Gegen die Zeit gehen

Olafur Eliasson, 1997. Foto: Andrea Stappert, KölnCourtesy Kunsthalle Basel

Olafur Eliasson, 1997. Foto: Andrea Stappert, Köln Courtesy Kunsthalle Basel

The Curious Garden, 1997 Installation Kunsthalle Basel. Der grosse Oberlichtsaal wurde durch gelbe Folien in gelbes Licht getaucht. Dadurch verloren alle anderen Farben an Intensität und die Architektur an Konturen. Durch eine Art «Schleuse» aus blauer Folie betrat man dann den zweiten Raum mit einer Hecke aus Astgeflecht. Im letzten Raum drehte sich – angetrieben durch den eigenen Abwind – ein an der Decke befestigter Ventilator (siehe S. 10), der die Wärme des Innenraumes mit der winterlichen Kälte ausserhalb des geöffneten Fensters vermischte. Foto: Christian Vogt, Basel

The Curious Garden, 1997 Installation Kunsthalle Basel. Der grosse Oberlichtsaal wurde durch gelbe Folien in gelbes Licht getaucht. Dadurch verloren alle anderen Farben an Intensität und die Architektur an Konturen. Durch eine Art «Schleuse» aus blauer Folie betrat man dann den zweiten Raum mit einer Hecke aus Astgeflecht. Im letzten Raum drehte sich – angetrieben durch den eigenen Abwind – ein an der Decke befestigter Ventilator (siehe S. 10), der die Wärme des Innenraumes mit der winterlichen Kälte ausserhalb des geöffneten Fensters vermischte. Foto: Christian Vogt, Basel

Fokus

Im vergangenen Sommer hat der in Berlin lebende isländische Künstler Olafur Eliasson (*1967 Kopenhagen) während einer Wanderung durch Island ein Tagebuch geführt. Gleichzeitig hat sich die Kritikerin und Kuratorin Barbara Steiner mit seinen Werken befasst und ihre Gedanken dazu aufgezeichnet. Der schriftliche Dialog erscheint hier auf Wunsch des Künstlers in der originalen zweisprachigen Version anlässlich seiner Einzelausstellung in der Galerie Peter Kilchmann in Zürich.

Gegen die Zeit gehen

Ein paralleles Tagebuch von Olafur Eliasson und Barbara Steiner

Olafur Eliasson: 23.7. Going against time I arrived in Iceland.

Barbara Steiner: 24.7. Olafur bat mich, einen Text über seine Arbeiten zu verfassen. Ich habe ihm vorgeschlagen, sich zu beteiligen und parallel zu mir eine Art Tagebuch zu beginnen. Als Zeitraum wählten wir seinen Islandaufenthalt, da Island in seinen Arbeiten immer wieder eine grosse Rolle spielt.

OE: 24.7. Packed my backpack, packed my backpack.

BS: 25.7. Olafur schickte mir ein Fax: «It sounds like a really good idea although I’m not a big writer», offensichtlich scheut er sich ein bisschen davor zu schreiben. Ab morgen wird er in den Bergen unterwegs sein.

OE: 25.7. Smeared in Gore-tex hiking up the east side of «Hekla». I slept in the morning-bus driving through the «Doom-Valley» up to «Landmannalauger». Sharing this hike with somebody who never saw this country before gave me the opportunity to see many things again – looking through those eyes. A little mist, fog and dust rain mixed accordingly with the steam from the many bubbling hot springs. Hiking from high temperature up to chilly «Hrafntinnusker» with suffocations, black ashes and sand partly in snow and full of volcanic glass. Obsidian. I am getting younger.

OE: 26.7. My tent stands up strong. All this landscape is shocking, it sometimes looks like bad dreams. This night I dreamt of people – lots of people – a «crowded» dream with endless conversations. Go take a walking one. I was dropping beads of sweat and today the sky was great, no rain but fast forwarding free clouds offering shadowplays and sunwindows. From «Jokulstungur» the view towards the lake «Alftavatn» is lunarlike and desolate and as we descend towards the bottom a certain travelling sensibility starts to rise. The nearest dream receds unrealized.

OE: 27.7. A fairly flat walk through the desert of «Emstrur». A black-hole-cold knee-wade through the glacier-water «Bláfjallakvisl». Water makes me strong and the by-passing «Hattafell» (Hatmountain) is one of the few names I never forget. Fuelled by my feathery friend I felt under control and managed to fuse thought with sensations and emotion. A landscape without junk-you-don’t-want. Not America, this is three dimensional. I am surely surrounded and yet free.

