alle 100 sind brauchbare Bilder. Aber keines transzendiert vielleicht in der Weise, um von mir ausgewählt zu werden. Aber genau dieser Moment der Transzendenz ist Gegenstand der Ausstellung. Und das hat was mit Spiel, mit Offenheit, mit dem Zulassen von Unbekanntem, Unerwartetem zu tun. Deshalb kommen vielleicht die explizit politischen Dinge hier nicht so vor.
Empathie hat immer auch etwas mit Spiel zu tun.

Lübbke-Tidow: Bei den Porträts bist auch du gewissermassen immer mit im Bild. Da spricht so ein Zugegensein und nicht ein Sich-hinter-der-Kamera-Verstecken aus den Bildern. Eine Art Bekenntnis deiner selbst in den Figuren derer, die du fotografierst. Das empfinde ich als eine fotografische Haltung, die besonders ist. Das ist für mich ein politischer Moment. Bündnisse schliessen. Zusammen sein.

Tillmans: Bilder als Bilder herauszuarbeiten, sie spürbar, sichtbar und auch besprechbar zu machen, ist eigentlich der Leitfaden für die Ausstellung. Das, was man spürt, das, was man in sich wiedererkennen kann, das ist eine spezielle Qualität. Das kann man schwer in Worten erklären, aber doch herausarbeiten: Meine der Welt zugeneigte Art zeigt sich als Haltung, ja.

Lübbke-Tidow: Es geht um Empathie?

Tillmans: Empathie! Ja, das, was man ganz unpathetisch sagen kann, das ist vielleicht das Genuine meiner Arbeit. Dass sie nicht erfunden ist oder künstlich erzeugt. Empathie ist für mich ein Grund, überhaupt ein Bild zu machen. Und sie hier einfach sprechen zu lassen. Und Empathie hat immer auch etwas mit Spiel zu tun, mit Leichtigkeit, und die springt auch über in die «Lichtspiele», die du stark präsent findest - zum Beispiel bei den ‹Intervention Pictures›, die den grössten Saal bei Beyeler bekommen. Sie sollen ein Comeback haben, weil man sie vielleicht jetzt mit einem anderen Gefühl sehen kann als vor fünfzehn Jahren, als sie zuerst auftauchten. Damals stellten sie mehr einen konzeptuellen Versuch der Erweiterung des Mediums dar.

Lübbke-Tidow: Ein Kern deiner Arbeit ist sicher, zu Bildern zu kommen, die als Bilder - und nicht als konzeptuell begründetes Rätsel - ihre Wirkung entfalten. Zugleich aber bleibt das aktive Mitausstellen von «Fehlern» im Aufnahme- und Entwicklungsprozess für mich ein Hinweis darauf, dass im fotografischen Bild viele künstlerische Verhandlungsfragen zusammenkommen.

Tillmans: Die ‹Intervention Pictures› sind aktiv gesetzte Interventionen in der Dunkelkammer während des Belichtungsprozesses des Negativs, keine «Fehler». Sie sind gleichzeitig gemalt und projiziert. Aber dass Bilder, dass Fotografien «gemacht» sind, ist natürlich ein zentraler Aspekt. Ich betone das, ja, aber ich vertusche es auch.

Lübbke-Tidow: Wie kann man sich der Arbeit ‹Night Jam›, die du hier gleich an den Anfang im Foyer platziert hast, nähern?

Tillmans:
Da ist nachts ein Papier in der Maschine stecken geblieben und hat sich um eine Walze gewickelt. Das nennt man auf Englisch «paper jam», Papierstau. Der einzige Weg, wie man das aus der Maschine kriegt, ist, dass du einzelne Stücke abschneidest und rausziehst. Mir wurde klar, dass sie so, wie sie daliegen, wiederum ein eigenes Bild ergeben. Ein fundamental fotografisches Bild, weil es mit dem Papier und der dazugehörenden flüssigen Chemie die Fähigkeit der Fotografie abbildet, farbiges Licht in farbige Fläche zu übersetzen. Und das ist das Grundwunder, das mich immer wieder fasziniert.

Das fotografische Bild ist mein Werkzeug

Lübbke-Tidow: Das Bild macht deutlich: Das Medium ist mein Werkzeug, es gibt viele Wege in es hinein, das «Wie» obliegt meiner künstlerischen und materiellen Handhabung.

Tillmans: Ich nenne das jetzt spielerisch, das hätte ich vor 15 Jahren, als ich mich viel den nicht gegenständlichen oder reinen Dunkelkammerbildern widmete, vielleicht nicht so deutlich gesagt: Das ist auch Spiel, und Spiel ist ja nicht unernst. Kinder lernen die Welt ja zum Teil überhaupt durch Spiel erst kennen. Was ist sonst der Sinn des Lebens? Das ist ein Teil davon.

