etoy: Digital Hijack

etoy · Digital Hijack, 1996, Screenshot

etoy · Digital Hijack, 1996, Screenshot

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etoy · Digital Hijack, 1996, Screenshot

etoy: Digital Hijack

Digital Art

Curator’s Choice — Haben Sie auch Google als Startseite Ihres Browsers eingerichtet? Und klicken Sie zuerst auf das oberste Resultat -einer Suche? Mit diesem Web-Standardverhalten stolperten im Frühling 1996 einige hunderttausend User in eine legendär gewordene Kunstaktion – respektive in eine Entführung, den ‹Digital Hijack› der Schweizer Künstlergruppe etoy, und landeten auf einer Website, auf der es hiess: «Don’t fucking move! This is a digital hijack!» Gleichzeitig wurde der Zurück-Button des Browsers gesperrt. Der einzige Ausweg per Link führte zur Hauptseite von etoy (ein anderer Ausweg war, das Programm zu schliessen). Etoy hatte in einem automatisierten Prozess Websites generiert, die auf hunderte populäre Suchbegriffe wie «Porsche» oder «Playboy» Treffer in den Top 10 der Suchmaschinen lieferten. Diese hiessen damals Yahoo! und Altavista und waren weitaus leichter zu manipulieren. Längst ist Suchmaschinenoptimierung (SEO) ein elaboriertes Feld der PR-Branche geworden und der Quasi-Monopolist Google führt uns nicht nur zielgenauer zur Information, sondern sammelt dabei auch noch auswertbare Informationen über uns alle. ‹Digital Hijack› bleibt ein relevantes Beispiel für eine Kunst, die performativ Systemzusammenhänge des Web erfahrbar macht – hier etwa, dass die vermeintlich flache Hierarchie des Netzes mit dem Ranking einer Suchmaschine kollidiert, das über Sichtbarkeit entscheidet und gewisse Inhalte und Programmierweisen bevorzugt, dessen Mechanismen aber nicht transparent sind. Die meisten Teilnehmenden haben den ‹Hijack›  nicht als Kunst, sondern als Störung wahrgenommen, sind aber als gezählter Datenbankeintrag Teil der Dokumentation. Das Kunstpublikum lernte die Performance als Nacherzählung und über die Simulation, die bis heute online ist, kennen. Etoy stellte neben der pointierten Aktion und deren sprachlicher Zuspitzung nicht zuletzt ihr Talent für solche – durchaus mythenbildende –  Nacherzählungen unter Beweis, wie sie es auch in nachfolgenden Aktionen taten. Die damals blutjunge Truppe wurde für ‹Digital Hijack› mit der Goldenen Nica der Ars Electronica ausgezeichnet, dem wohl wichtigsten Preis für Medienkunst. Die Aktion selbst war da schon wieder vorbei – nach vier Monaten waren die vielen Entführungen für etoys Server zu viel gewesen. 

→ Digitales Projekt des Monats: Der Medienkurator stellt ein Medienprojekt seiner Wahl vor.

Datierung 
2018
Curator's Choice
Curator's choice November 2018

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