Giro Annen im Kunsthaus

Giro Annen · Skulptur für ein Kleid, 2002

Giro Annen · Skulptur für ein Kleid, 2002

Besprechung

Eine ebenso umfangreiche wie eindrucksvolle Werkschau gewährt erhellende Einblicke in die Denk- und Arbeitsweisen des Wahlberners Giro Annen.

Giro Annen im Kunsthaus

Spröde zeigen sich Giro Annens (*1957) Arbeiten auf den ersten Blick, unscheinbar wirkt das simple Material: Karton, Gips, Styropor. Giro Annen schafft eine Kunst des Understatements. Er glitzert und schillert nicht mit Ideen, Farben, Formen, sondern versteckt seine klugen Gedanken dezent in grossformatigen Objekten, die oft so wirken, als habe der Zufall sie geschaffen. Sachte öffnet sich dem geduldigen Betrachter die zarte Poesie der Werke, der Subtext vielfältiger Andeutungen und bildhafter Assoziationen. Ein schönes Beispiel sind die «Sitzskulpturen», die Giro Annen, geboren in Chur, aufgewachsen im St. Galler Rheintal, nach dem Umzug nach Bern anfertigte. Quadrate aus grünem Sandstein, der Berns Stadtbild dominiert, wechseln mit Quadraten aus Schaumstoff. So entstehen Schichtobjekte, deren Verbindung von Festem und Flexiblem an die menschliche Wirbelsäule denken lässt. Die eigene Wirbelsäule trainiert, wer der Einladung folgt und sich auf eine der leicht wippenden «Sitzskulpturen» setzt. Annens Objekte entstehen aus dem Material heraus, aus seinen Möglichkeiten, aber auch seinen Grenzen. Für Annen bedeutet das, auch Veränderlichkeit sogar Vergänglichkeit des Materials mit einzubeziehen. Die «Sitzskulpturen» der Langenthaler Schau entstanden neu für die Präsentation. Ebenso die «Spanish Doors», 1990?2006, schmale, hohe Gipsplatten, die an die Flügel eines Paravents erinnern und die, paarweise an die Wand gelehnt, den Weg in ein schattenhaftes Reich des Nichts öffnen. An den Rändern sind die Objekte so dünn, dass auch bei sorgsamer Behandlung immer wieder Gips abbröckelt. Zeit und Zufall verändern die Umrisse der Türen und lassen sie schliesslich ganz in den Raum des Imaginären hinein verschwinden. An den fragilen Flügeltüren wird ein weiteres Spezifikum Annens deutlich: Sein Werk lässt sich nicht nach Schaffensphasen ordnen. Immer wieder nimmt er sich bestimmte Techniken, Werkgruppen vor und arbeitet daran weiter. Im Ausstellungstitel «retro.aktiv» - eine Eigenkreation - wird diese besondere Arbeitshaltung des Zurück- und Aufgreifens deutlich. Die klug konzipierte Schau verdeutlicht diesen wesentlichen Aspekt, indem sie erhellend aber unaufdringlich Variationen eines Themas, Modulationen einer Technik zeigt. Mehrfach begegnet man grossflächigen Objekten, die aus Karton, Holz oder Styroporplatten in einem schlichten Steckverfahren aufgebaut wurden. In «Das ist nicht ein Kopf, ein Schrank ist das», 1991/2006, mit einem aus Ludwig Hohls Notizen entnommenen Titel, verbinden sich ineinander verschränkte Kartonteile zu einem Labyrinth, das sich endlos weiterdenken lässt. Der «Wagen», 1991/2006, aus lackiertem Holz spielt mit Materialästhetik. Und in der «Skulptur für ein Kleid», 2002, kombiniert Annen ein würfelartiges Grossobjekt aus dünnen Holzlatten mit einem unfertigen Kleid, das er nach einer Überschwemmung an der Aare fand. Die schwebende Konstruktion verweist, klug und zurückhaltend, auf die Frage nach Werk und Sockel, dem Verhältnis der Dinge und Ideen zueinander.

Bis 
27.01.2007
Künstler/innen
Giro Annen
Autor/innen
Alice Henkes

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