Spiegelungen des Selbst

Zoe Leonard (*1961 in Liberty, New York), Foto: Nora Frohmann

Zoe Leonard (*1961 in Liberty, New York), Foto: Nora Frohmann

Anatomical Model of a Woman's Head Crying, 1993, Silbergelatine-Abzug,
45,4 x 31,8 cm

Anatomical Model of a Woman's Head Crying, 1993, Silbergelatine-Abzug,
45,4 x 31,8 cm

Fokus

Seit 25 Jahren erforscht Zoe Leonard mit der Kamera die Welt. Mal engagiert und laut, dann wieder melancholisch und sanft sind die Bilder, die sie von ihren Streifzügen mitgebracht hat. Das Fotomuseum Winterthur stellt die amerikanische Künstlerin in einer grossen Einzelausstellung vor.

Spiegelungen des Selbst

Zu Zoe Leonards fotografischem Werk

Im Jahr 1990 hat Zoe Leonard im Metropolitan Museum in New York zwei kunstvoll gerahmte Spiegel vor einer floral gemusterten Tapete fotografiert. Geheimnisvoll vom einfallenden Tageslicht ausgeleuchtet, ist in den Spiegeln lediglich der Ausschnitt eines Fensters, der Lichtquelle offenbar, zu erkennen. Die Fotografin selbst taucht im Spiegel nicht auf. Und doch ist sie als Autorin, als sehendes Ich, in den Bildern präsent. Neben dem effektvollen Spiel von Licht und Schatten, das diese Fotografien prägt, kann der Spiegel als Symbol für das höchst heterogene Werk Leonards gelesen werden, das eine ganz individuelle, von Emotionen geprägte Sicht auf die Welt offenbart, in der das spannungsvolle Verhältnis zwischen Mensch und Ding zum Porträt einer Epoche gerinnt.

Widerständige Technik Auffallend klein sind die Formate der meist schwarz-weiss gehaltenen Bilder von Zoe Leonard. Und immer bleibt der schwarze Negativrand auf dem Papierabzug erhalten - als ob uns die Künstlerin immer wieder daran erinnern will, dass sie hier kein objektives Abbild präsentiert, sondern ihre subjektive Sicht der Dinge hier mitspielt. Selbst kleine Unreinheiten wie Kratzer oder Staubpartikel werden nicht wegretuschiert, sondern stellen den heute beinahe anachronistisch anmutenden Bildentwicklungsprozess der analogen Fotografie in den Vordergrund. Eine Haltung der Widerständigkeit gegen die technische Perfektion der Digitalfotografie lässt sich in Zoe Leonards beharrlichem Festhalten an der analogen Technik ausmachen. Gegen die spektakulären, protzig gerahmten Riesenformate ihrer pixelbesessenen Künstlerkollegen setzt sie das in Handarbeit geschöpfte Bild, das sie in Ausstellungen hinter einer simplen Glasscheibe, fixiert mit vier Nägeln, präsentiert.
In den frühen Fotografien der Künstlerin scheint das Motiv eine untergeordnete Rolle zu spielen: Egal, ob es sich um eine Luftaufnahme der Niagarafälle oder ein Diptychon einer bewegten Wasseroberfläche handelt, es sind die vom Licht geschaffenen Muster und Strukturen, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Was macht eine gute Fotografie aus? Das war die zentrale Frage, welche die heute 46-jährige Künstlerin in jungen Jahren beschäftigte. In jahrelangen Experimenten hat sie sich als Autodidaktin das Medium angeeignet, fertigte von jeder Aufnahme unzählige Abzüge - mit unterschiedlichen Formaten, Fotopapieren, Chemikalien - an, um dem «richtigen», dem stimmigen Bild auf die Spur zu kommen.

