Hinrich Sachs im Bonner Kunstverein

Als Gast von Hinrich Sachs Dr. Mikaela Müller-Trutwin, Virologin; Courtesy Bonner Kunstverein

Als Gast von Hinrich Sachs Dr. Mikaela Müller-Trutwin, Virologin; Courtesy Bonner Kunstverein

Besprechung

Der in Hamburg lebende Künstler Hinrich Sachs begibt sich in seinen Projekten immer wieder in die Rolle eines Gastgebers, um mit Geladenen und dem Publikum einen offenen Prozess des kommunikativen Austauschs zu initiieren. Waren es zuletzt vor allem Gesprächsrunden zu spezifischen Themen, so bezieht sich seine derzeitige Arbeit im Bonner Kunstverein auf einen einzigen Gast – die am Pariser Institut Pasteur in der Aidsforschung arbeitende Virologin Dr. Mikaela Müller-Trutwin.

Hinrich Sachs im Bonner Kunstverein

Eine auf den ersten Blick rätselhafte Konstellation im Eingangsbereich der Ausstellung von Hinrich Sachs (*1962) fordert zu einer kombinatorischen Wahrnehmung heraus. Zwei flache Tische mit unterschiedlichen Gegenständen (Nahrungsmittel, Stapel gedruckter Fotos, wissenschaftliche Veröffentlichungen), eine Vase mit Blumen und der blaue Anstrich der Wände entpuppen sich nach und nach als Element eines multimedialen Porträts der Wissenschaftlerin. Es ist ein Porträt, das auf ein Abbild der Porträtierten verzichete und stattdessen einzelne Facetten ihrer Lebenswirklichkeit versammelt.Der Zusammenhang der heterogenen visuellen Elemente wird auf akustischer Ebene gestiftet: Über eine Hifi-Anlage ist ein aufgezeichnetes Interview zu hören, das Hinrich Sachs mit seinem Gast führte. Dass die veilchenblau gestrichenen Wände, die Blumen und die Zutaten zu einer Lasagne etwas mit den persönlichen Vorlieben der Forscherin zu tun haben, kann dem Interview ebenso entnommen werden wie ihre differenzierten Selbstreflexionen über ihr Leben und ihren beruflichen Entwicklungsweg.Im Kontext der gesamten Arbeit werden diese Interviewäusserungen über ihre konkrete existentielle Dimension hinaus auch als Konstruktion von individueller Geschichte wahrnehmbar. Ebenso wie Sachs mit einer gezielten Auswahl von Elementen die Individualität seines Gastes konstruiert, wird im spontanen Gedankengang der Wissenschaftlerin die eigene Interpretation ihrer Biografie als Entwurf von Identität deutlich. Dass auch der Betrachter das Angebotene nach eigener Wahl rezipiert und neu zusammensetzt, nimmt in mehreren Stapeln von Fotodrucken direkte Gestalt an. Die zur Mitnahme ausliegenden blautonigen Abbildungen zeigen Interieuraufnahmen der Privatwohnung und des Arbeitsplatzes der Aidsforscherin. Wie im Interview sind es auch hier die Details, vom afrikanischen Stoffbild am Küchenregal bis zur Gen-Karte an der Laborwand, die sich als signifikante Elemente mit Bedeutung aufladen. Dass die visuell lapidar erscheinende Arbeit vielfältige, einander überlagernde Lesearten und Perspektiven zulässt, ist nicht der einzige Umstand, durch den sich Hinrich Sachs als «Duchamps Urenkel» (der Titel der Bonner Ausstellungsreihe) erweist. Indem er ein der Kunst entgegengesetztes Gebiet wie die naturwissenschaftliche Forschung in den Kunstkontext hineinholt und dabei auch journalistische Mittel einsetzt, führt er die von Duchamp und dessen zahlreichen Nachfahren praktizierte Überschreitung der Gattungsgrenzen auf seine Weise fort.


Bis 
06.02.1999
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Hinrich Sachs 14.12.199807.02.1999 Ausstellung
Künstler/innen
Hinrich Sachs
Autor/innen
Thomas von Taschitzki

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