Eines Malers Metier

Selbstporträt vor leerer Leinwand, 1998; Öl auf Leinwand, 145 x 95 cm; alle Fotos: Arnold Helbling, Courtesy Galerie Schedler, Zürich

Selbstporträt vor leerer Leinwand, 1998; Öl auf Leinwand, 145 x 95 cm; alle Fotos: Arnold Helbling, Courtesy Galerie Schedler, Zürich

Bill and Jim (aus der Serie «The Ship of Fools»), 1999; Öl auf Leinwand, 115 x 230 cm

Bill and Jim (aus der Serie «The Ship of Fools»), 1999; Öl auf Leinwand, 115 x 230 cm

Fokus

Dieter Hall weiss um die Herausforderung: In seiner Kunst hat er sich ausgerechnet der Vorstellung dessen verschrieben, was er das «Selbstverständliche» nennt, obwohl er sich des Künstlichen an der Kunst und des wenig Selbstverständlichen am künstlerischen Unterfangen – ein Sinnbild der Wirklichkeit zu formulieren – bewusst ist. Es sei ja eigentlich naiv, überhaupt ein Bild malen zu wollen, meint er. Über diese Widersprüchlichkeiten, die seine Vorgänger ja auch schon durch Jahrhunderte hindurch beschäftigt haben, setzt er sich mit Bravour und einer Dosis Ironie hinweg. Seine Werke sind zur Zeit in der Galerie Martin Krebs, Bern, ausgestellt.

Eines Malers Metier

Zu den Werken von Dieter Hall

Halls Verständnis des eigenen Handelns als zumindest fragwürdig auf der einen Seite, sein fast trotziges oder wenigstens eindeutiges Bekenntnis zum eigenen Standpunkt auf der anderen, offenbaren nicht nur Affinitäten zu historischen westeuropäischen, sondern auch zu gewissen aktuellen amerikanischen Positionen im zeitgenössischen künstlerischen Diskurs, die sich dem ersten schnellen Blick auf Halls Werk völlig entziehen. Gleich nach seinem Abschluss in Kunstgeschichte und Deutscher Literatur an der Universität Zürich zog der Künstler 1983 nach New York, wo er seither an einer Nebenstrasse in der Lower East Side residiert, die der grassierenden Altquartiersanierung bisher entgangen ist. Hall hatte schon in Zürich, wo er mit Künstlerfreund Martin Disler den «Nachbar der Welt» Verlag gegründet hatte, angefangen zu malen. In New York aber, auch in Auseinandersetzung mit dem Werk des Fotografen Peter Hujar, kristallierte sich dieses Interesse am «Selbstverständlichen» heraus, das durchaus einem humanistischen Freiheitsbegriff gleichgesetzt werden kann, bei dem Menschenwürde und Entscheidungsfreiheit aus dem artikulierten oder artikulierbaren Bewusstsein des eigenen Handelns resultieren. Seiner kunsthistorischen Ausbildung entsprechend hat Hall – der als Maler Autodidakt ist – so feste Topoi wie Stillleben, Vanitas, Porträt oder Memento mori aufgegriffen, ihnen aber durch den direkten Bezug zu seinem eigenen Alltag die erwähnte Selbstverständlichkeit, den Eindruck stiller Notwendigkeit, verliehen. Über die Jahre hinweg sind so Stühle und Betten, Spiegeleier und Fischgräten, zwei ausgetrunkene Weingläser auf einem verlassenen Wirtshaustisch, eine angelehnte Tür mit zwei Kleiderbügeln an der Wand, leere Badewannen und viele Blumen in zahlreichen Vasen zu Stilleben zusammengeführt geworden. Unter die lose formulierte Gruppe «der Maler und sein Modell» lassen sich die einfühlsamen Porträts meist von Freunden und Bekannten des Künstlers einordnen, auf deren Eigenverständnis oder Beruf er in der Tradition westlicher Kunstgeschichte mit Attributen wie Büchern oder Werkzeugen manchmal hinweist. Selbst mit diesen Schlüsseln eröffnen die Porträts die Geheimnisse des Gegenübers aber kaum, sondern zeigen uns Menschen in einer würdigen, selbstbestimmten Haltung. Bei den Aktgemälden wären Vorgänger wie Pierre Bonnards «Indolente» von 1899 zu nennen. Während der Franzose nun aber ein anonymes Modell kürte, so malt Hall nackte Männer, die er meist persönlich kennt. Wie bei Bonnards Werk schwankt deren Ausdruck zwischen erotischer Einladung und selbstvergessenem Zurückgezogensein. Durch den direkten Bezug zum Alltag des Künstlers ist ihnen eine ganz eigenartige Zwinglichkeit eigen, so «Indolent # 1 (Jack)», 1998.

