MyDesktop

Farbe Ton ©ProLitteris

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Digital Art

Bereits ist Halbzeit auf der Fahrt meines Digitalkunst-Jahreskuratoriums-Dampfers. Für mich heisst das: Es ist höchste Zeit für eine historische Referenz, eine Hommage an die Heroen der Netzkunst: Jodi. Joan Heemskerk (∗1968, Kaatsheuvel) und Dirk Paesmans (∗1965, Brüssel) haben mit ihren ersten Netzkunst-Arbeiten avant-la-lettre die Latten hoch gelegt und seither ihre künstlerische Sprache kontinuierlich weiterentwickelt. Eine einzelne Arbeit auszuwählen ist nicht einfach und meine Empfehlung betrifft im Grunde ihr Gesamtwerk: Und denen, die nicht so gern allein einen Nachmittag lang durch das bunte, laute und rastlos bewegte Gestrüpp ihrer Arbeiten browsen, würde ich liebend gern eine gemeinsame Adventure-Tour anbieten - zu welcher es allerdings zunächst das geeignete Reise-Setting zu entwickeln gälte. Derweilen steht hier Jodi's Arbeit ‹MyDesktop’ von 2007 stellvertretend für ihr Œuvre. Über den angezeigten Link trifft man auf eine Seite mit vier Video-Fenstern. Die Videos sind je zwischen sechs und elf Minuten lang. Ich empfehle, die Videos Full-Screen und in voller Lautstärke anzuschauen, Finger weg von der Tastatur. Was sich vor den Augen abspielt, ist das reine digitale Chaos: Die unkontrollierte Vervielfältigung von «untitles folders», bei der die automatisch generierte Nummerierung wie ein hilfloser Ordnungsversuch anmutet. Leere Suchfenster öffnen und schliessen sich in steigender Nervosität. Je unübersichtlicher die Szenerie wird, desto hektischer wird geklickt, kopiert, gepastet, verschoben, rückgängig gemacht und wieder gelöscht. Die Warntöne versuchen vergeblich zu helfen. Die synthetische Stimme überschlägt sich, verhaspelt sich, gerät unweigerlich ins Stottern und Stammeln - und kaum schwindet alle Hoffnung auf digitale Rettung, leert sich der Bildschirm komplett und die ganze Hektik nimmt einen neuen Anfang - diesmal mit nicht ausgeworfenen DVD's statt mit «untitled folders». Jodi's Arbeit hat oftmals mit der latenten oder akuten Überforderung von uns User/innen, mit den digitalen Technologien, von denen wir unser Leben mehr und mehr abhängig machen, zu tun. Sie machen augenfällig, was viele von uns vermuten und verdrängen: Dass die Frage, ob der Mensch die Technologie kontrolliert oder umgekehrt, nicht eindeutig zu klären ist. Jodi führen einen einsamen und heldenhaften Kampf um die Zurückeroberung der Kontrolle, indem sie nicht damit aufhören, die Technologie an jene Grenzen zu treiben, an denen diese mit der Ausführung absurder Befehle graduell selbst in die Überforderung getrieben wird.

Datierung 
2007
Curator's Choice
Curator's choice June 2014
Künstler/innen
Jodi
Autor/innen
Jeanette Schneider

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