Bilder, die nicht stattfinden

Bob Gramsma. Foto: Reto Boller

Bob Gramsma. Foto: Reto Boller

Ausstellungsansicht von «same player shoots again», 1998
Raumkonzept von Bob Gramsma und Peter Stel. Foto: P. Stel

Ausstellungsansicht von «same player shoots again», 1998
Raumkonzept von Bob Gramsma und Peter Stel. Foto: P. Stel

Fokus

Die visuellen «Versuchsanordnungen» von Bob Gramsma entfalten ambivalente Räume, die zwischen Momenten der Illusion und Entzauberung, Identifikation und Entfremdung pendeln. In den Monaten Februar und März 1999 zeigt Gramsma eine Arbeit im Kunsthof Zürich

Bilder, die nicht stattfinden

Die Wahrnehmungsapparaturen von Bob Gramsma

Kunsthaus Zürich 1998: Auf der Wand ist ein Kreis in mattem Gelb zu erkennen, der von der unteren Raumkante angeschnitten ist. Rund 30 Meter entfernt, in einem anderen Teil des Gebäudes, befindet sich in Sichtweite ein Fussschalter. Wenn man ihn betätigt, lässt ein Lichtblitz das gelbe Rund aufglühen. Durch den Lichtkegel wird die flache Raumbemalung zu einem gleissenden Farbvolumen. Zwischen Beginn und Ende, zwischen der Wahrnehmung der matten Farbfläche und dem verebbenden Nachbild, vergeht nur kurze Zeit. Die sichtbar belassenen Aspekte der Arbeit – Stativ, Farbfläche und Blitzlicht – unterstützen den Charakter der visuellen «Versuchsanordnung».

Bob Gramsma brachte, obwohl oder gerade weil die Mittel der Konstruktion offenlagen, für den Bruchteil einer Sekunde eine den architektonischen Raum gleichsam durchlöchernde Erscheinung hervor.Wenn Gramsma den Umraum in seine Arbeiten integriert, steht das Interesse für Ambivalenzen oder gar Paradoxien – wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – im Zentrum. Während Gramsma dies in früheren Arbeiten vorgängig mittels bestimmter Materialien realisierte, bringt er in jüngerer Zeit auch Clichés, Motive mit starkem Wiedererkennungseffekt, in sein Werk ein. Anlässlich der Artfair ?96 in Amsterdam etwa zeigte er eine gekippte, zeltartige Konstruktion, die, auf Stützen montiert, vom Terrain abgehoben und von innen erleuchtet war. Der «Zelt»-Boden ragte senkrecht auf und erinnerte durch das kadrierte, irisierende Blauweiss an TV-Schnee, die Arbeit insgesamt an einen überdimensionierten, flimmernden Bildschirm.

Diese Arbeit weist einen Verfremdungseffekt auf, dem man in Gramsmas Arbeit nicht selten begegnet. So etwa in einer fotografischen Arbeit von 1998, bei der durch starke Überbelichtung der architektonische Umraum einer stehenden männlichen Figur so ausgeblendet ist, dass die Figur gleichsam im Raum schwebt. Auf die Fotografie ist zudem ein Lichtkegel gerichtet, wodurch die Arbeit komplex wird. Durch die Überblendung verschiedener Lichtquellen (inner- oder ausserbildlich) wird eine Ambivalenz erzeugt, die sich auf das Verständnis des Sichtbaren niederschlägt. Auch in einer filmischen Arbeit von 1998, die in der Ausstellung «same player shoots again» im Kunstraum «artis» in Den Bosch zum ersten Mal gezeigt wurde, ist Gramsmas Interesse für Überblendungen festzustellen. Er hat zwei identische Aufnahmen von nächtlichen Kamerafahrten, die entlang der Trennlinie einer mehrspurigen Strasse verlaufen, zeitlich verschoben überblendet. Im ersten Teil der Projektion sind die Spuren auf dem hellen Strassenbelag erkennbar, während diese beim anschliessenden dunklen Strassenabschnitt vor dem Hintergrund eines dunklen Raumes zu schweben scheinen. Dieser kaum merkliche Unterschied führt, zusammen mit dem reflektierenden Glasstaub auf der Projektionsfläche, zu einer leichten Irritation, zu Bildern einer Reise in der Nacht zwischen Trance und Monotonie.

