Dierk Schmidt in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Dierk Schmidt · Ohne Titel, 2001, 50 x 70 cm, © ProLitteris

Dierk Schmidt · Ohne Titel, 2001, 50 x 70 cm, © ProLitteris

Besprechung

Die Arbeit von Dierk Schmidt (*1965) ist stärker analytisch ausgerichtet, als es zunächst vielleicht scheint. Das bezieht sich auf die Malerei selbst, aber auch auf die Sujets: Schmidt greift investigativ auf politische und ökonomische Strukturen und Ereignisse zu. Auf Basis eines neu zu denkenden «Historienbilds» formuliert er Gesellschaftskritik und bezieht seine Malerei zugleich auf Repräsentationen klassischer Historienmalerei.

Dierk Schmidt in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Schmidt geht es mit erneuerter Historienmalerei um zeitgemässen malerischen Realismus. Schmidt nimmt Abstand von einer «allgemein signifikant bequemen Enthaltung von allem allzu Inhaltlichen» und orientiert seine Malerei an Referenzen historischer Wirklichkeit. Insofern besteht er zu Recht darauf, dass eine solche Malerei sich mit heute massgeblichen Medien gesellschaftlicher Deutungshoheit - TV, Zeitung, Internet - ins Verhältnis setzt, um deren Informationspolitik durch Ausspielen eigener Mittel, durch Fragmentierung, Verlangsamung, Verdichtung aufzubrechen und umzudeuten. Thematisch geht es dabei bisher um so Verschiedenes wie Neoliberalismus in globalisierter Ökonomie am Beispiel der Autoindustrie (Kasseler Kunstverein, 2004), um «neue Selbstständigkeit», die in perspektivlosen Mc-Jobs mündet, um Themen wie Kolonialisierung (Salzburger Kunstverein, 2005) und um staatliche Macht, wenn etwa Flüchtlinge zu «Geiseln» zwischen politischen und bürokratischen Systemen werden. Letzteres ist Gegenstand der Bremer Ausstellung. Der Hintergrund: Am 19. Oktober 2001 sank vor der australischen Küste ein mit 397 indonesischen Flüchtlingen besetztes Boot. Bis heute liegt dazu keine offizielle Stellungnahme Australiens vor, im Internet konnte Schmidt nur vereinzelte Details recherchieren. Kern der umfangreichen Ausstellung ist Schmidts Bild «Louvre 2001/Salon Carré 1819», 2002, das Géricaults «Floss» und Delacroix? «Liberté» an ihrem heute gemeinsamen Ort im Pariser Louvre zeigt. Es wird von zwei Arbeiten flankiert, welche die Themen beider Werke jeweils aufnehmen und kontextuell verschieben. «Freiheit», 2002, wie die meisten Arbeiten Schmidts auf transparenter Folie gemalt, zeigt ? Delacroix? Barrikaden stürmende Siegesgöttin Nike paraphrasierend - den Ausschnitt eines Nike-Werbespots, in dem Fussballer Ronaldo eine Flughafen-Grenzabsperrung buchstäblich spielend überspringt. Zur anderen Seite platziert Schmidt das thematisch auf Géricaults «Floss» deutende «Xenophob», 2002, in dem jene Schiffskatastrophe von 2001 in fragmentarischer Malerei auf schwarzer Folie dargestellt ist. Das Bruchstückhafte ist ausdrücklich gemachte Konjektur - es repräsentiert ein öffentliches Verschweigen des Ereignisses und der Opfer, markiert es als verdrängende Gewalt. Das mag man alles sehr verschlüsselt und in gleichem Masse allzu lesbar finden. Tatsächlich wirft Schmidt über die formal überzeugende Malerei hinaus ja vor allem die Frage nach einer politisch engagierten Kunst auf, und hier liegt die eigentliche Provokation. Lässt sich Kunst primär von Inhalten aus denken? Überschätzt Schmidt womöglich die Wirkungsmacht von Kunst als politischer Gegenöffentlichkeit? «Moderne Macht regiert weder über autoritäre Repression noch über wohlfahrtsstaatliche Integration, sondern durch Zuweisung sozialer Schicksale», schrieb Roger M. Buergel 2000 anlässlich seiner Ausstellung «Gouvernementalität». «Sie funktioniert aber nur, wenn diese Zuweisungen anerkannt werden. Über die Anerkennung von Asylbewerbungen entscheiden daher nicht nur Regierungskommissionen und Amtsstuben, sondern auch Alltagsgespräche in der U-Bahn oder Familie.» Das könnte eine Antwort sein. Katalog erscheint zum Ende der Ausstellung.

Bis 
05.02.2005
Autor/innen
Jens Asthoff
Künstler/innen
Dierk Schmidt

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