Lübbke-Tidow: Was für einem Spiel hat sich die Gruppe, die im Kreis tanzt, hingegeben? In welchem Zusammenhang wurde es aufgenommen?

Tillmans: Das ist von 1993 und heisst ‹Sitzkreis›. Alle sitzen aufeinander. Solange jeder auch jemanden auf seinen Knien sitzen hat, gibt es auch immer ein Paar Knie, auf denen man seinen Po ablegen kann.

Lübbke-Tidow: Du hast einen Sensor dafür, was sich einklinkt in eine bestimmte Tradition von Körperdarstellungen. Man gewinnt zwar nicht den Eindruck, dass die Bilder bewusst komponiert sind oder auf ein konstruiertes Setting zurückgehen, denn oft sind es Ausschnitte von feierlichen Zusammenkünften, die aus dem Moment heraus entstanden sind. Und trotzdem gibt es Anleihen an klassische Kompositionsprinzipien. Inwiefern sind das bewusste Entscheidungsprozesse, die dich in der Auswahl der Bilder leiten?

Tillmans: Also die funktionieren durch eine Gleichzeitigkeit eines anatomischen Inter­esses, eines Begehrens, eines erotischen Interesses, eines skulpturalen Interesses und eines empathischen Interesses, und damit meine ich Ideen von Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit, die ich ja in mir selber empfinde und im anderen Körper wiedererkenne. Das Anatomische ist da vielleicht eher das Kunsthistorische, das anklingt, und das Begehren ist vielleicht eher der Auslöser, der meine Sinne wach macht für das spezielle Sujet. Die reine Körperstudie ist uninteressant und die reine sexuelle Begierde ist auch uninteressant. Aber irgendwo muss das Interesse herkommen, warum man sich überhaupt mit diesem oder jenem Körper beschäftigt, und das gehört auch bei den Porträts dazu, die auch eine Art Körperbild sind. Da muss eine Art Zuneigung vorhanden sein, ein Interesse, das einen überhaupt erst wach macht dafür, dass andere Aspekte, wie die Skulptur, das Psychologische, das Philosophische usw. dann mit ins Bild kommen können.

Etwas tun, das die Netzhaut reizt

Lübbke-Tidow: Ich sehe in den Körperdarstellungen eher eine Verbindung zu den «Faltenwürfen» in deinem Werk, weniger zu den Porträts.

Tillmans: Ich habe gemerkt, dass ich die «Faltenwürfe» aus irgendeinem Grund nicht so aufladen und besprechen will. Ich will deren Natur, was die tun, nicht genauer in Worten verstehen. Da ist irgendein Geheimnis drin.

Lübbke-Tidow: Vielleicht ist da auch ein Witz drin. Wenn ich an die Socken denke, die verstreut über den Flur liegen...

Tillmans: Dieser Aspekt ist faktisch minimal. Das ist etwas, was nur im Kopf des Betrachters stattfindet. Ich mache nichts, was auf ein Vorher oder Nachher verweist, das ist einfach viel zu erzählerisch, und so etwas würde ich nie machen.

Lübbke-Tidow: Du willst keine Narrative um die Bilder herum entwickeln?

Tillmans: Genau. Weil der Kopf das sowieso gleich tut. Deshalb zügle ich die Bilder hier - nicht in einer krampfhaften Weise. Aber ich halte sie ganz bewusst frei von einer Übererotisierung oder Übererzählung. Es geht eigentlich immer um den Stoff oder um das Paradox, dass ein zweidimensionales Material eine dreidimensionale Form bildet. Dieses Paradox will ich nicht auflösen. Da sitzt etwas in meinem Werk, in meinem Verständnis von der Welt, in meinem Interesse am fotografischen Blatt, was diese Möglichkeiten zur Beugung und Biegung hat, verbunden mit dem Interesse an dem Gefalteten, an Falten werfendem Stoff und der Haut, dem Organ, das uns umspannt. Aber das will ich nicht weiter in Worten erforschen, denn das sehe ich als eine dynamische Spannungsfeder, der ich die Spannung nicht nehmen will.

Lübbke-Tidow: Mehr noch als die Faltenwürfe entziehen sich deine Stillleben einer Versprachlichung. Wie bewege ich mich da eigentlich rein, um sie zu besprechen? Wie verhält es sich hier mit den Narrativen? In die Bilder geraten ja oft auch Alltagsobjekte mit rein, der Teller ist leer, die Zigarettenstummel liegen daneben...