In seiner soeben zu Ende gegangenen Ausstellung in der Galerie Walcheturm Zürich war durch die Fensterfront eine Konstruktion zu erkennen, die einem Alpenglühen in wechselnden Farben glich. Schon in der Ausstellung «same player shoots again» hatte Gramsma eine Art «Nebeldecke» mit gespannten und blau angestrahlten Netzen hergestellt, welche die Künstlichkeit der «Nebeldecke» wie auch des «Alpenglühns» blosslegte. Denn seine Arbeiten tragen dem medialen Charakter solcher Bilder Rechnung. Dabei ist Gramsmas Arbeit ein durchaus affirmativer Umgang mit kollektiven Bildern eingeschrieben. Auch wenn sie gelegentlich quasi theatralischen Konstruktionen gleichen, die manchmal auch etwas überinstrumentiert wirken, bleiben sie – suspense of disbelief! – imaginäre Grössen. Sie können Projektionsflächen für kulturelle Freiheitsvorstellungen und Existenzräume jenseits der Spektakelgesellschaft werden.

Manchmal produziert Gramsa diesen suspense of disbelief ohne Vermittlung eigentlicher Bilder. In einer Arbeit von 1997, die wie oft als Titel nur das graphische Zeichen für einen Gedankenstrich trägt (!), werfen drei Halogenspotlampen in einem leicht abgedunkelten Raum Lichtrechtecke auf die weisse Wand. Die beiden flankierenden Lampen sind leicht nach aussen abgewinkelt, so dass sich durch die Verzerrung der Projektion eine schematisierte perspektivische Raumansicht abzeichnet. Natürlich funktioniert dieser Illusionismus – der auf einer Fläche evozierte dreidimensionale Raum – nur solange, als die Betrachter die realen, an den Seiten unscharf werdenden Rechtecke in der Vorstellung vervollständigen, das heisst den räumlichen Effekt imaginieren. Allerdings geht es bei den besten Arbeiten von Gramsma weder um ein naives Konzept von Vorstellungskraft noch um Virtualität. Denn die schwarzen Gehäuse der Spots etwa verhindern als unleugbare «Blockaden» im Gesichtsfeld, dass sich die Betrachter gänzlich dem illusionistischen Schauspiel hingeben können. Vielleicht stellt sich diese prekäre Balance zwischen Illusion und Entzauberung vor allem in Arbeiten ein, die kaum abbildhaft und gleichzeitig sparsam konstruiert sind, das heisst wenn ihr Objektcharakter nicht erheblicher ist als etwa der einer bereits jahrelang im Schlafzimmer stehenden Lampe.

Werbeästhetik oder filmische Sprache, der Topos des offenen bzw. landschaftlichen Raumes oder quasi-architektonische Raumkonzepte sowie Bühnenbild, sie alle sind Referenzebenen im Werk von Bob Gramsma. Der Wert solcher Referenzen allerdings ist beschränkt. Zu schnell verleiten sie zu Generalisierungen, die das Spezifische nicht denken lassen. Denn das Besondere am Werk von Gramsma besteht einesteils darin, dass es einer eher unliterarischen Imagination Räume öffnet, was der Künstler mit «Bilder, die nicht stattfinden» auf den Punkt bringt. Zudem wird problematisiert, unter welchen Bedingungen diese Öffnung geschieht. In diesem Zusammenhang kommt dem Licht zentrale Bedeutung zu. Bei allen Projektionen von Gramsma mit folienbeschichteten Aluminiumtafeln etwa spielt die Reflexion und dadurch die zeitweilige Dematerialisierung des Trägers eine Rolle, aber auch die Tatsache, dass eindeutige räumliche Koordinaten fehlen. Es ist, als würde Bob Gramsmas Arbeit davon handeln, dass man sich nach Momenten der Orientierungslosigkeit auf andere Weise im Raumkontinuum verankern kann. Und dass sich auch im Cliché, wo die Welt zu stereotypen Bildern verflacht, ein imaginärer Raum auftun kann.


Künstler/innen
Bob Gramsma
Autor/innen
Daniel Kurjakovic

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