George Legrady in der Kunst- und Ausstellungshalle

George Legrady · Tracing (Aufspüren), 1997, interaktives Environment, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

George Legrady · Tracing (Aufspüren), 1997, interaktives Environment, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Besprechung

Der Medienkunstraum der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle, der mittlerweile zu einem Ort des «Who is Who in Media Art» geworden ist, hat erneut seine enorme Wandelbarkeit bewiesen. Jetzt wird er durch die mediale Intervention George Legradys zu einem Ort, an dem sich Zeit und Raum unaufhörlich gegeneinander verschieben. Mit seiner neusten Arbeit, dem interaktiven Environment «Tracing», gelingt es Legrady, einen radikalen Subjektivismus zu entwickeln, der die digitale Technik gegen ihren oft dominierenden technoiden Strich bürstet.

George Legrady in der Kunst- und Ausstellungshalle

Spätestens seit seiner Beteiligung an der Biennale d’art contemporain in Lyon und an der Ausstellung «Fotografie nach der Fotografie» im Jahr 1995 wurde Legrady auch einem breiteren europäischen Publikum bekannt. Legrady, heute Professor an der Merz Akademie in Stuttgart und an der San Francisco State University, wurde 1950 in Budapest geboren und flüchtete 1956 mit seiner Familie vor dem ungarischen Bürgerkrieg nach Kanada. Gerade seine Arbeit «An Anecdoted Archive from the Cold War» (1994), welche diese Situation reflektiert, eröffnete neue Perspektiven für kritische Kommentare im interaktiven Medium. In dem Environment «Tracing» kulminieren zentrale Aspekte seiner früheren Installationen. Besucher, die den zweigeteilten Raum betreten, sehen auf der einen Seite einer grossformatigen Projektion Schriftzüge und kurz aufblitzende Wörter, die sie durch ihre Bewegungen im Raum unmerklich beeinflussen können. Veränderungen der Wörter auf dieser Seite haben Auswirkungen auf die Schrift, die auf der anderen Seite der Projektion zu sehen ist.

Hier erscheint ein mit Schreibmaschine geschriebener Brieftext eines Mannes aus Osteuropa, der sich beklagt, dass sein Freund aus dem Westen seine Briefe nicht mehr beantwortet. Mit einer Maus können die Besucher diesen Text verfolgen und zeitweise aufblitzende Wörter auswählen. Daraufhin erscheinen Bilder oder kurze Videoclips mit atmosphärischen Eindrücken aus Osteuropa. Legrady konfrontiert hier zwei ideologische Systeme miteinander: alltägliche Schlagwörter aus dem Westen werden Alltagssituationen aus dem Osten gegenübergestellt. Gleichzeitig verschränkt er beide Seiten miteinander. Dies geschieht nicht nur durch Bezüge zwischen Texten und Bildern, sondern vor allem, indem eine kommunikative Situation im Raum entsteht, welche die Grenze zwischen den unterschiedlichen Bildwelten überwindet. Denn interessant wird die Interaktion gerade dann, wenn sich die Besucher in den zwei Räumen gegenseitig zurufen, was auf der jeweils anderen Seite der «Mauer» zu sehen und zu erleben ist. Auf diese Weise wird die Interaktion in «Tracing» zu einem bedeutungsgenerierenden Prozess, der immer wieder neue subjektive Lesarten ermöglicht.

Legrady schafft in seinen Arbeiten den Freiraum für eine Poesie des Alltäglichen – für eine kleine Welt, die die Besucher mit ihren Interventionen immer wieder neu ordnen können.


Bis 
21.02.1998
Autor/innen
Söke Dinkla
Künstler/innen
George Legrady

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