Vera Goulart in der Galerie Artdirekt

Vera Goulart · Ohne Titel, 2006

Vera Goulart · Ohne Titel, 2006

Besprechung

Die brasilianische Künstlerin Vera Goulart (*1954), in ihrer Wahlheimat Schweiz noch relativ unbekannt, schafft ein suggestives Werk zwischen Traum und Albtraum, in dem sich die ganz realen Schrecken des Menschseins spiegeln.

Vera Goulart in der Galerie Artdirekt

Das Werk Vera Goularts lässt an Märcheninszenierungen denken. Der Begriff Märchen dabei einmal nicht verstanden im Sinne jener für Kinder aufbereiteten, etwas wunderlichen aber weitgehend harmlosen Gutenachtgeschichten, sondern in der ursprünglicheren Bedeutung archaischer, symbolbeladener, zauberischer aber oft auch grausam verstörender, volkstümlicher Erzählungen. Berückendes und Bedrückendes mischen sich in Installationen wie dem «Chinesischen Bischof», 2001/02. Auf einem Rollbrett kauert die nahezu lebensgrosse Figur des Bischofs, in sich zusammengesunken wie einer, dem schweres Leid auf den Schultern lastet. Auf der langen, pompösen, perlenbestickten Schleppe des Bischofs, die den Eindruck einer Ein-Mann-Prozession entstehen lässt, krümmt sich eine Unzufriedene, angetan mit dem Mundschutz einer allumfassenden Angst vor dieser Welt mit ihren Kriegen und Katastrophen und dem unermüdlichen Fluss der Schreckensnachrichten, der aus allen Medien strömt. Wunderlich und eindrucksvoll ist dieses ganz in reinem Weiss gestaltete Szenario, das nicht von ungefähr an Bühnendekorationen erinnert. Vera Goulart, geboren in Rio de Janeiro, ist nicht nur bildende Künstlerin. Sie tritt auch als Perfomerin auf, hat Bühnenbilder und Kostüme entworfen und in den neunziger Jahren in Brasilien Theateraufführungen realisiert. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Worb in der Nähe von Bern. In ihren Arbeiten ist die Nähe zum Theater stets spürbar, ebenso ein starker surrealistischer Einfluss. Als konzeptionell, aber instinktiv beschreibt Goulart selbst ihren Arbeitsprozess. Sehr Persönliches steckt oft in ihren Werken, die zugleich von grossen Menschheitsthemen sprechen. Die «Buchschneiderin», 1998, etwa, eine nahezu lebensgrosse Figur aus weissem Stoff, die an einer Kindernähmaschine sitzt und eine schier endlose Kette bedruckter Seiten unter ihrer Nadel hindurchlaufen lässt, ist als Hommage an den Vater der Künstlerin, den brasilianischen Autor Zeluiz Gular zu verstehen. Die oben genannte grotesk-traurige Figur des Bischofs hingegen ist Symbol einer vergeblichen Sehnsucht nach innerem und äusserem Frieden. Der einarmige «Stierkämpfer in den Ferien», 2004, der müde zwischen rotverschmierten Flaschen steht, die das von ihm vergossene Blut darstellen wie auch ein Trinkgelage des Vergessens, symbolisiert Gewalt und Angst. Ermüdend wirken diese Probleme oft, wenn sie gut gemeint didaktisch verpackt daherkommen. Doch Goulart übersetzt ihre Themen in die suggestive Bildsprache unruhiger Träume, der man sich nicht leicht entziehen kann und die im Gedächtnis haften bleibt.

Bis 
09.02.2007
Künstler/innen
Vera Goulart
Autor/innen
Alice Henkes

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