Wenn Alpenrosen sprechen...

Ohne Titel (Alpenrosen), 2000; Öl auf Leinwand, 67 x 43 cm; alle Bilder Courtesy Hans Stalder/Galerie Francesca Pia, Bern

Ohne Titel (Alpenrosen), 2000; Öl auf Leinwand, 67 x 43 cm; alle Bilder Courtesy Hans Stalder/Galerie Francesca Pia, Bern

Ohne Titel (Figur), 2000; Öl auf Leinwand, 67 x 43 cm

Ohne Titel (Figur), 2000; Öl auf Leinwand, 67 x 43 cm

Fokus

Hans Stalder ist ein Beobachter. Seine Malerei kommt aus der Anschauung, seine künstlerische Sprache aus der Ausdifferenzierung des Eigenen im Allgemeinen, im Alltäglichen. Seine Gemälde sehen uns an mit dem fremd-vertrauten Blick des Kreatürlichen. Anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Städtischen Kunstkommission Bern hat das dortige Kunstmuseum einen Raum mit seinen Werken ausgerichtet.

Wenn Alpenrosen sprechen...

Zu den Gemälden von Hans Stalder

Hans Stalders Gemälde sind nie eloquent. Sie sind mit einem Blick erfassbar und doch regelrechte Fallen. Man schaut sie an – und, sie schauen zurück. Betrachtet man in seinem Atelier in Burgdorf die Wand, auf welcher seine gerade in Arbeit befindlichen Gemälde hängen, so wird man von deren eindringlicher Präsenz unweigerlich in den Bann geschlagen. Und man fragt sich: Um was geht es dem Maler, der in den kleinen und mittelformatigen Bildern immer wieder dieselben Themen umkreist. Mal sind es Blumen, mal Gesichter, mal ein Löwe, der eine Löwin in den Nacken beisst, oder ein Chalet, das hinter einer Palette, wie hinter einem Hügel in die Ferne zu rutschen scheint. Die Motive sind selten weit hergeholt. Die Vorlagen für die Blumenbilder stammen meist von einem Samenbriefchen, die Frauenporträts von einem selbstgeschossenen Foto oder einer briefmarkengrossen Abbildung eines CD-Beiblattes und das Tierfoto aus einer Fernsehzeitschrift. Doch so klar das Gezeigte, umso irritierender das Gefühl, wenn sich die Formen beim längeren Betrachten wieder zu entziehen scheinen. So reduzieren sich beispielsweise die beiden Eulen mehr und mehr auf ihre übergrossen Pupillen und treten hinter diesen zurück, ähnlich wie bei einer Katze im nächtlichen Scheinwerferlicht, deren Augen wie körperlose Reflektoren in einer Strassenböschung aufblitzen können. Man erinnert sich an eine sekundenschnelle Begegnung, einen Blick, den man streifte und der hier als malerisches Ereignis festgehalten ist. Und zwar in einem so unscheinbaren Gegenüber wie den beiden Eulen, die reglos, wie auf einem Makramé-Wandbehang, ihr Dasein führen. Gemalt sind die Bilder in Öl auf Leinwand. Für die Vorzeichnungen benutzt Hans Stalder gebrannte Sienaerde, rötlich-braun wie das Rostrot verwelkter Blätter, denen einzig noch das verbleibende Karotin die Farbe verleiht. Im Unterschied zu Fotografie und Computerbildern basieren die Gemälde also nicht auf Rasterpunkten oder quadratischen Pixels, sondern auf Erdkrümeln. Diese roten Vorzeichnungen sind die Adern, welche all die Bilder durchziehen und aus denen die Stalderschen Figuren und Gewächse spriessen. Was macht er nun mit dieser Zeichnung? Er tut etwas ganz Elementares, er erforscht die Wahrnehmung. Wie wird aus einer amorphen Fläche, einem Mal, einem Fleck etwas Erkennbares. So wie sich die Linguistik der Struktur von Sprache angenommen hat, die Regeln analysiert, die unserem Sprechen und Denken zugrunde liegen, so analysiert Stalder auf visueller Ebene die Grammatik, die ein Bild zu einem Bild macht. Auch hier geht es um Semantik, um die Bedeutung bestimmter Zeichen und um die Logik des Verstehens. Dabei zeichnen sich seine Gemälde eher durch eine bestimmte Methode als durch stilistische Konsequenz aus, durch eine Konsistenz des Fragens und der Auseinandersetzung mit Malereigeschichte, die in jedem Werk zu neuen Antworten führt.

