«Gott sehen» in der Kartause Ittingen

Louise Bourgeois · The Cross, 2002, Bronze mit Silbernitrat-Patina, Unikat, Courtesy Galerie Karsten Greve, Köln, Copyright ProLitteris

Louise Bourgeois · The Cross, 2002, Bronze mit Silbernitrat-Patina, Unikat, Courtesy Galerie Karsten Greve, Köln, Copyright ProLitteris

Besprechung

Unter dem Titel "Gott sehen" geht eine Ausstellung mit dreissig Positionen in den Räumen der klösterlichen Kartause Ittingen den Bildern nach, welche die Künstler heute mit Gottesvorstellungen und dem Glauben an eine höhere Instanz verbinden.

«Gott sehen» in der Kartause Ittingen

Die Suche nach dem Religiösen, hauptsächlich ausserhalb der christlichen Institutionen, ist im Zeitalter von globalisierten, undurchsichtigen Machtkonzentrationen, die vielfach Angst und Ohnmacht auslösen, zu einem existenziellen Bedürfnis geworden. Freikirchen gewinnen zunehmend Anhängerschaft, immer mehr Zeitgenossen tummeln sich im esoterischen Dunstkreis aus wilden, vor- und ausserchristlichen Mixturen, während besonnenere Kaliber sich mit Vorliebe dem Buddhismus zuwenden. Im Zuge des Bedeutungsverlustes von religiösen Instanzen haben die Kunst und ihre Institutionen quasireligiösen Charakter angenommen. Religiöse Inhalte müssen in der Kunst so auch gar nicht explizit als Gottesbilder in Erscheinung treten, sondern eine abstrakte Bildsprache ist beispielsweise ein hervorragendes Mittel zur Darstellung des Numinosen, denkt man nur an Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Marc Rothko oder Barnett Newman.

Zu Beginn der Ausstellung konfrontiert eine Installation des slowakischen Künstlers Jan Mancuska (*1972) den Besucher mit dem biblischen Bilderverbot. Weder die katholische Kirche noch die Kunstschaffenden hielten sich je daran. So fühlt sich auch in Ittingen nur der algerische Künstler Adel Abdessemed (*1971) diesem Gebot verpflichtet. Im Animationsfilm "God is Design", 2005, lässt er die christlichen, islamischen und jüdischen Symbole so schnell ineinander übergehen, dass sie vibrieren, als würden sie unter Strom stehen. Dadurch entsteht der Eindruck einer unendlichen Suche nach dem Göttlichen. Auf dieser Suche nach dem bildhaften Gleichnis des Absoluten befinden sich viele der dreissig hier versammelten Künstler. Etwa der russische Künstler Konstantin Khudyakov (*1945), der in der Tradition der russisch-orthodoxen Ikonenmalerei stehend, über 60000 Fotografien von real existierenden Personen in den Computer eingespiesen und sie zu jesusähnlichen Gesichtern verschmolzen hat. Wie intensiv diese lebensgrossen, bärtigen Antlitze auf uns auch wirken mögen, sind sie letztlich einem traditionellen, hierarchischen Jesusbild verpflichtet. Nicht minder manisch betreibt der Oltener Daniel Gallmann (*1959) die Suche nach dem Urbild des Göttlichen. Seit zwanzig Jahren malt er an einem Pastorale und an einer "Anna-Selbstdritt"-Darstellung. Dabei umkreist er diese beiden alten Topoi, gestaltet sie zu Serien, die sich formal gleichen, farblich jedoch differieren. An kindliche Fantasien fühlt man sich angesichts Duane Michals' Fotoserie über Christi Wiederkunft, 1981, erinnert. Eine Reihe von Positionen brechen mit Erwartungen, so die Videoarbeit "Messiah", 2004, von Richard Grayson, die Installation "Creator", 2005, von San Keller oder die Bodeninstallation "Mandala", 2005, von Kühne/Klein. Dass wir uns von traditionellen Gottes-Vorstellungen mehr oder weniger verabschiedet haben, beweist auch, wie gleichmütig das Publikum auf die wöchentliche, performative Inszenierung einer Kreuzigung nach dem Konzept des polnischen Künstlers Pawel Althamer (*1967) reagiert.

Bis 
21.04.2006

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