I You You Me We

Fotos: Serge Hasenböhler

Fotos: Serge Hasenböhler

I You You Me We

Public Art

Den anspruchsvollen Perimeter zwischen Heuwaage und Zoo bespielt Ralph Bürgin mit einem Werk, das dem Ort ein Gesicht verleiht, im Wortsinn: Fünf grosse, identische Köpfe sind als scheibenförmige Flachreliefs an die Stützmauer montiert. Die kreisrunden Formen mit angedeutetem Haarkranz und naturalistisch ausgeformter Nase evozieren historische Brunnenfiguren, ihre zylinderförmig hervorstehenden Münder und Augen erinnern an Wasserspeier. Die symmetrischen Gesichter sind stark abstrahiert. Ihre maskenhafte Mimik bleibt mehrdeutig, weder Geschlecht noch soziale Rolle sind definiert. Mit ihrer einfachen, geradezu universellen Erscheinung vermögen sie unterschiedlichste Passantinnen und Betrachter anzusprechen.

Die röhrenförmigen Ausformungen von Mund und Augen nehmen zudem spielerischen Bezug auf die Form der Ankerköpfe, die in unregelmässigem Rhythmus über die helle Mauer tanzen. In dieser Fläche setzen die runden Reliefscheiben kräftige Akzente. Leicht höhenversetzt, aber in gleichbleibenden Abständen wirken sie wie Taktschläge – beinahe wird die Mauer als musikalische Partitur lesbar.

Die Wasserspeier treten als Serie auf. Es sind Abgüsse eines Tonmodells, das Ralph Bürgin mit den Händen und weiteren Werkzeugen wie Messer, Draht und Spachtel modelliert hat. Die lebendige Oberfläche des Tonreliefs bleibt im Abguss erhalten. Über ein Silikonnegativ wurden die fünf Betongüsse realisiert, sie haben einen Durchmesser von 140 cm und wiegen je rund 320 kg. Jeder Kopf erhielt durch Beimischung mineralischer Farbpigmente einen eigenen, monochromen Farbton. Der Werkstoff Beton entspricht der Grundsubstanz der Stützmauer und vermag einem Hochwasser zu trotzen. Für die dezenten Farben – beige, grau, braun, ockergelb – liess sich der Künstler von den Farben der Steine im Flussbett inspirieren. Er ergänzt die Palette um ein Türkis, das an den Grünspan oxidierter Kupfermünzen erinnert, wie man sie auf dem Grund von Wunschbrunnen liegen sieht. Die serielle Erscheinung und subtile Farbigkeit der Brunnenfiguren weisen sie als Artefakte der Gegenwart aus. Mit ihrer unbestimmt archaischen Anmutung knüpfen sie zugleich an die historische Architektur der Innenstadt an. Wie in anderen historischen Städten auch schmücken zahlreiche Brunnen Basels Plätze und Plätzchen. Auf deren Brunnenstöcken, aber auch an vielen Fassaden finden sich Figuren und Gesichter, darunter die Böcklin-Maskaronen an der Gartenfassade der Kunsthalle oder Kuriositäten wie der Lällekönig bei der Mittleren Brücke. Auch am Lohweg späht ein weiblicher Kopf aus einem stuckverzierten Fenstergiebel hinüber auf die neuen Nachbarn. Auf die Frage, wer hier wen beobachtet, verweist auch der Titel des Werks: «I, you, you, me, we». Bin ich die Beobachterin oder werde ich beobachtet? Bist du es, der angesprochen wird; seid ihr es, die mich herausfordern? Die Fragen, die Böcklins humorvolle Fratzen schon vor 150 Jahren in den Zuschauerraum warfen, formuliert Ralph Bürgin hier für den öffentlichen Raum der Gegenwart.

Informationen zur Entstehung
Zwischen Heuwaage und Zoo befindet sich eine schon fast legendäre basel-städtische Problemzone. Etliche Bauprojekte erlitten hier Schiffbruch, zuletzt das Ozeanium. Immerhin gelang inzwischen die landschaftsarchitektonische Umgestaltung des Nachtigallenwäldeli, das seinem idyllischen Namen lange Zeit nicht gerecht zu werden vermochte. Heute fliesst der Birsig im renaturierten Flussbett, neue Fussgängerbrücken und Spazierwege mit Sitzgelegenheiten bereichern die städtebaulich undefinierte, stark vom Verkehr geprägte Zone. Unmittelbar vor der Heuwaage war der Birsig bis 2018 mit einem Parkplatz gedeckelt. Mit der Offenlegung des Gewässers entstand hier entlang des Lohwegs eine bepflanzte Böschung, gegenüber wurde eine rund 50 Meter lange und fünf Meter hohe Stützmauer gebaut. Sie entspricht dem Hochwasserschutzkonzept des Tiefbauamts und ist strukturiert durch Leitungsrohre, Fugen und insbesondere durch 30 Erdanker, deren Spannköpfe deutlich aus der Mauer ragen.

Der Kunstkredit Basel-Stadt schrieb 2019 in Zusammenarbeit mit dem Bau- und Verkehrsdepartement einen Wettbewerb für die hochwassertaugliche, fünf Meter hohe Stützmauer aus: Die Jury empfahl aus 32 eingereichten Dossiers fünf Projekte zur Weiterbearbeitung. Das Siegerprojekt des Basler Künstlers Ralph Bürgin wurde am 18. Juni öffentlich eingeweiht.

Datierung 
2020
Material 

Beton (Sikagrout 314N, Sika Schweiz AG), 5 Farbpigmente, (REBOxid, Sulzer Bauchemie)

Standort 
Stützmauer Heuwaage
Lohweg
4054 Basel
Schweiz

Für weitere Informationen und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an: Präsidialdepartement, Abteilung Kultur, Kunstkredit, Livia Möckli, Marktplatz 30a, 4001 Basel, Telefon +41 (0)61 267 43 16, E-Mail livia.moeckli@bs.ch

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