Frischhaltefolie als Transformator

Ariane Epars - Foto: Simone Oppliger

Ariane Epars - Foto: Simone Oppliger

Ohne Titel, 1996/97, Abdeckband, 720 x 380 cm; Foto: Joël von Allmen
Courtesy Fri-Art, Fribourg

Ohne Titel, 1996/97, Abdeckband, 720 x 380 cm; Foto: Joël von Allmen
Courtesy Fri-Art, Fribourg

Fokus

Innerhalb der ortsbezogenen, temporären Installationskunst nimmt die in der Schweiz und in Hamburg lebende Künstlerin Ariane Epars eine Position ein, die durch eine äusserste Konzentration der Mittel und einen besonders intensiven Bezug auf den jeweiligen Raum geprägt ist. In den jüngeren Arbeiten verstärken sich die ambivalenten und humorvollen Momente ihrer «Suche nach der angemessenen Geste», wie es der Künstler Rolf Bier formuliert hat. Aktuell zu sehen sind ihre Interventionen im Kunstraum Neue Kunst in Hannover, wo sie sich einmal mehr dem Boden angenommen hat und in der Kunsthalle Palazzo Liestal, wo der Besucher zu einer «Winterreise» eingeladen ist.

Frischhaltefolie als Transformator

Zu den neueren Arbeiten von Ariane Epars

Melkfett auf Glasscheiben, Kreide auf Asphalt, Gips auf geseiftem Boden, Fensterkitt auf Glas, Brennbruch von Dachziegeln...die Materialangaben zu den Arbeiten von Ariane Epars lassen sich wie Menügänge lesen, zu denen ein dadaistischer Bocuse in einem Baumarkt inspiriert wurde. Die Künstlerin hat eine besonders intensive Beziehung zu den Qualitäten und zum sinnlichen Reichtum ganz einfacher, banaler Materialien. Und doch bilden weder das Material noch die minimalistischen Formen den Ausgangspunkt ihrer temporären, ortsbezogenen Interventionen. Es ist die unmittelbare Erfahrung eines Raumes, das Erleben seiner spezifischen Eigenschaften, worin alle weiteren künstlerischen Entscheidungen gründen. Zu den Besonderheiten der Kunst von Ariane Epars gehört, dass sie niemals vorbereitete Ideen auf einen Raum anwendet, sondern ihre Arbeiten immer wieder von neuem aus der Reaktion auf die vorgefundene Situation entwickelt. In gewissem Sinne geht es ihr darum, das Verhältnis, das sich zwischen ihr und einem Raum aufbaut, in die Gestalt einer materiellen Intervention umzuwandeln und damit zugleich auch den Raum zu verwandeln. Ein solches Vorgehen setzt zunächst eine Art hörendes Sehen, ein dem Raum hingegebenes Wahrnehmen seiner spezifischen Eigenart voraus. Alle Faktoren, aus denen sich die Identität und die Atmosphäre eines Raumes zusammensetzen, können relevant werden: die architektonische Gestalt, die Raumfunktion, die sichtbare Materialität von Boden, Wänden und Decke, die Lichtverhältnisse, der Blick durchs Fenster, die Umgebung, der soziale und kulturelle Kontext. Obwohl die Arbeiten von Ariane Epars die ganze Komplexität dieser Raumerfahrung im Betrachter auslösen können, sind sie ihrer Erscheinung nach oft von äusserster Einfachheit und Unscheinbarkeit. Die Eingriffe halten die Balance zwischen der selbstverständlichen Einfügung in den Raum und seiner subtilen Transformation. Die Verwandlung kommt gewissermassen auf leisen Sohlen und öffnet die Sinne des Betrachters für die feineren Qualitäten und Phänomenalitäten des Raumes.

