Kunstbulletin 10/2017

Kunstbulletin 10/2017

Die Frage stellt sich vor zwei Ansichten von Luzern - einer minutiösen Malerei von Robert Zünd von 1887 und einer grossformatigen Aufnahme von Tobias Madörin von 2017. Zünds Gemälde zeigt eine idyllische Fluss- und Seelandschaft, die in der Ferne von einer sich im Dunst verlierenden Alpenkette begrenzt wird. Stellvertretend für uns, die wir das Bild betrachten, trippelt eine junge Bäuerin mit Kind und Hund über einen verschlungenen Weg Richtung Luzern. Die Szene wirkt übersichtlich, ganz anders als bei Madörin. In seiner Aufnahme müssen wir nahe herantreten, um das Bild lesen zu können. Der Fluss, die Reuss, in der dicht bebauten Vorstadtgegend kaum mehr zu erkennen, wird flankiert von einem dreigleisigen Bahntrassee und einer Auto­strasse. Vom See fehlt jede Spur, nur ein stehengebliebenes Stück Stadtmauer auf einem Hügel und die Bergsilhouette am Horizont lassen vermuten, dass es sich um denselben Ausblick handelt.
Schon zu Zünds Lebzeiten wirkten seine Bilder anachronistisch. Kollegen monierten, dass sich die sichtbare Welt über das neue Medium Fotografie schneller erfassen lasse. Das industrielle Tempo trieb Künstler wie Hodler, Amiet oder Giovanni Giacometti dazu an, mit malerischen Mitteln die Farbwirkung zu verstärken, Formen zusammenzufassen und das Bildgeschehen zu dynamisieren.
Auch Madörin widersetzt sich seiner Zeit. Mit seiner analogen Grossbildkamera benötigt er Stunden, um den richtigen Fokus zu finden und den Auslöser zu drücken. Diese Sorgfalt überträgt sich, lässt uns vor den Aufnahmen in zahllosen Mikroszenen versinken. Was ist ein Sujet? Ein radikales Zeitbild ebenso wie eine idealisierte Landschaft - Bilder jedenfalls, die den Blick zugleich fesseln und öffnen, so dass wir das Gesehene weiterdenken. Claudia Jolles

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