Kunstbulletin 7-8/2017

Kunstbulletin 7-8/2017

Goldumrahmt wachen die Würdenträger über das Geschehen im historischen Rathaus in Münster. Die Porträts aus vergangenen Zeiten verkörpern Politiker, Juristen und andere Respektspersonen, deren Namen heute mehrheitlich vergessen sind. Unter ihren strengen Blicken wurde in diesem Raum während Jahrhunderten getagt, debattiert, angeprangert und begnadigt. Und um 1648 wurde hier der Friede von Münster geschlossen. Alexandra Pirici hat sich nun der historischen Stätte bemächtigt und lässt darin im Rahmen der Skulptur Projekte Münster eine Gruppe von Performerinnen und Performern auftreten, die in fliessenden Gesten und kurzen Sprechchören historische und aktuelle Ereignisse zu einer hypnotischen Erzählung verknüpfen.
Nicht nur in Münster werden geschichtsträchtige Bauten von Künstlerinnen und Künstlern bespielt. In Venedig zog Anne Imhof im Deutschen Pavillon einen Glasboden ein und lässt nun einen ­Biennale-Sommer lang das 1938 durch die Nationalsozialisten umgestaltete klassizistische Gebäude von agilen Gestalten erschlei­chen, erklettern und durchkriechen. Auch bei der documenta 14 in Kassel kreisen viele Projekte um Aneignung und Selbstermäch­tigung. So liess die türkische Künstlerin Banu Cennetoğlu die ­Beschriftung des Fridericianums ersetzen. Nun lesen wir am zentralen Schauplatz der documenta: «Being safe is scary».
In Projekten wie diesen entfaltet die Kunst ihre existenzielle Kraft. Uns wird der epochale Gestaltungswille vor Augen geführt, der sich in diesen Bauten materialisiert. Und dass es immer Einzelne sind, welche die damit verbundenen politischen Machtgefüge wieder zum Wanken bringen. Einzelne, die zeigen, wie sich mit dem Blick zurück in die Zukunft denken lässt. Claudia Jolles

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