Von der Kunst, Klänge zu pflanzen

Andres Bossard bei der Arbeit in Luzern

Andres Bossard bei der Arbeit in Luzern

Klanggarten im Innenhof des Restaurant Greulich, Zürich 2006 Unten: Raumklangplan Langstrasse Zürich, Skizze für die Stadtklangstudie Zürich (projektiert)

Klanggarten im Innenhof des Restaurant Greulich, Zürich 2006 Unten: Raumklangplan Langstrasse Zürich, Skizze für die Stadtklangstudie Zürich (projektiert)

Fokus

Als Klangkünstler bestellt Andres Bosshard ein Feld, das an den Schnittstellen von Musik, Bildender Kunst, Gestaltung und Architektur angesiedelt ist. Ein Zwischenreich, das auf zentrale Funktionen, Bedürfnisse und Potenziale der menschlichen Wahrnehmung ausgerichtet ist; eine Kunstform, die mitunter unsichtbar bleibt - aber keineswegs allein das Ohr, sondern alle Sinne ansprechen will.

Von der Kunst, Klänge zu pflanzen

Kann man Klänge pflanzen, sie wachsen, blühen und womöglich sogar Früchte tragen hören? Für den Zürcher Klangkünstler Andres Bosshard ist das eine rhetorische Frage - denn nichts anderes ist seine Profession. Auch wenn die Berufsbezeichnung «Klanggärtner» selbst unter Künstlerkollegen mitunter erst einmal erklärungsbedürftig ist.
Zwar gehört die Gartenkunst zu den ältesten überlieferten Kulturtraditionen mit einer ebenso reichen wie vielfältigen Geschichte. Unter Klanggartenkunst stellen sich die meisten jedoch allenfalls eine Variation auf das klassische Modell des Skulpturenparks vor, die sich von jenem dadurch unterscheidet, dass die aufgestellten Kunstwerke auch akustisch wahrnehmbar sind. Ganz falsch ist das natürlich nicht: Tatsächlich gibt es zahlreiche Projekte, für die KünstlerInnen entsprechende Arbeiten beigesteuert oder eigens geschaffen haben. Zu den international bekanntesten zählt wohl der «Sound Garden», welchen der amerikanische Klangkünstler Doug Hollis 1982 für einen öffentlichen Park in Seattle anlegte. Auch Andres Bosshard beteiligt sich als Klanggärtner gelegentlich an solchen Projekten.

Klanglandschaften   Allerdings beschränkt sich Klanggärtnerei nicht auf die Entwicklung von Klangskulpturen, vielmehr geht es darum, für Umgebungen ganze Klanglandschaften zu entwerfen. Ausgangspunkt ist dabei zunächst die Erforschung der gegebenen Situation, des «Soundscapes» - also jenes aus den unterschiedlichsten Quellen gespeisten Klanggefüges, das einem spezifischen Ort eignet. Der kanadische Komponist Raymond Murray Schafer, der 1970 das mittlerweile legendäre «World Soundscape Project» gründete, sah hierin nicht zuletzt die Grundlage einer angesichts zunehmender akustischer Umweltverschmutzung umso dringlicher gewordenen Klangökologie, zu der auch die Künste einen wesentlichen Beitrag leisten können.
Für Bosshard, der in diesem historischen Hintergrund eine wichtige Referenz sieht, sind jedoch die Bezüge zur klassischen Gartenkunst gleichermassen wegweisend. Klänge zu pflanzen und wachsen zu lassen, ist ihm mehr als nur eine poetische Metapher. Nicht umsonst ist er beim Gartenkünstler Stefano Passerotti, welcher in Florenz zusammen mit dem Klangkünstler Lorenzo Brusci das Projekt «Giardino Sonoro» betreibt, ausführlich in die Lehre gegangen. Und wenngleich die Klanggärtnerei Kenntnisse der Landschaftsarchitektur und der Architektur verlangt, so ist ihre Arbeitsphilosophie doch derjenigen des Gärtnerhandwerks sehr viel näher, das auf einen wissenden und behutsamen Umgang mit der Umgebung, die Arbeit am Detail - aber auch auf Improvisation und Pragmatik setzt. Das spiegelt auch Bosshards künstlerische Praxis wieder: Während die aus «Field Recordings», also vor Ort aufgenommenem Klangmaterial, und anderen Elementen gewobenen Kompositionen am Computer entstehen, bevorzugt Bosshard für die Realisierung der Projekte meist einfache Materialien, die er in Baumärkten und im Elektrohandel besorgt, um auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Lautsprecherkonstruktionen selbst zu basteln.
Auf dieser Basis hat sich Bosshard in den vergangenen Jahren ein künstlerisches Handwerkszeug erarbeitet, das es ihm ermöglicht, für die unterschiedlichsten landschaftlichen und architektonischen Raumgefüge spezifische Klangsituationen zu schaffen, die sich im Wechselspiel mit ihrer Umgebung dynamisch entwickeln und damit individuelle Klangerlebnisse ermöglichen.

