Situationismus

Roman Ondák (*1966 in Zilina, Slovakei), lebt und arbeitet in Berlin und Bratislava.

Roman Ondák (*1966 in Zilina, Slovakei), lebt und arbeitet in Berlin und Bratislava.

Measuring the Universe, 2007 Performance, Alle Werkaufnahmen Courtesy Gallery Martin Janda, Wien und gb agency, Paris

Measuring the Universe, 2007 Performance, Alle Werkaufnahmen Courtesy Gallery Martin Janda, Wien und gb agency, Paris

Fokus

In der Pinakothek der Moderne in München zeigt Roman Ondák erstmals in einem deutschen Museum aktuelle Arbeiten in einer Einzelpräsentation. Seine Werke wirken dabei wenig museal, vielmehr scheinen sie flüchtig
und leicht. Seit seinen Stipendien in Zürich, in der BINZ und am Collegium Helveticum, taucht sein Name auch in der Schweiz immer wieder auf, so unlängst im Rahmen von «A Choreographed Exhibition» in der Kunsthalle St. Gallen.

Situationismus

Roman Ondáks Arbeiten zwischen Erinnerung und Gelegenheit

«Ich versuche, etwas zu visualisieren, das an sich unsichtbar ist», meint Roman Ondák, indem er sein künstlerisches Verfahren charakterisiert. Das Statement des slowakischen Künstlers lässt sich auf die unterschiedlichsten Aspekte seiner Projekte beziehen, schliesslich konzipiert er Performances genauso wie Installationen oder Fotografien.Gemeinsam ist diesen aber, dass sie auf Abläufe und prozesshafte Szenarien rekurrieren, die Erfahrungswerte von Vergangenem oder Gegenwärtigem hervorheben und die physisch oft nicht genau manifest gemacht werden können. So hat Ondák für die Pinakothek der Moderne einen nahezu quadratischen, fensterlosen Raum mit nur vier Arbeiten bestückt - eine selbstauferlegte Beschränkung, die in ihrer minimalistischen Setzung sehr überzeugt.
Mit der grossen Installation, «Measuring the Universe», 2007, einem neuen Werk, das für die Pinakothek der Moderne entworfen wurde, lässt sich Roman Ondáks Begriff des Prozessualen exemplarisch illustrieren. Die Arbeit verändert sich mit jedem Tag und erschliesst sich den jeweiligen Betrachtern daher nur partiell. Nach Anweisung des Künstlers werden die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung nach einem bestimmten Modus registriert: Beim Betreten des Raumes wird er, bzw. sie von einer Aufsichtsperson gefragt, ob sie sich messen lassen möchte. Lautet die Antwort ja, so kann sich die Person einen freien Platz an der Wand aussuchen, wo mit Marker ein Strich in Kopfhöhe hinterlassen wird, versehen mit dem Vornamen, sowie dem Datum des Besuchs. Auf diese Weise füllt sich nach und nach die Fläche an den Wänden, wobei gleichzeitig ein raumfüllendes, imaginäres Gruppenporträt entsteht: Robert, 22.11.2007; Franziska, 23.11.2007; Dorothea, 6.12.2007.

Fragen nach dem Kontext Die Arbeit, die mit ihrem Titel einen gewissen Anspruch auf Universalität erhebt, wirft auch die für Ondáks Schaffen charakteristischen Fragen nach dem Kontext und der Gattungsspezifik auf: Handelt es sich bei «Measuring the Universe» um eine Langzeit-Performance, eine Wandinstallation (oder vielmehr um eine Wandzeichnung - denn eine solche bleibt schliesslich als Resultat der Aktion übrig) oder doch eher um eine weitere Facette des Bereichs zeitgenössische Skulptur? Die Einbeziehung von aktiven Gruppen des Museumsbetriebs ergänzt den Prozess um den Aspekt des Alltäglichen des sozialen Umraums. Gleichzeitig findet sich auch jener Verweis auf den transitorischen zeitlichen Raum, der vom Beginn mit den leeren Wänden, bis zu ihrem sich allmählichen Anfüllen erzählt.

Gefilterte Realität Roman Ondák, der zurzeit mit einem DAAD-Stipendium in Berlin lebt, studierte an der Kunstakademie in Bratislava zuerst Zeichnen. Nachdem sich damals die politischen Verhältnisse in der ehemaligen Tschechoslowakei bereits in Richtung Wende veränderten, wurde die Beschäftigung mit den sozialen und politischen Umwälzungen seiner Zeit auch für Ondáks Arbeit wichtig. Seine Werke spiegelten diese zwar nicht direkt wider, sondern liessen sie eher gefiltert sichtbar werden. «Bad News is a Thing of the Past Now», 2003, ein Fotodyptichon, zeigt einmal den Künstler und ein andermal seinen Vater auf einer Parkbank sitzend und eine Zeitung studierend. Diese nimmt auf ein früheres politisches Ereignis Bezug: den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag 1968. Der zeitliche Abstand zwischen den zwei Generationen wird durch die Gleichzeitigkeit und identische Inszenierung beider Fotos aufgehoben und durch einen gemeinsamen Erfahrungsraum ersetzt. Andererseits verweist eine Grossinstallation wie «Spirit and Opportunity», die 2004 für den Kölnischen Kunstverein entstanden ist, historisch deutlich auf jenen Themenkomplex, der auch zu Zeiten des Staatskommunismus in diesen Ländern immer wieder von Künstlern aufgegriffen wurde: der Umgang mit eskapistischen Ideen, wie sie in vielen utopischen Weltraummetaphern Ausdruck fanden.
So wurde beispielsweise im gesamten Ausstellungsraum ein Sandboden aufgeschüttet, mit dem die Marsoberfläche anhand von Bildern aus Zeitungen exakt nachgebildet wurde. Die Arbeit referiert zwar auf jenen utopischen Sehnsuchtsraum, der aus der Abgeschlossenheit des kommunistischen Systems heraus immer wieder auf den Weltraum projiziert wurde, entwirft aber auch eine ganz neue Facette dieses Themas, indem die trennende Vorstellung der Utopie quasi auf die Erde geholt und durch eine reale Inszenierung überbrückt wurde. Im selben Hauptraum des Kölnischen Kunstvereins war bereits 2003 ein Kollege Ondáks, der 2007 verstorbene Július Koller, mit einer Retrospektive zu sehen. Koller war nicht nur ein Vertreter jener slowakischen Avantgarde der 60er und 70er Jahre, Roman Ondák hat auch mehrmals für Ausstellungen und Publikationen mit dem älteren Konzeptkünstler zusammengearbeitet.