Bekenntnis zur eigenen Person Mit seinem uneingeschränkten Bekenntnis zur eigenen Position, das vor emotionalen Kategorien wie Schönheit oder Gefühl (bis hin zur Sentimentalität) nicht haltmacht, reiht sich Hall unter die Künstler, die sich nicht mehr länger um die Metasysteme kümmern, die unser Leben steuern, sondern sich hemmungslos den eigenen Fantasien, Schwächen, Spielen und Träumen hingeben. Karen Kilimnik und Elizabeth Peyton sind zwei naheliegende Beispiele aus dem New Yorker Umfeld des Künstlers, die sich beide auf unterschiedliche Weise der Welt von Schönheit und Glamour verschrieben haben.Aber auch das Bewusstsein um seine eigene Stellung und das gleichermassen verschmitzte wie wehmütige Anerkennen der Möglichkeit des Scheiterns, ein Geltenlassen der Norm, die nicht erreicht worden ist, lassen sich – wie viele weitere Aspekte – im New Yorker Umfeld des Künstlers finden. Zu den ausgeprägtesten Beispielen gehören die «missglückten» vertrockneten Tonbüsten des Amerikaners Sean Landers, die nie gebrannt wurden, weil der Künstler angeblich plötzlich von Selbstzweifeln überwältigt wurde (was ihn aber nicht vom Ausstellen abhielt). Bei Hall ist dieses Scheitern weniger kunstmarktspezifisch und allgemeiner angedeutet: Vereinfachend ausgedrückt, scheint sein gesamtes Werk einer binären Struktur gemäss angelegt worden zu sein, wo eine Position ihr Gegenteil evoziert – im wertfreien dialektischen, aber oft auch im moralischen Sinn. Jeder leere Stuhl im Bild verweist auf einen abwesenden Menschen, jeder Körper, der an Darstellungen von Edgar Degas oder Bonnard anklingt, auf die zeitliche und kulturelle Distanz zu den Altmeistern. In vielen Arbeiten werden das Mass oder die Norm aus kunst- oder sozialgeschichtlicher oder gesellschaftlicher Sicht heraufbeschworen – es ist also nicht erstaunlich, dass Hall schon 1983 in seiner kunsthistorischen Abschlussarbeit der Frage nach den Kriterien für einen künstlerischen Qualitätsbegriffs nachging. Diese binären Strukturen treten manchmal innerhalb eines einzigen Gemäldes auf, zum Beispiel in Darstellungen des Himmel und Hölle-Kinderspiels oder in «Weisse Wolke», 1999, worin die weisse Wolke schwarze Schatten wirft. Manchmal wird die entgegengesetzte Position aber auch bloss sprachlich evoziert, zum Beispiel durch den Titel «Domestic Violets», 1998, der sich tatsächlich auf die «häuslichen Veilchen» auf dem Tisch im Bild zu beziehen scheint, aber unterschwellig Begriffe von häuslicher Gewalt mitschwingen lässt. Manchmal wird die bürgerliche Norm völlig überraschend signalisiert, so in der Serie «Orchester», 1998, wo die nackten Musikanten klassische Musikinstrumente zu spielen scheinen.

Ship of Fools Einer neuen Serie, «The Ship of Fools», lässt sich eines der eindrucksvollsten Werke von 1999 zuordnen, das grossformatige «Bill und Jim». Die beiden befreundeten Männer, bekannte Figuren der literarischen Szene der Lower East Side, erscheinen gross und frontal auf der linken Hälfte der Leinwand; ihre Regenmäntel, die sie sich über den nackten Körper gehängt haben, betonen eigentlich noch ihre Schutzlosigkeit. Klassischem Kompositionsmuster entsprechend hat Hall das ganze Wesen dieser zwei Männer auf der linken Bildseite einem Papierfaltbötchen mit zwei Fähnlein auf der rechten Bildhälfte gleichgesetzt. Vor kurzem hat sich Dieter Hall von einem professionellen Make-up-Künstler als Affe in Menschenkleidern herrichten und fotografieren lassen. Die Fotos werden die Grundlage zu einer Reihe von Selbstportraits bilden, in denen der konkrete Bezug zu Jean-Baptiste-Simon Chardins malendem Affen unübersehbar gegeben ist. Wie der klassische Hofnarr ist sich Hall seiner Stellung und der damit verbundenen Herausforderungen bewusst. Er hat sich aber auch wie jener, der ohne Urteil zu sprechen verschiedene Positionen ausleuchtet, seine Freiheit erhalten. Und im Verlauf seines Possenspiels mit dem Betrachter und den Erwartungen/Anforderungen der Kunstgeschichte malt Dieter Hall schöne, oft betörende Sinnbilder seiner Wirklichkeit.


Die Gleichzeitigkeit des Andern – das Gewohnteim Erotischen, im Einzigartigen, das Absurde im Schönen, im Traurigen, mögen sich spiegeln, gegenseitig und übers Kreuz. Selbstverständlich, verwundert, feiernd und gelassen. Vielleicht. (DH)

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Dieter Hall 22.02.200018.03.2000 Ausstellung Muri BE
Schweiz
CH
Künstler/innen
Dieter Hall
Autor/innen
Carin Kuoni

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