Eine Frage der Lust

The Full Burn, 1998 : Performance eines Stuntmans, Manifesta 2, Luxemburg. Courtesy beim Künstler und Gavin Brown’s enterprise, New York

The Full Burn, 1998 : Performance eines Stuntmans, Manifesta 2, Luxemburg. Courtesy beim Künstler und Gavin Brown’s enterprise, New York

Untitled (Seven Hours), 1997, C-print

Untitled (Seven Hours), 1997, C-print

Fokus

Die «verbotenen Früchte» des Piotr Uklanski schmecken süss: die Disco als utopisches Paradies, Nazi-Look als schnittige Mode und Action-Film-Ikonographie als erhabenes Vorbild. So kündet das Werk des in New York lebenden Polen genauso vom Glück der Schönheit, wie von den Risiken, die diese vielleicht erst ermöglichen.

Eine Frage der Lust

Zu den ästhetischen Strategien von Piotr Uklanski

«Burn Baby Burn» (The Trammps) Das geht unter die Haut: flackernde Lichter im heisskalten Blau, glühendem Gelb und loderndem Rot. Dazu ein zuckender Körper und der raumfüllende, knackige Sound. Energiegeladene Atmosphäre gibt den Ton an. Spannend die gewollte Duplizität der Ereignisse: Diese Beschreibung trifft auf das «Disco Inferno», das The Trammps 1977 in dem Film «Saturday Night Fever» besangen und das Piotr Uklanski auf seinem «Dancefloor» (1996/98) reinszenierte genauso zu, wie auf Uklanskis Performance «The Full Burn» (1998), in der ein Stuntman eine halbe Minute lang vor dem verdutzten Publikum der Manifesta 2 brannte.

«You should be dancing» (The Bee Gees) Eine flackernde Fläche aus bunten Farbimpulsen unter den Füssen. Rhythmische Lichtmuster, geometrisch angeordnet, mischen sich in der Teeküche des Neuen Museums Weserburg mit den Beats der schallenden House-Music. American Minimalism à la Carl Andre and Dan Flavin meets Discoworld. Guillaume Bijls Strategien der «transformierten Räume» und Kippenbergers Hühnerdisco beispielsweise treffen auf den tanzenden working-class-hero John Travolta sowie die Britpop Pulps und ihr Album «Disco 2000» – unser imaginäres Museum beginnt also genauso zu tanzen wie der eigene Körper. Denn plötzlich wird im Kunstraum nicht nur geguckt und nachgedacht, sondern zudem hemmungslos abgetanzt. Und überraschend wird die Identität des Ausstellungsbesuchers in Frage gestellt: Im lustvollem Sichselbstverlieren auf der Tanzfläche werden die Grenzen von Geschlecht und Klassenzugehörigkeit tendenziell für einen glücklichen Moment lang aufgehoben – der Dancefloor als so glamouröser wie utopischer Raum.

«I?m on Fire» (The Trammps) Ruhig stehend, als lebendige Fackel entwickelt der Stuntman in der Performance «The Full Burn» eine fast auratische Schönheit. Eher an ein romantisches Lagerfeuer erinnert sein Auftritt, als an einen politischen Verzweiflungstäter. Die klassische Actionszene dient als medienübergreifende Folie für die Demonstration der Erhabenheit eines der vier Urelemente: das Feuer als Inbegriff einer vom Menschen beherrschten Naturgewalt. Sein Flackern ist noch heute die Metapher für das «Flickering of the screen», das den bewegten Bildern von Film, Video und TV ihren lebendigen, den Blick verführenden Reiz verleiht.So variiert Uklanski dieses Motiv der Mann-FeuerBeziehung dann auch in seiner Plakatcollage «Backdraft» (1997): Neun Action-Filmplakate werden zusammengeführt, in denen eine bedrohliche, aber beherrschte Feuersbrunst den dramatischen Hintergrund abgibt für den souveränen Hauptdarsteller des Films.Wie schon bei dem «Dancefloor» und «The Full Burn», so stellen auch hier eindringliche Lichtmomente die mal beglückende, mal eher gefährliche Essenz der Schönheit dar – verglich nicht schon Th. W. Adorno das ästhetische Glücksgefühl mit dem Ereignis des «Feuerwerks»?!