Bilder Recycling Dazu malt Hans Stalder seine Motive wieder und wieder, so wie Cézanne seine Äpfel, Van Gogh seine Sonnenblumen, der Berner Maler Martin Lauterburg die Geranien- und Zyklamenstöckli oder Jean-Frédéric Schnyder 149 mal den Sonnenuntergang am Zugersee. Das einzige Hilfsmittel bei der Übertragung seiner Vorlagen sind einige geometrische Hilfslinien. Ansonsten gilt das chinesische Prinzip: «Heart, hand, brush». Wie bei Schnyder ist jedes Bild der Anfang einer Serie. Doch anders als bei diesem ist das Serielle nicht programmatisches Konzept, sondern ein offener Prozess der Reduktion, ein Prozess, während welchem er beispielsweise das Porträt einer Bekannten so lange malt, bis jedes karikatureske Element wegdestilliert ist – als letztes war es in diesem Fall die Nase, welche ihn noch störte. Und erst so wird aus dem Schnappschuss ein allgemeingültiges, eindringliches und doch ganz persönliches Porträt.Wie Hans-Rudolf Reust in seinem Text in den Berner Kunstmitteilungen geschrieben hat, geht es dabei um eine Art Recycling von «Fotoschrott», um ein Wiederaufladen von Bildern, die uns so vertraut sind, dass wir sie schon gar nicht mehr wahrnehmen1. Erst im malerischen Übertragungsprozess ereignet sich die Umwandlung, eine Veränderung, die sich so nie hätte planen lassen und die auch für den Künstler immer wieder eine Überraschung ist.

Veränderungspotenzial Als Maler ist Hans Stalder Autodidakt, er hat keine Abkürzungen genommen, sondern seine Erfahrungen Schritt für Schritt selbst erarbeitet. Auch die Motive haben meist konkret mit seiner Lebenssituation zu tun. In «Memory», einer 15-teiligen autobiografischen Bestandesaufnahme von 1996, kommen die verschiedensten Themen vor, der YB Fussballer Wale Müller mit seinem Monalisa-Schmunzeln, Mecke, der Igel beim Picknick, als metaphorische Darstellung des etwas vulgären Hedonismus der Achtziger Jahre oder das Schürzensignet, das noch jetzt in seinem Atelier in der ehemaligen Alpina Käslifabrik hängt. Die Haltung, welche uns aus diesen Bildern entgegenweht, ist nie zynisch, sondern immer anteilnehmend. So beispielsweise indem er in der säuberlich gedrechselten Igel-Idylle seinen eigenen Fleiss mit ins Bild setzt, in den Quadrätchen an den Rändern, in welchen er die Farbreste eines Tages zu einem immer anderen Grauton vermalt hat. «Memory», der Titel der Serie, hat etwas mit Erinnern zu tun. Ebenso «Pensée», das französische Wort für Stiefmütterchen, die in den vergangenen Jahren schon fast leitmotivisch Stalders Werk durchziehen. Die Pensées von Hans Stalder sind einerseits das, was sie heissen: gemalte Gedanken, gemaltes Denken. Gleichzeitig sind es auch gedankliche Freiräume, Ranken, Girlanden, an denen sich unser eigenes Denken entlanghangeln kann. Malerei hat eigentlich immer etwas mit Gedächtnis, mit Erinnerung zu tun. Malerei braucht Zeit, beim Entstehen und beim Betrachten. Sie ist in einem gewissen Sinne auch objektgewordene Zeit. Malerei hat mit Rhythmus zu tun, mit physikalischen Gegebenheiten und mit deren Überwindung. Im Zeitalter der mechanischen Reproduzierbarkeit ist Zeit in der Regel kein Faktor für Bildgenerierung mehr. Für Stalder jedoch schon. Ihn interessiere nach wie vor der Widerstand des Taktilen, dieses Sperrige, wenn er mit einem Pinsel aus Schweineborsten eine fliessende runde Form auf die Leinwand bringen wolle und das damit gekoppelte Veränderungspotenzial. Darum habe er auch bisher auf Reproduktionstechniken verzichtet, nicht wie Andy Warhol seine Motive mit Siebdruck auf die Leinwand spritzen lassen, sondern als «handy Andy» von Hand gemalt.