BS: 28.7. In Diskussionen über Olafurs Arbeit taucht oft die Frage auf, ob er Schönheit reinstallieren will. Auch Madeleine Schuppli schrieb anlässlich seiner Arbeit «Beauty» von 1993 im Basler Katalog: «Der Künstler verbindet so auf eine ungebrochene Art das Bild des Naturschönen per se, den Regenbogen, mit dem Begriff ?beauty’.» Sie verweist darauf, dass «seit dem Beginn der Avantgarde der Begriff Schönheit für Künstler und Kunstkritik keine, oder höchstens eine sekundäre Bedeutung» hatte. Greift Olafur hier auf einen Begriff zurück, der eigentlich verbraucht ist? Wenn ja, zu welchem Zweck, auf welche Weise tut er es? Für mich folgt Olafurs Kokettieren mit Schönheit einer Idee des Simulacrums, der suggestiven Oberfläche eines Phänomens, das seine Bodenhaftung zur Vorstellung organischer Natur hinter sich gelassen hat. Seine Naturphänomene sind künstlich hergestellt und zeigen dies ganz unverhohlen. Mag die Sehnsucht nach unauslöschlichen Erfahrungen den Hintergrund bilden, sie werden in Olafurs Arbeiten jedoch nicht erfüllt. Der Künstler scheint in diesem Zusammenhang Schönheit zu aktualisieren, um sie im selben Masse sofort wieder zu sabotieren. Zunächst staunt man, dann folgt die Ernüchterung. Seine Schönheit ist technisch erzeugt: In Hamburg realisierte Olafur Eliasson unter der Bezeichnung «Thoka» 1995 eine Arbeit in der 10 x 10 m grossen Glaswand an der Fassade des Kunstvereins. Ein Quadrat von gelben Halogenlampen beleuchtete nachts die Fläche, drei Nebelgeräte produzierten Nebel. Regenbogen=Wasser + Lampe, eine mystische Lichterscheinung=gelbe Halogenlampen + Nebelgeräte. Was erhaben anmutet, entpuppt sich als «menschliche» Lösung, was einzigartig erscheint, ist technisch beliebig reproduzierbar. Phänomene werden entmystifiziert und als physikalische Gesetzmässigkeiten oder technisch ausgekügelte Arrangements vorgestellt. Das sprachlich nicht Einholbare, das tiefe Erlebnis, das Überwältigtsein, das sind Projektionen, die Olafur Stück um Stück demontiert.

OE: 28.7. This mornings micro-mood was catching something. Every rock was an utopian city model with street levels, roofgardens and recreation-areas. Every small area purposes ancient chinese gardens with patterns of attitudes mixed with ideas entitled to their rights. I can recognize a psychopath by his garden. Everything and I seemed plainly calmly stated, harbouring no more than balance. Even the macro-milieu of the nearby glaciers «Myrdalsjokull» and «Eyjabakkajokul» radiated peacefully and natural despite the fact that they are a suspended mass of destructed potential. By the end of the day we did our most serious milky-glacial-river wade, painstakingly to the sound of thaw.

«Thorsmörk»
OE: 29.7. Besides a short stroll down along the «Monster mountains» I surrendered to my igloo interior wearing dangerous smiles. Having done the biggest part of the 80 km hike, one day of filming and relaxing the memories are aloud. My backpack has lost weight, and hoping for appropriate weather for tomorrow, I am in for a treasure dream. Inside the dream you think that the dream is reality.

OE: 30.7. The last leg on this hike is from «Thorsmörk» (Forest of Thor) to «Skògar» over the pass «Fimmvörduhals», the highest and longest day on this hike. Catback walking and constantly ascending it took all that I had to get up. At the top the speciality is the serene gardens of ice laid out in the narrow pass between the two glaciers. Having passed the bigger part of the snow with sun, blissful views, and a poodle with a backpack, the descent on the southside of the mountain was welcomed by a fog so thick that knocking and asking for permission was necessary. The fog was accompanied by the convincing sounds of the numerous waterfalls on the «Skogarhèida». Lowering altitude, the fog faded and knowledge was seeping from the moss «As» the south shore was opening.

BS: 6.8. Angesichts der Arbeiten von Olafur scheint es auch interessant, sich erneut mit Walter Benjamins Buch «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» zu befassen. Wie ich bereits erwähnte, wird in Olafurs Arbeiten «Schönheit» technisch erzeugt, sie ist beliebig reproduzierbar. Dennoch taucht der Schein von Aura auf. Es entsteht der Eindruck eines «Hier und Jetzt», der Eindruck eines «einmaligen Daseins an dem Orte, an dem es sich befindet.» Benjamins Definition von Aura im Sinne einer «einmaligen Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag» wird von Olafur instrumentalisiert und mittels einem ausgeklügelten technischen Effekt suggeriert.