«Tanz den Adolf Hitler» (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) Szenenwechsel: In seiner neuesten Arbeit «The Nazis» (1998) zeigt Piotr Uklanski 150 refotografierte Stills und Plakate, die Hollywoodschauspieler in einer Rolle als Nazisoldat zeigen. In einer Reihe sind sie da, quasi im «Schulterschluss», beispielsweise in der Photographers Gallery in London, nebeneinandergehängt. James Mason, Omar Sharif und David Carradine geben sich hier genauso die zweifelhafte Ehre wie Helmut Schneider, Richard Burton oder Klaus Kinski. Mister Spock zeigt sich als SS-Soldat, Doktor Schiwago als Offizier und Scherzbold Jerry Lewis überrascht als Nazi-Scherge – die Images geraten durcheinander, die Idole werden zu Feindbildern und die Identifikation bekommt einen Knacks. Oder auch nicht: vertraute Blicke, Film- und Porträtkonventionen finden sich auf den eingefrorenen und dadurch aus dem Handlungszusammenhang freigestellten Bildern wieder. Der Glanz der Stars überlebt so mühelos auch in den Nazi-Uniformen. Zumal diese Uniformen, die klassische Strenge, schnittige Eleganz und aggressive Würde der Kopfbedeckung und der Kragen versuchen, Ernst, Sicherheit und Selbstbewusstsein auszustrahlen. Nicht ohne Grund ist die Uniform in letzter Zeit wieder zu modischen Ehren gekommen. Verehrungswürdig scheinbar aufgrund ihres Filmruhmes, entrückt und durch Identifikation dennoch nahbar, faszinieren die Schauspieler als beliebte Hollywoodstars ausserdem. Mit diesen politisch unkorrekten Verkörperungen der von Walter Benjamin definierten Aura erinnert der Künstler also daran, dass die Ästhetiken der Unterhaltungsindustrie und die der (faschistischen) Politik durchaus verwandt sind. Und daran, dass das «Dritte Reich» längst in erster Linie durch die Medien vermittelt im Gedächtnis bleibt.

«Slave to the Rhythm» (Grace Jones) Disziplin ist gefragt: Immer wieder dreht sich die künstlerische Arbeit Piotr Uklanskis auch um die Ambivalenz des «Gehorchens». Neben der Rigidität der unbedingten Disziplin bei den Nazis und der lebenserhaltenden, im Kantschen Sinne «erhabenen» Präzision des Stuntmans in «The Full Burn», steht die in Freiheit umschlagende Disziplin auf demDancefloor. Die hier zu (ge)horchende Musik zielt mit ihren eingängigen, simplen und vorhersehbaren Beats direkt auf die körperliche Umsetzung in «taktvolle» Motorik: «Der Beat ..... bewegt uns, kontrolliert uns und beraubt uns unseres Willens. Tanzen wird zu Unterordnung unter den alles beherrschenden Beat», schreibt der amerikanische Cultural Studies Professor Walter Hughes über die in der Diskothek Tanzenden.1 Insofern hat noch das Vergnügen in der Disco devote, vielleicht sogar masochistische Momente, die denen des Gehorsams des Soldaten nicht fremd sind. Dass in der Diskothek zudem ein Dresscode verabredet ist, der dem von Uniformen nahekommt, dies ist hinlänglich bekannt. Das Paradoxe auf dem Dancefloor aber ist, dass genau diese «uniforme» Unterordnung – auch Hughes führt dies überzeugend aus – das selbstvergessene, begehrende und utopische Eintauchen in die rhythmischen Welten des Klanges und der (auto)erotischen Bewegung erst ermöglichen. Noch das geometrische, aber farbenfroh aufblinkende Raster des Ukla`nskischen Dancefloors erzählt von dieser Dialektik. Eben der Dialektik von ordnender Präzision und lustvoller Dynamik.

«Photograph» (Ringo Starr) Der angeblich kommerzielle, glatte und dumme Style der Disco, die vermeintlich gewaltverherrlichende Spannung des Action-Films und dann noch die menschenverachtende NS-Ästhetik – Piotr Uklanski pflegt offensichtlich eine Lust an den klammheimlichen Genüssen der verbotenen Früchte. Er lässt sich von keiner moralin-verklemmten Ideologie die Faszination und Mehrdeutigkeit gerade der ästhetischen Manifestationen ausreden, die immerhin eines – und dies nicht zufällig – gemeinsam haben: massenhaften Erfolg. Auch seine Werkgruppe «Joy of Photography» (seit 1997) lässt sich in diese Reihe einordnen. Hier nutzt Uklanski die weltweit verbreitete Sprache der Amateurfotografie.2 Ausgehend von klassischen Tricks und technischen Kniffen, wie sie dort gerne angewendet und in speziellen Handbüchern immer wieder propagiert werden, fotografiert er sehnsuchtsvolle, sentimentale Motive: Eine tropische Trauminsel, eine im Mondlicht schillernde Pfütze oder ein Pferdeporträt. Diese banalen Motive entwickeln hier eine verführerische Kraft, die ihre hausbackene, von der Kodak-Fibel «befohlene» Handwerklichkeit vergessen lassen. Just do it?!


Arbeiten von Piotr Uklanski sind ab dem 22.1. in der Kunsthalle Baden-Baden in der Ausstellung «Minimal Maximal» zu sehen.

Autor/innen
Heike Helfert
Raimar Stange
Künstler/innen
Piotr Uklanski

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