Primärwahrnehmungen Dass ihm dies über die Jahre immer selbstverständlicher gelingt, zeigen die Blumen-bilder der letzten Jahre, die Stiefmütterchen, die fleissigen Lieschen, die Kapuziner und die Sonnenblumen. Er liebe Stiefmütterchen, weil er bei diesen ein Gesicht hineinschmuggeln könne. Dies gelingt ihm auch bei den anderen Blumenmotiven. Sie alle schauen uns an, nicht mit einem menschlichen Blick, doch mit dem des Kreatürlichen, das hier seine eigene Sprache gefunden hat. Als ehemaliger Logopäde – bis 1991 war dies sein Brotberuf – kennt sich Hans Stalder mit entwicklungspsychologischen Vorgängen aus. Es geht dabei um primäre Wahrnehmungsmuster, das Sehen in den ersten Lebensphasen, in denen sich die Wahrnehmung auf starke Farben und auf Schemenhaftes beschränkt: Drei Punkte ergeben bereits ein Gesicht. Klar umschriebene Blattmuster, zu Punkten angeschwollene Samenkörbe, monochrome Hintergründe und malerisch modellierte Blütenblätter in einer auf wenige, beinahe reine Farbtöne zurückdestillierten Buntheit sind seltsam gleichwertig auf der Fläche arrangiert, so dass sich trotz klarer Staffelung keine illusionäre Tiefenwirkung ergibt. Alles ist da und alles ist wichtig.Diese Gleichwertigkeit spiegelt ein taktiles, sinnliches Verständnis von Welt, eine Welt, die sich in erster Linie durch Berührung zu erkennen gibt. Anders als ein rein visueller Zugang zur Welt, ein virtuelles Weltverständnis ohne Räumlichkeit, in welchem Leerräume und dichte Informationsfelder nur durch einen Knopfdruck voneinander entfernt sind. Eine Leinwand hingegen will Faser für Faser bearbeitet sein, ebenso wie man einem Raum physisch abschreiten muss, um ihn zu überwinden. Diese taktile sinnliche Komponente, diese Überwindung der Widerstände des Materials, die immer auch mit dem Sammeln von Erfahrungen einhergeht, macht die Verbindlichkeit der Werke aus.Künstler sein, sei ein einsamer Job. Es gehe ihm darum, etwas zu kommunizieren und etwas zu bewahren. Seine Alpenrosen vor Augen kann man sagen, es ist ihm gelungen. Aus diesen Alpenrosen blickt einem auch immer ein menschliches Empfinden entgegen, eine in der Natur gespiegelte Menschlichkeit – um die es schlussendlich geht, im Leben ebenso wie in der Kunst.


Hans Stalder hat den Preis der Städtischen Kunstkommission Bern erhalten. Anlässlich dieser Preisverleihung hat das Kunstmuseum Bern einen Raum mit Werken aus den eigenen Beständen ausgerichtet.

Autor/innen
Claudia Jolles
Künstler/innen
Hans Stalder

Werbung