Caro Niederer im Kunstmuseum

Caro Niederer · Villa Wesendonck, 2002, C-print, 215 x 155 cm, Edition of 3, Courtesy Hauser & Wirth Zürich, London

Caro Niederer · Villa Wesendonck, 2002, C-print, 215 x 155 cm, Edition of 3, Courtesy Hauser & Wirth Zürich, London

Besprechung

Die diesjährige St. Galler Manor-Kunstpreisträgerin Caro Niederer (*1963) präsentiert ihr Schaffen in vier klar gegliederten Räumen, die über die Frage nach der Entstehung des Wertvollen miteinander verhängt sind. «Leben mit Kunst» - so der Titel - zeigt erstmals die Bandbreite und Konsequenz dieses langsam wachsenden, eigenwilligen künstlerischen Schaffens.

Caro Niederer im Kunstmuseum

Anfangen tuts mit den ab Postkarten gemalten kleinformatigen Malereien aus den frühen neunziger Jahren. Die Sujets sind unspektakulär, der Malstil summarisch, so dass die Motive gerade noch erkannt werden. Dadurch verselbständigen sie sich, lösen sich von ihrer kollektiven Postkarten-Bekanntheit und bekommen eine lockere und lockende Privatheit. Die abgegriffenen Billig-Bilder werden geschätzte Malerei.

Zehn Jahre später malt Caro Niederer grosse sepia-tonige Ölbilder, die ihre Motive von privaten Ferien- und Familienfotografien der Künstlerin herleiten. Sie erinnern an vergilbte Fotografien, Radierungen Rembrandts, aber auch an heroische Landschaftsmalereien von Hodler oder Segantini und vermitteln in diesen Assoziationen eine Sehnsucht nach Geschichtlichkeit. In der künstlerischen Übersetzungsleistung wird den privaten Bildern kollektive Wertigkeit geschenkt, die der Betrachter für seine eigene oder medial vermittelte Erinnerung halten kann.

Die Malereien, die grossen und kleinen, werden gekauft und gelangen in öffentliche und private Sammlungen. Indem Caro Niederer «ihre» Bilder in der neuen Umgebung besucht und fotografiert und als Werkreihe der «Interieurs» erneut im öffentlichen Kunstmuseum nicht unvoyeuristisch präsentiert, macht sie das Verwachsen der Bilder mit ihrem Umfeld und ihre unterschiedliche Autonomie sichtbar.

Verschiebungen der Wahrnehmung und Interpretation geschehen auch bei der Produktion von Seidenteppichen, die etwa Ankers Schulbuben zu einem Chinesenjungen mit Maobibel, ein kunsthandwerkliches Erzeugnis zu Konzeptkunst machen. So könnten die Regale mit den mit Ausstellungstiteln bestickten Pullovern auch als Kleiderboutique gesehen werden. Hier verstrickt sich das «Leben mit Kunst» bildlich.

Es sind nicht neue Werkreihen, durch die sich die Ausstellung auszeichnet, sondern das vielräumige Wechseln der Wertigkeiten innerhalb des Systems Kunst unter Einbezug des gewöhnlichen Lebens, die «Leben mit Kunst» Wert geben.

Die klare Gliederung der Ausstellung und die inhaltlich verwobenen Bezüge der Teile untereinander spiegelt sich im schön gestalteten Künstlerbuch. Erstmals sind hier die Fotografien, die den brauntonigen Bildern zugrunde liegen, abgebildet - als Avant-Propos auf griffigem, aber fast intim feinem Papier. Es folgt ein Schriftteil mit Texten von Roland Wäspe, Jonathan Watkins und einem Gespräch zwischen Felicity Lunn und Caro Niederer. Zwei weitere Bildteile sind den «Braunen Bildern» und den «Interieurs» gewidmet.

Bis 
12.02.2005
Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Caro Niederer

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