OE: 6.8. Hung up on the hike, spending time with my family and working a bit. It´s been raining for days and I worked on an eroding theatre of some kind. A ribbon like river with racer pumps, eroding different smaller situations.

BS: 6.8. Gestern habe ich im Basler Katalog einen Text von Jonathan Crary über Olafurs Arbeit gelesen. Crary stellt bis ins 18. Jahrhundert ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Natur und Technik fest; dies hatte eine Erweiterung der Sinne zur Folge. Später führte die zunehmende Mechanisierung jedoch «allzuoft in eine Verarmung der menschlichen Wahrnehmung». Kunst und Philosophie erhalten ab diesem Zeitpunkt kompensatorische Funktionen, sie bieten der «allgemeinen Standardisierung und Automatisierung der Wahrnehmung» die Stirn. Da wir in einer Welt leben, in der «wir täglich auf die Entwicklung neuer Lebens- und Freizeitstrategien angewiesen sind», setzt Crary auf die Notwendigkeit neuartiger perzeptueller Synthesen, wo das «Neue und das Schöne ausserhalb einer Logik des aufgezwungenen Konsums und Verhaltens angesiedelt sind.» Olafurs Arbeit exemplarisch für diese Position zu nehmen, scheint mir jedoch problematisch, thematisiert gerade er immer wieder den Zusammenhang von Konsum und Landschaft. Die Bilder von Natur, die Olafur herstellt, sind durch die Zivilisation gefiltert und deshalb innerhalb der «Logik des aufgezwungenen Konsums und Verhaltens» angesiedelt.

Westfjorde
OE: 11.–13.8. These days never knew about clouds. Together with my cousin and his car, the crocodile-toothed-road of the West Fjords was to be viewed. I almost could not wait for the credits to roll by. Continuously the arctic bright sunlight flooded the fjords with a cliché blue sky backdrop: a well known way of viewing, violet and green. Everything was so well known with this blue and the speed of the car – a roadmovie. Sun supported car-window-viewing driving through villages with various roof colors situated on the side of top-to-botom mountains. Driving stopping driving.

We were not going through the land, the land was passing by us, already mixed, replayed, reproduced and reframed. All this despite its being the very edge of the inhabitable world. In this hard won land the movie seemed to stop as we entered the villages «Flateyri» and «Sudavik» which recently suffered a natural catastrophe. Big parts of the small villages had been erased by an avalanche and numerous people died. The concrete foundations from the houses which had gone with the avalanche were still there and new small temporary wood houses had been put up further down the fjord in a safer place under the mountain. This was so real that it felt surreal and realizing that comprehending what had happened was impossible the following scenes in the roadmovie became even more fictional and fast.This tour ended in a tourist-trap going to the top of «Snaefellsjokull» in a snowmobile only to be welcomed by the first inescapeable clouds seen in a week and a comfy crevasse.

BS: 14.8. Olafur schickte mir heute Teile «seines» Tagebuchs. Dabei wird deutlich, dass er mit Sehnsüchten operiert, die über bestimmte (durchaus auch medial vermittelte) Bilder erzeugt werden und wiederum Projektionen ermöglichen. Diesem Eindruck scheint die Erfahrung Islands zunächst zu widersprechen. Es handelt sich um eine Landschaft, welche die Erfüllung von Authentizität, von einer Harmonie von Mensch und Natur – verspricht. Der medial konditionierte Blick kann sich jedoch von seinen Prägungen nicht freimachen: So wird die überwältigende Landschaft Islands zur perfekten Kulisse für Projektionen – Fakt und Fiktion verschwimmen. Olafur rechnet mit diesem Blick: «I could not wait for the credits to roll by, a cliché blue sky backdrop, a well known way of viewing, a roadmovie, the land was passing by us, already remixed, replayed, reproduced and reframed.»



Die Ausstellung in der Galerie Peter Kilchmann ist noch bis zum 7.3. zu sehen. Gleichzeitig ist Olafur Eliasson in «Visions du Nord» im Musée d’Art Moderne Paris vom 7.2. bis 17.5. vertreten.Olafur Eliasson *1967 KopenhagenEinzelausstellungen1991 Overgarden Galleri, Kopenhagen1994 Forumgalleriet, Malmö1994 Lukas & Hoffmann, Köln; Stalke Out of Space, Kopenhagen1995 Tommy Lund Galerie, Odense; Hamburger Kunstverein, Hamburg; Künstlerhaus Stuttgart; neugerriemschneider, Berlin1996 Kunstmuseum, Malmö; Emi Fontana Galerie, Mailand; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Galleri Andreas Brändström, Stockholm1997 Stalke, Kopenhagen; Marc Foxx, Los Angeles; Kunsthalle Basel*

Künstler/innen
Olafur Eliasson
Autor/innen
Barbara Steiner

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