Die Kunst als «Antithese der Demokratie»

Thomas Hirschhorn · Swiss-Swiss Democracy, 2004, beide Aufnahmen Jens E. Sennewald, © 2004 ProLitteris

Thomas Hirschhorn · Swiss-Swiss Democracy, 2004, beide Aufnahmen Jens E. Sennewald, © 2004 ProLitteris

Fokus

«Swiss Swiss Democracy»: mit der provokativen Ausstellung hat der Wahl-Pariser am Ende des Jahres, in dem er beschloss, nicht mehr in der Schweiz auszustellen, die Aufmerksamkeit nicht nur seines Heimatlandes auf sich gezogen. Der Ständerat quittiert die ambivalente Ausstellung zwischen Diskussionsanstoss und Zynismus mit einer Millionenkürzung.

Die Kunst als «Antithese der Demokratie»

Zur umstrittenen Ausstellung von Thomas Hirschhorn in Paris

Thomas Hirschhorn stellt nicht mehr in der Schweiz aus. Solch ziviler Ungehorsam ist ein ehrenvolles Mittel im demokratischen Kampf um Meinungsfreiheit. Um diese waren auch Kollegen wie Elfriede Jelinek oder Robert Fleck besorgt, die in Österreich am eigenen Leib Schmutzbewurf von Rechtsaussen erleiden mussten. Anders Hirschhorn. So sehr er sie auch beschimpft, die Schweiz zeichnet ihn aus - für seine «Wirtschaftslandschaft Davos» mit Plastiksoldaten erhielt er 2001 den Preis für junge Schweizer Kunst. Jetzt hat der gebürtige Davoser sein Heimatland am Geldsäckel gepackt und endlich, endlich schreit man auf.

Was ist geschehen? In obsessioneller Manier hat der 48-Jährige das gesamte Centre Culturel Suisse im arrivierten Pariser Marais in eine Art Dokumenten-Collage-Höhle verwandeln lassen. Eine Unzahl gesammelter Zeitungsausschnitte und viele Kilometer braunes Packband umgeben Sessel, Stühle und Pappattrappen von Bergen, durch die H0-Bahnen fahren. Überall sind Äusserungen über Demokratie auf die Wände gesprüht. Täglich von 11 bis 21 Uhr ist der Künstler vor Ort, Vorträge und ein Theaterstück, in dem offenbar auch mal ein Bild von Bundesrat Christoph Blocher von einem Schauspieler in Hundestellung angepinkelt wurde, runden das Programm ab.

Hirschhorn stellt, wie schon beim Spinoza-, Bataille- und zuletzt Foucault-Monument (im Pariser Palais de Tokyo), als «wahrer Fan» Diskurse aus. Selbst die täglich von ihm produzierte «Zeitung» ist ein Form-Zitat politischen Agitprops. Im Dokumenten-Labyrinth wird Demokratie zu Material. Das kann dann neu verteilt werden, wie Hirschhorn folgerichtig vorschlägt: «In der Schweiz gibt es zu viel Demokratie, im Irak zu wenig. Verteilen wir doch einfach um!» Solch krude Thesen lassen die NZZ von «einer zur Denunziation aufgebauschten Hirnlosigkeit» schäumen.

«Demokratien», sagt Hirschhorn im Interview, «sind für mich Realisierungen, in der Fragen diskutiert und gelöst werden, welche die Kollektivität angehen. Immer wieder, permanent.» Gegen eine zum tabuisierten Ideal erstarrte Demokratie will er mit engagierter Geste Position beziehen. Das ist ebenso schlicht wie honett. Der Aufschrei eines vom politischen Getriebe zu doll gezwickten ist es allerdings nicht. Eher ein Jodler «aus Empörung». Hirschhorn freut sich am Zusammenzucken der trägen Herde namens Publikum und hofft, das Echo aushalten zu können.

Erstaunlich, wenn der Künstler dann eben dieses als «Polemik der Medien und Politiker» abtut, die nur vom eigentlichen Werk ablenke. War die Provokation nicht Teil des Werkes? War nicht mit drastischen Folgen zu rechnen, wenn der künstlerische Hund die Hand anpinkelt, die ihn ernährt? Wird Hirschhorn auch möglicherweise politisch missbraucht - honi soit qui mal y pense -, als Künstler profitiert er in jedem Fall. Der Coup wird die Preise hochtreiben - ein im zeitgenössischen Kunstmarkt häufiger zu beobachtendes Phänomen. So bekam Kollege Maurizio Catellan die Ausstellung seines vom Meteoriten erschlagenen Papstes im erzkatholischen Polen nicht schlecht: Die bis dato wenig beachtete Figur machte Skandal und wurde gerade in New York für 3 Millionen Dollar versteigert.

Vielleicht ist Thomas Hirschhorn ein Kunstbetriebs-Taktiker. Vielleicht ist er auch ein schlichter Weltverbesserer. Oder einfach nur ein «die Komplexität formender» Künstler. Das lässt sich schwer entscheiden, wie schon beim antiken Philosophen Diogenes, dem Kyniker. Ein Stachel im Fleisch der athenischen Demokratie, waren jene «kyné», «Hunde» immer wieder zur Erregung öffentlichen Ärgernisses gut. Seinen persönlichen dionysischen Exzess wird Hirschhorn in der Ausstellung «Dionysiac» (16.2.-9.5.) im Centre George Pompidou, übrigens neben Maurizio Cattelan und anderen Ärgerern wie Paul McCarthy oder Christoph Büchel, erneut ausstellen können. Dann kann man sich wieder fragen, ob man in ihm den klugen Kyniker sieht oder einfach nur einen bissigen Spötter, einen Zyniker.

Künstler/innen
Thomas Hirschhorn
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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