Per Kirkeby im Kunsthaus Bregenz

Per Kirkeby · Modell für Kassel, documenta 1992, Bronze, 17 x 16 x 7 cm; Courtesy Kunsthaus Bregenz und Galerie Michael Werner, Köln

Per Kirkeby · Modell für Kassel, documenta 1992, Bronze, 17 x 16 x 7 cm; Courtesy Kunsthaus Bregenz und Galerie Michael Werner, Köln

Besprechung

Ein Lesepavillon mit Eremiten-Nischen, von Per Kirkeby 1993 für den Park der Vorarlberger Landesbibliothek vorgesehen, ist auf Papier geblieben. Der Grundriss, eine umgekehrte Swastika, wurde dem Projekt zum Verhängnis.

Per Kirkeby im Kunsthaus Bregenz

Die Schatten der unglücklich politisierten Debatte scheinen sich bis in die Gegenwart zu ziehen: Im öffentlichen Raum Bregenz ist der Mann aus Kopenhagen lediglich mit vergrösserten Zeichnungstafeln vertreten, welche der See-Schnellstrasse entlang für seine One-man-Show im neuen Kunsthaus werben. Zu diesem Jubiläumsanlass – Kirkeby wird 1998 sechzig – ist ein von Rudolf Sagmeister vorbildlich ausgestattetes Werkverzeichnis der Backsteinskulpturen und Bauten erschienen, in der Ausstellung aber ist kein einziges Ziegelobjekt zu sehen. Kirkebys originellster Werkbeitrag – und Markenzeichen zugleich – bleibt ausgeklammert, die so typische malerisch-skulpturale Dualität von Expression und Konstruktion, von Plan und Geste wird getilgt, die Auseinandersetzung mit der Museumsarchitektur ist um eine Pointe ärmer geworden. Der einst eigenwillige Grenzübertreter wird als «Klassiker der Gegenwartskunst» gefeiert. Die Auswahl der Arbeiten, informell homogenisiert, folgt einem auf realen und ideellen Gewichten aufgebauten Konzept: sieben schwere Bronzeklumpen im Parterre, im Obergeschoss Zeichnungsprojekte und 22 auf einem doppelquadratischen Grundriss zum sakralen Geviert gereihte Kleinplastiken – meist erste Entwürfe für die Backsteinbauten – als Vorbereitung für zwei Stockwerke der Malerei, die unter dem Lichtdach mit sieben farbigen Riesenformaten kulminiert: Je höher man steigt, umso intensiver das Gefühl des Schwebens. Per Kirkeby, seit den siebziger Jahren der einzige Skandinavier unter der internationalen Kunstprominenz, fühlt sich offensichtlich wohl in den Interieurs von Peter Zumthor. Die Qualität des Baus aber überprüft diejenige des Kunstwerks unerbittlich. Des Künstlers Reife – die Auswahl der Exponate setzt erst mit 1979 ein – verflacht allmählich zum dramatisierten Stereotyp. Der Pinsel bewegt sich stürmisch, der Geist bleibt in Routine stehen. Die schönsten Bilder des Malers, der einst seine Karriere als arktischer Geologe begonnen hatte, sind heute die virtuellen: Digital verfremdete Landschaftsprospekte für den Film von Lars von Trier «Breaking the Waves», Imagines und Wellenbrecher zugleich.


Bis 
14.02.1998
Künstler/innen
Per Kirkeby
Autor/innen
Ludmila Vachtová

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