Steilvorlagen   Dazu gehören nicht nur Gartenprojekte wie in Florenz 2001 oder in diesem Sommer in Stuttgart, wo er sich im Rahmen des «World New Music Festivals» an der Gestaltung eines Klangparks beteiligte, sondern auch solche im Stadtraum. Nachdem er bereits mit Arbeiten wie einem «Klangweg», «Wasserspuren» und einer «Sound-Land Art-Performance» an mehreren Standorten der Expo 2000 in Hannover beteiligt gewesen war, konnte er mit dem «Klangturm» in Biel, den er als Projektleiter konzipierte und gemeinsam mit einem Team realisierte, einen der künstlerischen Höhepunkte zur Expo 2002 in der Schweiz beisteuern.
Einer Expo bedurfte es freilich für den Künstler nicht, um Steilvorlagen in Angriff zu nehmen. Schon sein erstes Klangprojekt für den Aussenraum war denkbar spektakulär: 1987 bespielte Bosshard im Rahmen des Festivals für zeitgenössische Musikimprovisation in Ascona eine riesige Staumauer als Resonanzraum für eine unsichtbare Klangarchitektur. Vor der Steilwand des Staudamms von Fusio alle Maggia hatte der Künstler an einer mehr als dreihundert Meter langen Seilkonstruktion eine Reihe von Lautsprecher-Segeln angebracht und im Anschluss MusikerkollegInnen zur Wanderung ins Maggiatal eingeladen. Der Klang ihres Spiels, auf die Lautsprecher übertragen und von diesen gegen die Staumauer gelenkt, wurde von der parabolisch gekrümmten Betonwand in den Raum zurückgespiegelt und so zu neuen Kompositionen zusammengeführt, die dann auf verschiedenen Wegen ins Tal schwebten.
Umgekehrt versteht er sich aber auch auf eher behutsame Eingriffe in den Stadtraum, wo es gilt, einer ohnehin kontinuierlich präsenten akustischen Überreizung entgegenzuwirken. So etwa in seinem Projekt für das Zürcher Restaurant Greulich, in dessen Zuge er in diesem Jahr einen kleinen Birkenhain im Innenhof in eine innerstädtische Klangoase verwandelte.

Klingende Schneelandschaften   Entscheidend ist dabei nicht zuletzt, dass der Künstler das poetische Moment nie aus den Augen verliert: Klanggärtnerei als Kunst bearbeitet eben nicht nur bereits gemachte Beete, sondern will und muss immer wieder in neues Terrain vorstossen. So bereitet Bosshard gerade als Gastdozent an der HGKZ mit Studierenden ein Projekt vor, das Schneelandschaften zum Klingen bringen will - unter anderem mit einer kleinen Schneeklangseilbahn, einem interaktiven Iglu mit Laserschneeflockenzähler und programmierten Schneeameisen, die mit einem Sub-Bass-Schwingungen ausstossenden Schneemonster in Wettstreit treten sollen.

Langzeitprojekt Zürich   Zugleich ist er aber auch schon wieder mit einem neuen Langzeitprojekt für Zürich befasst, das sich vorgenommen hat, den Stadtklang systematisch zu erforschen und auf der Basis von Feldstudien ein Klanginventar des urbanen Raums zu erstellen, anhand dessen dann Klangwege durch die Stadt entwickelt und auf spezifische Situationen ausgerichtete, klangökologische Eingriffe vorgenommen werden können. Angewandte Klanggärtnerei heisst hier, «Pflanzungen» vorzunehmen, die in einer stark strapazierten Umgebung Zonen der Ruhe schaffen. Dabei geht es weder um Stille, wie sie allenfalls durch totale Isolation zu schaffen wäre, noch um akustische «amuse oreilles» in Form von Mittagskonzerten. Sondern - ganz nach dem Vorbild der Landschaftsgärtnerei - um eine «dritte Natur» des Stadtklangs, die sich in das bestehende Sound-Environment einfügt; einen Versuch, die Belastung durch «noise» zurückzustutzen und durch alternative, aber zugleich der «natürlichen» städtischen Umgebung genuin nahe Klangkultivierungen zu ersetzen.

Klangökologie   Andres Bosshard ist ein Träumer, der mit dem Kopf in den Klangwolken, mit den Füssen aber durchaus auf dem festen Boden der Realität steht. Seine Projekte sind poetisch - und doch ganz pragmatisch auf eine Realisierung dessen ausgerichtet, was in manchen Ohren wie reine Utopie klingen mag: Klanggärtnerei als eine Kunst, die möglicherweise auch dort etwas erreichen kann, wo andere Mittel versagen. Da geht es nicht um die Wiedererrichtung eines verlorenen Paradieses als Gegenbild zur lärmenden Grossstadt, sondern um die Möglichkeit, das Feld der Klänge vor Ort zu bestellen und einen zeitgemässen Hort(us) zu installieren, der Freiräume öffnet, wo längst kein Platz mehr für sie zu sein scheint.

«Die urbanen Freiräume sind heute akustisch fest im Griff unseres gemeinsam erzeugten Lärmstroms. [?] Wir wissen, dass Schalldämpfung und Schallisolation zur Raumzerstückelung führen. Stille und Ruhe sind nicht technisch machbar.» Diese Erkenntnis ist für den Klanggärtner Bosshard nur ein umso dringlicherer Anlass, sein Feld zu bestellen, insbesondere im urbanen Raum. Und auch über seine eigene künstlerische Arbeit hinaus sieht er es als Aufgabe an, die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Klangökologie zu vermitteln. Kreative Lösungen wider die akustische Dominanz des alltäglichen «Lärmstroms» zu entwickeln, soll seiner Meinung nach daher «solange mit Nachdruck versucht werden, bis ein städtisches Klangbaumeisteramt genauso selbstverständlich ist wie das Gartenbauamt.»

Siehe dazu auch die aktuelle Ausgabe des Hochparterres (www.hochparterre.ch).

Künstler/innen
Andres Bosshard
Autor/innen
Verena Kuni

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