Markus Raetz im Maison Européenne de la Photografie (MEP)

Markus Raetz · Meret, 1967, Dispersion, Vinyl auf Leinwand, Firnis, Holzrahmen, 26 x 30,5 cm; Courtesy Pro Litteris

Markus Raetz · Meret, 1967, Dispersion, Vinyl auf Leinwand, Firnis, Holzrahmen, 26 x 30,5 cm; Courtesy Pro Litteris

Besprechung

Blickt man von aussen in einen Ausstellungsraum des MEP, erkennt man in einem Spiegel einen erleuchteten Kopf, der sich langsam um die eigene Achse dreht. Diese «Moulin sans Tête» ist die neueste Installation von Markus Raetz. Der sich scheinbar selbsttätig drehende Kopf ist als Weiterentwicklung der Installation «Drehungen» (von 1982) anzusehen. Diese kann nur über einen sich ändernden Blickpunkt des Betrachters wahrgenommen werden.

Markus Raetz im Maison Européenne de la Photografie (MEP)

Diese jüngste Arbeit des Berner Künstlers Markus Raetz – eine zentrale Figur unter den künstlerischen Wahrnehmungserforschern – ist das Produkt eines dreissig Jahre dauernden Prozesses. Sie thematisiert den sich selbst reflektierenden Akt der Wahrnehmung, der sich aus der Bewegung heraus konstituiert. Das Stammpublikum des MEP, das an Fotografen wie Irving Penn, Robert Frank, William Klein und Raymond Depardon gewöhnt ist, mag sich allerdings verwundert fragen, weshalb das Werk eines Markus Raetz gerade hier gezeigt wird. Doch die Ausstellung «Nothing is lighter than light», welche 200 Werke – Fotografien, Filme, Installationen und Objekte – von den siebziger Jahren bis heute vereinigt, wirft einen Blick auf den fotografischen Aspekt seines Werks. Dabei macht sie deutlich, dass in jeder Arbeit ein Bezug zur Fotografie besteht, ja gar, dass Zeichnung und Fotografie manchmal nicht mehr auseinander gehalten werden können. Von den leisen, filigranen Arbeiten von Raetz, deren Morphologien sich aus der Nähe und aus der Distanz verändern, bis zu den reproduzierten Bildern, die sich ebenfalls mit unterschiedlichen Distanzen wandeln, ist es nur ein kleiner Schritt. Zum Beispiel sind in der Serie «Miss September», 1966, 1979, kleine Tupfen in divisionistischer Manier gesetzt, sodass sie aus einer bestimmten Distanz gesehen, ein Pin-up in der Pose der Olympia von Manet erkennen lassen, aus der Nähe jedoch ein All-over erzeugen.

Polaroids sind sowohl Arbeitsmaterial für die fotografischen Skulpturen als auch Ausgangspunkt für Experimente mit verschiedenen fotografischen Techniken wie Vergrösserung, Stereoskopie oder Vervielfältigung. Zum Beispiel realisiert Raetz mit Selbstpoträts, Fotografien von Elvis oder gerasterten Aufnahmen von Pin-ups Bilder, die von weitem betrachtet schwarzweiss wirken, aber mit der Zerlegung in drei Primärfarben – von nahem gesehen – farbig erscheinen. Gleichzeitig entziehen sie sich je nach Standort unserem Blickwinkel, womit Raetz die Fotografie vom Aspekt des unmittelbar Festgehaltenen und Unveränderlichen zu befreien sucht.

Ein Bildnis von Robert Walser auf einer Wellkartonfläche wird aufgrund ihrer Auswalzung nach rechts oder nach links als Positiv oder als Negativ wahrgenommen. Eine feinere Struktur als die des Wellkartons bietet Samt. Die Stofftextur ermöglicht es Raetz, näher am fotografischen Korn zu arbeiten und bereits eine Art viruteller Porträts zu realisieren. In den Bildnissen von «30 Zuständen von möglicher Person I» ist der Pinselstrich auf aufgespannten Samtbahnen so ausgeführt, dass er beispielsweise Licht und Schatten gleichzeitig wiederzugeben scheint. In den Schattenzonen der Wahrnehmung hält sich Raetz mit Vorliebe auf und produziert in ständig wechselnder Abfolge kleine Fragmente einer Wirklichkeit, deren Ganzheit wir nie habhaft werden können.

Bis 
22.02.2003

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