Evariste Richer in der Galerie Schleicher&Lange

EVARISTE RICHER · Nuages au lodure d'argent, 2005, Daguerrotypien, Courtesy Galerie Schleicher und Lange, Paris, © Evariste Richter

EVARISTE RICHER · Nuages au lodure d'argent, 2005, Daguerrotypien, Courtesy Galerie Schleicher und Lange, Paris, © Evariste Richter

Besprechung

Die Postpop-Ära liebt die Selbstreflexion. In Frankreich sind Künstler Legion, die sich mit Blick zurück auf den Haufen der Kunstgeschichte in
die Zukunft des Kunstmarktes blasen lassen. Wohltuend heben sich da
jene heraus, die unprätentiös präzise Fragen stellen, beispielsweise:Wie hängt die Welt zusammen?

Evariste Richer in der Galerie Schleicher&Lange

«Die Cumulonimbus Capillatus Incus ist die Königin der Wolken, eine wahre Hagelfabrik» - man spürt Evariste Richers Begeisterung - «diese Wolken lässt man abregnen und misst dann den Einschlag, den die Körner auf eigens dafür ausgelegten Schaumstoffplatten hinterlassen». Auf den Platten, mit schwarzer Druckerfarbe bestrichen, entsteht ein Sternenbild. Eine Analogie zwischen Makround Mikrokosmos, die Richer mit «Energie cinétique», 2005, für das Kunstzentrum «La Galerie» in Noisy-le-Sec am Rande von Paris als Wand aus schwarzen Platten umsetzte -ein Sternenhimmel, der uns auf den Kopf gefallen ist. Für seine erste Einzelausstellung in der Galerie Schleicher&Lange setzt der 38-Jährige seine Arbeit zum Hagel fort. «Le grélon noir», ein einzelner schwarzer Würfel, rotiert auf einem kleinen Motor an der Wand. Aus dem Kubus wird eine sphärische Form, deren Drehmoment auf kosmische Bewegungen verweist. «Der Würfel gleicht dem Hagelkorn: Er ist kubisch wie jenes kristallin ist und seine Einbuchtungen erinnern an die Einschläge des Hagels.» Ob mit geometrischen Formen, wie Le Corbusiers Stadtentwürfen oder Würfeln; ästhetisch ist Richer in der Moderne verankert (im Februar nimmt er an der Ausstellung «Ultramoderne» im Kunstzentrum Passerelle in Brest teil). Er sucht mit seinen Werken nach jenen schiefen Ebenen, auf denen natürliche, mathematische Phänomene und symbolische, visuelle Ladungen gegeneinander verrutschen. «Nuages au iodure d'argent», 2005, sind Daguerrotypien, mit Silberiodid lichtempfindlich gemachte Kupferplatten, welche die genannte «Königin der Wolken» zeigen. Silberiodid dient in der Landwirtschaft auch dazu, selbige Wolken zum Abregnen zu bringen. Die Welt, die wir sehen,regnet auf uns nieder, nimmt uns ein, umgibt und durchdringt uns. Im freien Fall der Bilder gleichen Richers Arbeiten jenem Torbogen, der nur steht, «weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen» - Heinrich von Kleist zog vor rund 200 Jahren «aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, dass auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken lässt.»

Bis 
22.02.2008
Künstler/innen
Evariste Richer
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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