Eran Schaerf im Bonner Kunstverein

Eran Schaerf · Some time later, 2002, Installationsansicht; Foto: Franz Fischer

Eran Schaerf · Some time later, 2002, Installationsansicht; Foto: Franz Fischer

Besprechung

Mit einer kleinen Zeichnung im gelblichen Wechselrahmen eröffnet Eran Schaerf seine Ausstellung «some time later» – ein Grundriss der Ausstellungshalle des Bonner Kunstvereins, kleine Nummern verweisen auf die Standorte einzelner Arbeiten. Die schematische Aufsicht erinnert an Blinky Palermos singuläre Arbeit für den Hamburger Kunstverein – er hatte vor dreissig Jahren ein feines Lineament direkt auf die erste Mauer gezeichnet. Es waren nur die inneren Mauern des Instituts zum Signet zusammengezogen worden – die hatte Palermo gleichzeitig ochsenblutrot gestrichen. Daraus wurde in Aufsicht und Anstrich ein unabhängiger Körper.

Eran Schaerf im Bonner Kunstverein

Der Neubau des Bonner Kunstvereins ist noch keine zwanzig Jahre alt – bewegliche Wände können in ein Deckenraster gehängt werden, so wird der Saal regelmässig dem aktuellen Ausstellungsgeschehen angepasst. Dem israelischen Künstler Eran Schaerf reicht das nicht: Er hat die Fertigteile kleingesägt, freigestellt, in Farbe und Muster des Fernseh-Testbildes bemalt. Dazu offensichtlich alle vorhandenden Sockel aus dem Keller geholt, mit viel Farbe «blue boxes» daraus gemacht, diese zum Haufen aufgetürmt. Eine helle Holzbühne aus Pressplatten akzentuiert die Mitte der Halle. Es gibt auch Wände, die sind aus hellem Tuch, ein Luftzug wellt den herabhängenden Stoff wie eine Gardine. Das verbeult Madonnas champagnerfarbenes Korsett wie den federgezeichneten Salon der Rothschilds – denn im gedämpften Dunkel drehen sich Diakarussel, summen Videoprojektoren und Monitore. Medienbilder, historische Aufnahmen oder Zeichnungen, eigenes Filmmaterial streifen unterschiedslos über Wände, Stoffbahnen und Besucher. Manche Apparate sind so aufgebaut, dass sie immerzu auf zwei Wände zielen – die nähere zeigt hellstrahlend die eine, kleine Bildhälfte, fünf Meter weiter ist die andere Seite aufgeblasen aber irgendwie matschiger und ungreifbarer projiziert. Mehr oder weniger deutlich bleibt die Nahsicht auf Bildmaterial, das man in den unzähligen Kombinationen paraphrasieren kann – als soziologisch, philosophisch oder politisch motiviert. Es ist genug da.

Wenn sich gerade kein Besucher traut, bleibt die Bühne leer. Ein paar schwarze gutgeformte Sessel aus Hartplastik reihen sich am Rand, wer Platz nimmt kann sich auch Kopfhörer aufsetzen, denn da werden Texte vorgetragen, die Schaerf «in Kollaboration» mit der Autorin Eva Meyer verfasst hat. Die Worte verbinden den ganzen Bilderzauber genauso kantig und passgenau miteinander wie die Bühne die verschachtelte Architektur. Was man von den Monologen und Gesprächen behalten kann, ist unvollständig, weil es sich mit dem Gesehenen überlappt: Als ob zwei Personen in Person sprächen, wobei sich die eine als Off-Stimme zu der anderen gesellt, die damit zu einem beweglichen Bild wird.

Es ist der Effekt einer Einheit, der diese Station von der vorhergehenden in Berlin so gravierend unterscheidet. Dort teilten sich Raum und Geschehen in Zonen wie vom Reissbrett: Videoecke, Soundgang und Ausstellungsraum mit allabendlich fastfrischen weil nichtverkauften Tageszeitungen in kantengenau gestapelten Türmen. Bonn dagegen ist montiert wie ein grosses Ganzes – mehr Mechanismus als Installation. Wie die optischen und physikalischen Wundergerätschaften des neunzehnten Jahrhunderts fügen sich die Einzelteile zu einer trickreichen und irgendwie wunderbaren Erfindung, geschaffen, um genau diese passend aufbereiteten Töne und Bilder vorzuführen. Aber vertrackter – denn man staunt nicht vor Technik oder Trick, sondern ist Teil.

Bis 
25.01.2003
Autor/innen
Catrin Lorch
Künstler/innen
Eran Schaerf

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