Not Vital bei Caratsch de Pury & Luxembourg

Not Vital · Installationsansicht, 2004

Not Vital · Installationsansicht, 2004

Besprechung

Not Vital, der zu den interessantesten Schweizer Künstlern seiner Generation gehört, steht seit langem in einem transkulturellen Dialog. Schon frühzeitig aus der Enge seiner Unterengadiner Heimat in Sent ausgebrochen und in die Anonymität von New York eingetaucht, fühlt sich Not Vital (*1948) mittlerweile als Nomade in New York, Italien, Indien und in der Wüstenstadt Agadez im Niger ebenso heimisch wie in seinem Bergdorf. Ihm und der Tradition des Bergtals ist er allerdings geistig immer noch sehr verbunden, wovon die neuen Skulpturen und Assemblagen bei de Pury & Luxembourg ein beredtes Zeugnis ablegen.

Not Vital bei Caratsch de Pury & Luxembourg

Arbeitet Not Vital ansonsten mit Abgüssen von Tieren und Motiven aus Schnee und Eis - man denke nur an die derzeitige Installation «Snowballs» mit transparenten Kugeln aus Muranoglas im Bündner Kunstmuseum, Chur -, so erinnern die meisten der hier gezeigten Arbeiten an seine Reisen in die arabische Welt. Vitals Erinnerungen sind mit seinen Wurzeln verwoben und künstlerisch zu surrealistischen, evokativen Werken, ja zu existenziellen Sinnbildern verdichtet. Auch wenn die Objekte formal knapp und prägnant daher kommen, sind sie von archetypischen und animistischen Kräften belebt.

So soll zum Beispiel «Troupeau», ein Quader aus 40 Kilogramm Silber, Ziegen enthalten, die in Niger geschlachtet, zerlegt und an der Luft getrocknet wurden. Der silberne Sarkophag verbirgt die getrockneten Tiere und lässt sie in der Vorstellung der Betrachtenden wieder lebendig werden. Gleichzeitig steigen Bilder aus dem heimatlichen Sent auf, das jeweils im Sommer morgens und abends von Ziegenherden überflutet wird. Eine Metapher für das Nomadentum stellt das «Model for a House in Africa» dar. Auf der Basis einer kleinen kreisrunden Grundfläche erhebt sich ein überdimensional hohes Rundzelt, das aus Holz, Gips und Zucker gebaut ist und überhaupt nicht zum Wohnen einlädt. Vielmehr soll es auf einer ideellen Ebene ein geheimnisvoller Ort zum Schlafen sein. Mit seinem spitz aufragenden Kegel strebt es den Gestirnen entgegen, welche einem sowohl in der Sahara wie auch in den Bergen greifbar nahe scheinen. Ein Mond aus weissem, hell erstrahlendem Marmor rundet dieses Bild sehr poetisch ab.

Das «Selfportrait as A.R.», das Gesichtszügen von Arthur Rubinstein nachgebildet ist, hat etwas sehr Berührendes. Eine dreieinhalb Meter hohe, edle Stele aus schwarzem Marmor lehnt an der Wand. Sie endet im Kopf eines Mannes, dessen Scheitel auf dem Boden ruht. Der Kopf ist eigentlich ganz klassizistisch geformt, doch das Gesicht ist ? wohl durch das Gewicht der auf ihm lastenden Stele - ganz verzerrt und zerquält. Formal erinnert es an ein kubistisches Porträt von Picasso und im Ausdruck an Munchs «Schrei». Ein Schrei, der in der Einsamkeit oder in den Weiten der Wüste ungehört verhallt? Jedenfalls ist die Vertikalität, welche die Polarität von Himmel und Erde assoziiert, charakteristisch für viele Skulpturen von Not Vital, und sie hat viel mit seiner Biographie zu tun: Mit den in den Himmel schiessenden Linien der Wolkenkratzer von New York wie auch mit den von hohen Bergen eingekesselten Bündner Tälern. Die Kargheit der Objekte, aus der sie ihre Würde beziehen, kommt in der Ausstellung bei de Pury & Luxembourg durch ihre gezielte und sparsame Positionierung wunderbar zum Ausdruck.

Bis 
17.02.2005
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Not Vital

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