Profanität und Aura Im Künstlerhaus Bremen lenkten 1996 die vor den Fenstern gehängten Vorhänge aus geflochtener Frischhaltefolie die Wahrnehmung vor allem auf die veränderte Atmosphäre, die nicht nur durch die sanfte Filterung des einfallenden Tageslichts, sondern auch durch die Abgrenzung des Kunstraums gegenüber dem Alltagsleben der dicht benachbarten Wohnhäuser zustande kam. Die bis auf den Boden reichenden, halbtransparenten Foliengardinen füllten den an sich leeren Raum mit gleichmässigem Licht und verliehen ihm eine Aura des Kontemplativen. Für den Betrachter bildete der freie Raum unwillkürlich eine Leerstelle, die ihn in den Mittelpunkt der Arbeit stellte und dazu herausforderte, die veränderte Stimmung und Erscheinung des Raumes von unterschiedlichen Blickpunkten aus auf sich wirken zu lassen. Die Angemessenheit des Verhältnisses zwischen Intervention und Raum war so evident, dass die Vorhänge zum Raum zu gehören schienen, hätte dieser Eindruck nicht durch das banale Material Frischhaltefolie eine humorvolle Brechung erfahren. Das paradoxe Verhältnis zwischen der Wertigkeit und der Wirkung des Materials steigerte sich noch dadurch, dass es ein profanes, alltägliches Material war, das der Abgrenzung von der Profanität des Alltagslebens diente.Von ähnlich komplexer, vieldeutiger Wirkung war auch ein Beitrag von Ariane Epars zu einer im selben Jahr stattfindenden Gruppenausstellung in der Kunsthalle Fri-Art in Fribourg. Mit einer gleichmässigen Reihe vertikaler Klebestreifen trennte sie die normalerweise ineinanderübergehenden Bereiche von Empfangs- und Ausstellungsraum. Die lapidare und zugleich akkurate plastische Massnahme klärte die Funktionen beider Raumzonen und bildete eine ästhetisch höchst reizvolle, mit dem Licht und der Betrachterperspektive interagierende Form. Indem die Arbeit eine Raumgrenze markierte, wurde sie funktional zu einem Raumteiler und verlagerte damit auch ihren Status in einen Grenzbereich: Kunst und Design, Funktionslosigkeit und Funktionalität gingen beinahe ununterscheidbar ineinander über. Vergleichbar mit den Vorhängen in Bremen war es diesmal das billige Gebrauchsmaterial, der Klebestreifen, dessen provisorischer, labiler Charakter, aus der Nähe besehen, in geradezu provokativer Weise mit der Schönheit der Gesamtform und dem angrenzenden Metalldesign kontrastierte.Die Ausstellung in Fribourg zeigte raumbezogene temporäre Interventionen von insgesamt fünf Künstlern, unter denen insbesondere die Position von Leni Hoffmann Berührungspunkte mit der Kunst von Ariane Epars aufweist. Hoffmanns zwischen Skulptur, Relief, Malerei und Dekoration angesiedelte flächendeckende Knetgummiarbeiten treffen sich mit Ariane Epars’ Eingriffen vor allem in der Ambivalenz von trivialem Material und raumverwandelnder Wirkung. Auf beide trifft zu, was der Galerist Harald Welzer in einem ersten Definitionsversuch über eine noch zu benennende, mit dem Minimalismus lose verbundene Richtung zeitgenösssischer Kunst (zu der er ausser Ariane Epars unter anderen Karin Sander und Jill Baroff zählt) sagt: «Was diese jüngere Generation von konzeptuell und minimalistisch arbeitenden Künstlerinnen – es sind interessanterweise vorwiegend Künstlerinnen – vorlegt, geht weit über akademische Exerzitien des traditionellen Minimalismus hinaus. Und zwar erstens, indem viele Arbeiten auch den Mut zu ironischen Brechungen, oder einfacher: auch zum Witz haben, zweitens, indem die Einbezogenheit des Betrachters viel stärker forciert wird, als das in klassischen Konzepten der Fall ist und drittens, indem die gewöhnlichen eingehaltenen Grenzen zwischen den Gattungen der Malerei und der Plastik ganz selbstverständlich überschritten werden.»