Der Vorgang des Beschreibens Die Handzeichnung bleibt bis heute ein zentrales Element in Ondáks Schaffen. Einerseits basieren seine Arbeiten auf eigenen Notizen und Skizzen, die später hilfreich werden für die Ausformulierung seiner speziellen Art des «Situationismus», andererseits fungiert die Zeichnung als Erinnerungsinstrument, wenn es darum geht, architektonische Momentaufnahmen umzusetzen. Für «Untitled (Empty Gallery)», 2000, hat er beispielsweise 24 Blätter von Freunden gesammelt, die einen Galerieraum seinen Erzählungen gemäss nachzeichneten. Dieser Vorgang des Beschreibens, aus dem solche Zeichnungsserien resultieren, erinnert ebenfalls an die Isolation unter kommunistischem Regime, als Leute, die im Ausland Ausstellungen besuchten, ihren Freunden zu Hause nur mündlich davon berichten konnten, weil Anschauungsmaterial fehlte oder verboten war. Der performative Ansatz Ondáks, der durch die Handlungsanweisungen auch in den Zeichnungen gegeben ist, wird in grösseren Installationen immer wieder deutlich. Eine seiner repräsentativsten Arbeiten entstand 2001 für die Wiener Secession, «SK Parking». Zwei Monate lang waren auf dem rückwärtigen Parkplatz einige verhalten bunte Autos der Marke Skoda zu sehen, die dort abgestellt worden waren. Ondák hatte diese alten Fahrzeuge bei Bekannten in Bratislava ausgeliehen und machte mit ihrem Transfer nach Wien nicht nur auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in beiden Ländern, Österreich und der Slowakei, aufmerksam, sondern auch auf die Dynamiken von ökonomischen und gesellschaftlichen Kreisläufen. Die Frage, was mit Waren geschieht, die aus ihren üblichen Funktionszusammenhängen herausgelöst wurden, stellt sich auch bei kleineren, poetischen Arbeiten wie «Pocket Money of My Son» (Ondák zeigt hier die Münzen aus der Hosentasche seines Sohnes) oder «My Summer Shoes Rest in Winter», einer endlichen dünnen Säule von aneinandergeknüpften Schuhbändeln aus dem persönlichen Fundus des Künstlers.

Warentausch Situationen werden in andere Zusammenhänge überführt, Abläufe gespiegelt oder parallelisiert:Hierher gehört auch die Konstruktion von Modellen derjenigen Galerien oder Ausstellungsräume, in denen Ondák arbeitete.Zuletzt baute er ein massstabgetreues Modell der für ihre gigantischen Ausmasse berühmten Turbinenhalle der Tate Modern in London nach, «It Will All Turnout Right in the End», 2005-2006, und installierte es so, dass man vor Ort eine Art Verdoppelung der Eingangssituation erleben konnte. Auch in der zentralen Arbeit in der Pinakothek, der Installation «Passage», 2004,werden soziale und kulturelle Praktiken untersucht, um sie in eine neue visuelle Anordnung zu übertragen. Auf einem überdimensionalen Tisch liegen Hunderte von kleinen glänzenden Figürchen aus Silberpapier: Kleine Tiere, Flieger, Gläser, einige Golfschläger sind dabei,mehrere Rosen, auch Aschenbecher. Ondák liess in einem der grössten Stahlwerke Japans 500 Tafeln Schokolade an die Mitarbeiter verteilen und bat sie darum, aus den abfallenden Alufolien entsprechende Figuren zu falten. Zurück kamen mehrere hundert kleine Skulptürchen, die das ganze kulturelle Spektrum einer solchen Tätigkeit umreissen und auf den Modus von Tausch in der Warenproduktion hinweisen. Eine unspektakuläre, alltägliche Geste, wie das Verformen eines Stücks Alufolie, erhielt so eine neue Bestimmung, indem sie in den Kreislauf von künstlerischer Ökonomie und Distribution einbezogen wurde. Die auf diese Weise aus der Welt der Produktion destillierten Figuren haben bereits einen komplexen Entstehungsprozess durchlaufen und illustrieren noch einmal Ondáks Statement: Abstrakte, kollektive Erfahrungen in ein sichtbares Bild zu transformieren.

Bis 
16.02.2008
Autor/innen
Patricia Grzonka
Künstler/innen
Roman Ondák

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