Tillmans: Bei den Faltenwürfen kamst du auch auf das Erzählerische... aber das spielt sich klar im Kopf des Betrachters ab, ich versuche das bewusst zurückzuhalten. Die Stillleben bedeuten eher ein Spiel mit Absurdität, mit Grössenmassstab, mit dem Einfachen, dem Speziellen, dem Alltäglichen und mit dem Raren. Das, was ich versuche herzustellen, ist, dass in einem Bild die Dinge irgendwie in einem Zusammenspiel stehen. Ich versuche etwas zu machen, das sprichwörtlich die Netzhaut reizt...

Lübbke-Tidow: Harun Farocki hat in seinem Film ‹Still Life›, 1997, sinngemäss gefragt: Wie kann es eigentlich sein, dass noch vierhundert Jahre nach dem Entstehen der ersten Stillleben immer noch nicht vollständig geklärt ist, was auf den Gemälden überhaupt zu sehen ist? Sie entziehen sich einer Versprachlichung. Er kommt zu der Schlussfolgerung: Sie entziehen sich, weil sie gar nicht mehr sein wollen, als das, was sie sind. Und das steht im Widerspruch zu einer Vorstellung von Kunst, die sich versprachlichen muss, die etwas erzählen muss, die etwas bezeichnen und bedeuten muss.

Die Dinge sein lassen, was sie sind
Tillmans: Aber genau dieses Nichtzuschreiben und die Dinge sein zu lassen, was sie sind, finde ich schon genug. Wenn mir das gelingt, dann ist das schon «mehr». Viele Fragen rund um die Kunst oder um das Medium lassen sich nicht einfach mit dem Motiv erklären. Und damit sind wir sehr spezifisch in der Ausstellung bei Beyeler. Weil sie dem Grundgedanken folgt, Bilder als Bilder wirksam werden zu lassen. Und ja, wir können diesen Bildern je ein spezifisches Genre zuweisen. Aber ich arbeite nicht in Genres und auch nicht irgendwie kunsthistorisch-strategisch motiviert.

Lübbke-Tidow: Ich bin im Zusammenhang mit deiner Arbeit immer wieder zum Begriff des Genrebilds gekommen - wieder so ein kunsthistorischer Begriff. Deine Arbeit funktioniert für mich in ihrer Gesamtheit als Gesellschaftsbild, ein veralteter Begriff wäre das Sittenbild. Würdest du dem zustimmen?

Tillmans: Das interessiert mich total. Wie verhalten wir uns mit unseren Körpern im Raum zueinander, wie viel Nähe, wie viel Ferne, wie viel Hierarchie usw. ist da drin?

Lübbke-Tidow: ‹Neue Welt› kommt in der Ausstellung bei Beyeler gar nicht vor?

Tillmans: Es schien mir nicht nötig. Es ist ganz erfrischend, Arbeiten aus den 80er-,
90er- und frühen 2000er-Jahren wieder einmal zu sehen, mit einem neuen Blick ausgewählt. Ich lege Fäden in die Vergangenheit aus, um zu zeigen, dass bestimmte Themen schon immer da waren und sich bis heute durchziehen. Somit erzeuge ich vielleicht oder hoffentlich einen überraschenden Moment und zeige auch einer jüngeren Generation von Besuchern Werke von mir, die zu einer Zeit entstanden sind, als die gerade mal 10 oder 17 waren...
Maren Lübbke-Tidow ist freie Autorin, Kunstkritikerin und Kuratorin, lebt in Berlin, maren.luebbke@gmx.de
Interview am 13.4. 2017 im Studio Berlin.

Bis 
01.10.2017

Wolfgang Tillmans (*1968, Remscheid) lebt seit 2011 in Berlin und London

1990-1992 Studium am Bournemouth and Poole College of Art and Design, UK
Lebt 1992-1994 in London, 1994-1995 in New York, 1996-2007 in London

2000 Turner Prize, Tate Britain, London
seit 2006 Betreiber des Ausstellungsraums ‹Between Bridges›, bis 2011 in London, seit 2013 in Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 Tate Modern, London
2016 ‹On the Verge of Visibility›, Museu de Arte Contemporânea de Serralves, Porto, Portugal
2015 ‹Your Body is Yours›, The National Museum of Art, Osaka, Japan
2013 Kunstsammlung NRW, K21, Düsseldorf
2012 Moderna Museet, Stockholm; Museu de Arte Moderna de São Paulo; Kunsthalle Zürich
2008 ‹Lighter›, Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin
2006 Museum of Contemporary Art, Chicago
2003 ‹if one thing matters, everything matters›, Tate Britain, London
2001 ‹Aufsicht›, Deichtorhallen Hamburg
1995 Kunsthalle Zürich

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Fondation Beyeler Schweiz Basel/Riehen
Ausstellungen/Events Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Wolfgang Tillmans 28.05.201701.10.2017 Ausstellung Basel/Riehen Schweiz

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