Soziale Netze Das Minimalistische der Arbeiten von Ariane Epars – ein einfaches Material durch einfache Handlungen in eine einfache, flächige Raumform zu bringen – erweist sich in einem Punkt als ein verborgener Maximalismus: Die zeitaufwendige Sisyphosarbeit, aus der die meisten Arbeiten hervorgehen, prägt ihre sinnliche Wirkung auf zurückhaltende und dennoch nachhaltige Weise. Die schier endlosen gehäkelten Schlingen des Teppichs aus Wäscheleine in Lausanne oder die ausgedehnten, mit Zeichenkohle frottierten Wandflächen in Barcelona schienen gleichsam mit der ausdauernden, auf gleichförmig-rhythmischen Gesten beruhenden Handarbeit aufgeladen zu sein. In ihrer jüngsten Arbeit, mit der die Künstlerin in mehrfacher Hinsicht neue Wege beschreitet, teilte sie sich den besonders grossen Arbeitsaufwand mit einem Handwerksbetrieb. Es handelt sich um Flickenteppiche, die in einer Schweizer Weberei hergestellt wurden und derzeit in der Galerie «Kunstraum Neue Kunst» in Hannover präsentiert werden. Das entscheidende Moment des Konzepts liegt in der Herkunft des Ausgangsmaterials. Ariane Epars bat Menschen, die mit ihr familiär und freundschaftlich verbunden sind, und auch Menschen, die mit der Galerie in engerer Beziehung stehen, um die Zusendung von jeweils drei Kleidungsstücken, die anschliessend zu den farbigen Stoffstreifen der Teppiche verarbeitet wurden. Klar nach den sozialen Gruppen geordnet, repräsentiert jeder der insgesamt sieben Teppiche einen anderen Personenkreis, von der Familie der Künstlerin über ihre Freunde bis hin zu den Künstlern und den Sammlern der Galerie. So wie sich jeder Teppich aus der alphabetisch-namentlichen Reihenfolge der individuellen «Farbcodes» zusammensetzt, bildet er im Kontext der benachbarten Teppiche wiederum ein nach Grösse und Farbigkeit individuelles Gesamtbild, eine kollektive Identität der jeweiligen Gruppe. Alle Teppiche zusammen repräsentieren in gewisser Weise das soziale Netz, das sich durch die Ausstellung zwischen der Künstlerin und der Galerie geknüpft hat. Was die Arbeit auszeichnet, ist der weite Bogen, der sich zwischen der konzeptuellen Strenge des Projekts und der sinnlich-malerischen Erscheinung der präsentierten Teppiche spannt. Dass ein wesentlicher Teil des Konzepts aus der Kommunikation mit den Textilspendern bestand, wird im Galerieraum durch die ebenfalls ausgestellten Anschreiben deutlich. Es ist vor allem dieses Moment der Kommunikation, und in einem weiteren Sinne die Thematisierung menschlicher und sozialer Beziehungen, wodurch sich die Arbeit von den früheren unterscheidet. Ariane Epars’ Bezug zum konkreten, wahrnehmbaren Raum erweitert sich zur Sichtbarmachung des sozialen Raums, der den ersteren umgibt und durchdringt.


Zusammen mit dem Holländer Kees Visser lädt Ariane Epars in einer gemeinsamen Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo Liestal vom 1.2.– 29.3. zu einer «Winterreise» ein. «Winterreise» einerseits als Anspielung auf Schubert und andererseits auf die aktuelle Jahreszeit. Die Reise soll nicht nur den Palazzo in seiner Eigenart – Bahnhofsgebäude als Kulturhaus – thematisieren, sondern ebenso auf die Bedingungen des Kunstschaffens, als stetige Wanderschaft hinweisen. Kees Visser wird mit seinen minimalistischen abstrakten, beziehungsweise konkreten Bildern die Wand bespielen, währenddem Ariane Epars auf dem bestehenden Parkettboden mit Bodenwachs Wege einzeichnen wird, die zu den Fenstern führen und den Blick in die Ferne lenken. Die Ausstellung «Teppiche» von Ariane Epars im Kunstraum Neue Kunst in Hannover ist noch bis zum 30.1. zu begehen.Ariane Epars*1959 Schweiz1985–1990 Ecole Supérieure d’Art Visuel, Genèvelebt und arbeitet in Hamburg und PenthalazEinzelausstellungen1991 Moltkerei Werkstatt, Köln; Galerie im Künstlerhaus, Bremen1993 KX, Kampnagel, Hamburg; Espace d’Art Contemporain, Lausanne1994 Künstlerhaus Bethanien, Berlin; Kunstraum Neue Kunst, Hannover1995 Kunstverein im Städtischen Museum, Flensburg; Salle Projets, Centre d’Art Contemporain, Genf; Kunsthof Zürich1996 Espai 13, Fondation Joan Miró, Barcelona; Ecole Cantonale d’Art, Lausanne; Galerie im Künstlerhaus, Bremen; Kaskadenkondensator, Basel1997 Kunstraum Neue Kunst, HannoverGruppenausstellungen (Auswahl)1990 «Ernte», Kunstverein Ganderkesee1991 «Strassenkreuz», art dans l’espace public, Hamburg1994 «Die zweite Wirklichkeit», Wilhelmspalais, Stuttgart; Lauréats du prix fédéral des beaux-arts», Musée d’Art et d’Histoire, Neuchâtel1995 «Tu parles, j’écoute», Galerie Anne de Villepoix, Paris et Société Jet Lag K., Malakoff1996 Projet de Leni Hoffmann, Fri-Art, Centre d’Art Contemporain, Fribourg; «Blick nach oben, Enge und Unbegehbarkeit», Filiale Basel; «Halle eins», Projekt der Galerie Köstring Maier, München1997 «Fishing for shapes», Künstlerhaus Bethanien, Berlin; «Perspectives Romandes», Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne; «Bonjour, bon écho», Projekt von Marijke van Warmerdam, Fri-Art, Centre d’Art Contemporain, Fribourg

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