Wortwechsel mit Olivia Wiederkehr, Rosmarie Vogt-Rippmann

Rosmarie Vogt-Rippmann, «Rohlinge», 2018Foto: Brigitt Lattmann

Rosmarie Vogt-Rippmann, «Rohlinge», 2018
Foto: Brigitt Lattmann

Wortwechsel mit Olivia Wiederkehr, Rosmarie Vogt-Rippmann

Die Künstlerinnen im Gespräch mit Irene Müller

Ereignistyp 
Gespräch/Vortrag
Datum 
08.04.2021 19:0020:00
Information 

Das Schaffen von Olivia Wiederkehr (*1975, lebt und arbeitet in Brugg und Zürich) und von Rosmarie Vogt-Rippmann (*1939, lebt und arbeitet in Scherz und Aarau) weist innere Verwandtschaften auf. Materialien des Alltags und die in ihnen gespeicherte Erzählung bilden eine Ausgangslage für beide Künstlerinnen. Auf ein Hinkommen, Wahrnehmen, Aufstellen und Umbauen folgt für beide Künstlerinnen der kurze Auftritt eigener Weltfragmente. «Spazett», hergeleitet vom lateinischen Wort für «zucken», beschreibt den Hüpfer zum Anlauf für einen Überschlag – und schon werden die Zelte wieder abgebrochen, wird Grosses zerkleinert, eingepackt und zurückgeführt. Im ‹Paarlauf› stellen sich nun Parallelen wie auch Unterschiede heraus: Der Raum nicht nur als gebaute Grösse, sondern als Grösse von variabler, sich ständig verändernder, gesellschaftlicher und politischer Dimension bei Wiederkehr trifft auf das architektonisch begrenzte Interieur, wie Vogt-Rippmann es für konkrete Objekte in Anspruch nimmt. Schutz und Verletzlichkeit sind Motive beider Werke, das Spannungsverhältnis zwischen kulturellem Handeln und natürlich Gegebenem, die Balance, die eine gegebene Situation unverhofft aus dem Lot bringen könnte. 

Im Künstlergespräch mit Irene Müller zur Ausstellung geben die beiden Kunstschaffenden Einblicke in ihre Themen, Denk- und Arbeitsweisen. Der Wortwechsel ist eine gute Gelegenheit, mehr über die Arbeiten in der Ausstellung und deren Entstehungsprozesse sowie über die beiden Kunstschaffenden zu erfahren und auch eigene Fragen einzubringen. 

Olivia Wiederkehr entwickelt temporäre Installationen vor dem Hintergrund einer Nachdenklichkeit, in der sie sich auch als Performancekünstlerin exponiert. Wiederholt sind bei der gelernten Szenografin Zelte zum Einsatz gekommen; ihrer ursprünglichen Funktion enthoben, wird die mobile Behausung zum Bild für ein nomadisches Dasein in der Natur. Für das Zimmermannhaus bzw. dessen Innenhof führt die Künstlerin ihre Auseinandersetzung fort mit Hanna Arendts Essay «Die Freiheit, frei zu sein» (1967). Voller Poesie, aber auch Risikobereitschaft testet Wiederkehr deren «Denken ohne Geländer». Raumgreifend isoliert und kombiniert sie Materialien, hält vielseitig einsetzbare Requisiten in der Schwebe zwischen Fundus, Möglichkeitsform oder autonomer Installation. Präzis arrangiert, laden ihre Provisorien dazu ein, Bewegung und Aktionen gedanklich vorwegzunehmen: Wo will, wie kann sich Freiheit entladen? 

Im Gestalten auf Zeit sucht Rosmarie Vogt-Rippmann immer wieder die Verwandlung – «eine Verwandlung als erneute Wertschätzung, als letzter Höhepunkt auch vor dem Verschwinden.» Die Künstlerin hatte als Innenarchitektin gearbeitet, bevor sie sich der Kunst zuwandte: Umso grösser erlebt sie bis heute die Freiheit, labilste Konstruktionen zu schaffen, die keiner bestimmten Funktion genügen und keiner Berührung standhalten müssen. Ihren kontinuierlichen Versuch, Unmögliches fassbar zu machen, unternimmt sie unter Einbezug ihrer eigenen Material-, Bild- und Gedankenvorräte. Von Beginn an ist ihr Schaffen auch von Pragmatismus geprägt: Sie nimmt ihre eigene Körpergrösse als Referenz, schätzt Materialien, die sie wieder auf Gepäckgrösse verkleinern kann und arbeitet vorzugsweise mit dem jeweils verfügbaren Raum. Wobei ihr eigentlicher Antrieb die Lust bleibt am ständigen Umbauen und Umdenken – am Herausfordern momentaner, auch ungesicherter Zustände: Ob es gelingt?

Adresse 
Vorstadt 19
5200 Brugg
Schweiz
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