Probation Area im Gelände von München-Riem

Fortuyn/O’Brien · Wohnzimmer, 2001
Courtesy kunstprojekte–riem, München, Foto: Irene Kaunat

Fortuyn/O’Brien · Wohnzimmer, 2001
Courtesy kunstprojekte–riem, München, Foto: Irene Kaunat

Besprechung

Das Gelände des stillgelegten Flughafens München-Riem ist mit unterschiedlichsten partizipatorischen künstlerischen Interventionen für Vertreter aller Bevölkerungsschichten neu erschlossen worden. 2005 soll der sechsjährige Modellversuch abgeschlossen sein. Finanziert wird das Ganze aus gesetzlich vorgeschriebenen Anteilen an Baukosten kommunaler Einrichtungen für Kunst im öffentlichen Raum.

Probation Area im Gelände von München-Riem

Biegt man von der Autobahn ab in die neue Messestadt, gleicht der ehemalige Flughafentower einem sinnlos gewordenen Solitär inmitten von Baukränen, Wohnblöcken und (noch) versprengt stehenden Kindergärten und Schulhäusern. Von Kunst ist nichts zu sehen, die Skulptur von Olaf Metzel, ein programmatischer Sperrriegel aus Stahl auf der Freitreppe, die zur U-Bahn führt, ist längst abgebaut und eingelagert. Keine Schautafeln oder Leitsysteme begleiten das Geschehen vor Ort. Ganz im Sinne der selbstreferenziellen Kunst verzichtet Claudia Büttner, Kuratorin der «kunstprojekte–riem», auf eine mediengerechte Vermittlung nach aussen, um umso konzentrierter nach innen wirken zu können. Im Gegensatz zu vielen Neubau- und Sanierungsgebieten der achtziger Jahre ist die Messestadt kein wildwachsendes Konglomerat, sondern ein strukturiertes Konstrukt mit gesteuerten Bevölkerungsanteilen. Was vermag Kunst an einem solchen Ort?


Clegg & Guttmann diskutierten mit den ersten Bewohnern über Gestaltung, Ausrichtung und Funktionalität von Gemeinschaftsräumen, Kathrin Böhm und Stefan Saffer schufen eine multifunktionale Präsentationseinheit, eine nach allen Seiten ausklappbare Tonne, um in den Strassen, vor den Vorgärten «Wohnen mit Kunst» als Service anzubieten. Der intensive Dialog mit den Anwohnern machte aus der mobilen Einheit eine kleine Schule der Ästhetik. In eine ähnliche Richtung zielt das «pem-Projekt» von Angela Dorrer, die Menschen auffordert, anderen Zeit zu schenken und dies zu dokumentieren.


Wie man neben dem Didaktischen das Spielerische nicht vergisst und Kunst als ein formalästhetisches Versuchsfeld begreift, zeigen die Puppenhäuser von Fortuyn/O’Brien, die den einzelnen Wohnungsformen in Riem entsprechen und welche die Künstlerin in den Kindergärten der Siedlung ausstatten liess. In einer zweiten Phase übertrug Irene Fortuyn Ausschnitte aus den Traumambiente der Drei- bis Siebenjährigen in eine «ideale» reale Wohnung. Die Verzerrungen des Kinderblicks hat sie belassen, ebenso die Unsicherheiten beim Malen oder die Farbgebung. Kunst zeigt sich hier als Katalysator, welcher die Hürde zum nicht beteiligten Dritten, dem ortsfremden Besucher, spielend nimmt. Eine ähnliche Bildwirkung planen Felix S. Huber und Florian Wüst mit einer interaktiven Video-/Internet-Arbeit, in der Sequenzen aus bekannten Spielfilmen mit authentischen Aufnahmen aus Riem vernetzt werden.


Pia Lanzinger nimmt den Begriff der Vernetzung à la lettre: Sie lässt die Anwohner über ihre Vorlieben für die eine oder andere Wohnform reflektieren. Das Dokument, eine Videoaufzeichnung, begleitet das Surrogat eines Lifestyle-Magazins. Der Traum ist Zelluloid – die Realität genormte Wohnräume. Kunst, unverzichtbares Element.

Rundgang auf Anfrage: kunstprojekte–riem: +49–89–94 37 98 49

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