Museumsbilder Einen spürbaren Einfluss auf ihre künstlerische Arbeit brachte Zoe Leonards Engagement in der Actup-Bewegung anfangs der neunziger Jahre mit sich, die sich gegen die diskriminierende Politik der US-Regierung im Zusammenhang mit der Aids-Krise richtete. Stärker als zuvor nimmt sie nun kulturelle und geschlechtsspezifische Normen und Zuschreibungen ins Visier. Geradezu leitmotivisch für diese Auseinandersetzung steht die Fotoserie von zwei kleinen Mädchen im Natural History Museum in New York, die bereits 1984 entstanden ist. In den Vitrinen sind ausgestopfte Schimpansen und menschliche Skelette zu erkennen, offenbar wird hier die Darwin'sche Evolutionslehre illustriert. Plötzlich scheinen die Mädchen zu bemerken, dass sie fotografiert werden und beginnen, für die Kamera zu posieren. Erst 1991 erkannte die Künstlerin offenbar das Bedeutungsspektrum dieser Fotos, das von der patriarchalisch aufbereiteten Naturgeschichte bis hin zur sozialen Konditionierung der Mädchen reicht. Museen als Orte der Repräsentation der gesellschaftlichen Ordnung nehmen in den folgenden Jahren einen wichtigen Stellenwert in Leonards Arbeit ein. Elektrisiert von der Abbildung eines anatomischen Wachsmodells aus dem Naturhistorischen Museum in Wien, entschloss sie sich auf der Stelle, dorthin zu reisen, um das eigenartige Modell zu sehen und zu fotografieren. Auf ihren Bildern sehen wir die Puppe mit aufgedecktem Oberkörper, ausgestreckt in einer Glasvitrine liegend. Irritierend ist weniger die Offenlegung der inneren Organe, insbesondere des Reproduktionsapparates, sondern die Ausstaffierung der Puppe mit einer Perücke mit langen blonden Haaren, einem dichten Büschel Schamhaare und vor allem einer schmückenden Perlenkette. Das geschminkte Gesicht sowie der lasziv geneigte Kopf bringen eine unübersehbar erotische Komponente mit ins Spiel, die bezeichnenderweise bei den männlichen Wachsmodellen der gleichen Sammlung vollständig fehlt. Fotografien von historischen gynäkologischen Instrumenten oder einem von Max Factor entwickelten Gerät zur Messung der Ebenmässigkeit von Gesichtszügen ergänzen diese eindringliche Serie, die den wissenschaftlichen Zugriff auf den weiblichen Körper dokumentiert. Der Höhepunkt dieser stark feministisch motivierten Werkphase bildet die Intervention Leonards in den Sammlungsräumen der Neuen Galerie in Kassel während der Documenta 9 im Jahr 1992. Als Antwort auf die Sexualisierung und Objektivierung der Frau in der Gesellschaft und gerade auch in der Geschichte der Kunst, in welcher Frauen vor allem als (Akt-)Modelle vorkommen, hat Leonard zwischen historische Gemälde von Frauen Schwarz-Weiss-Fotografien des weiblichen Geschlechts gehängt.

Hommage an New York Nach dem medialen Aufruhr, den ihr unverblümter Documenta-Beitrag auslöste, zog sich die Künstlerin für fast zwei Jahre in die stillen und weiten Landschaften Alaskas zurück. Hier entsteht eine Serie von Jagdbildern, die einen aggressiven, nutzorientierten Zugriff auf die Natur dokumentieren. Diesen männlich konnotierten Bildern stellt Leonard Aufnahmen von Vogelnestern und Früchte tragenden Bäumen entgegen, die wohl für die schützende, fruchtbare, weibliche Seite der Natur stehen. Nach ihrer Rückkehr beginnt sie, ihre New Yorker Umgebung mit neuen Augen wahrzunehmen. In der «Tree + Fence»-Serie porträtiert sie Bäume, die sich trotz widerwärtigen Bedingungen in der Stadtlandschaft behaupten. Fast unerträglich ist der Anblick von zahlreichen Stämmen, die mit den sie umgebenden Zäunen, die wohl einst zu ihrem Schutz angebracht wurden, verwachsen sind. Eher beiläufig entstehen bald darauf die ersten Aufnahmen von heruntergekommenen Ladenfronten in der Lower East Side, wo Leonard 23 Jahre lang wohnte. Als sie 1997 eine Rolleiflex-Kamera aus dem Jahr 1947 ersteht, scheint ihr die antiquierte Kamera mit ihrem ungewöhnlichen, quadratischen Format dazu prädestiniert, diese im Verschwinden begriffenen, kleinen Läden als Zeugen einer alten Welt festzuhalten. Immer wieder ist in den Bildern die Künstlerin selbst, im Augenblick des Abdrückens vom Schaufenster gespiegelt, auszumachen. Im Grunde ist «Analogue», dieser über 400 farbige Bilder umfassende Werkkomplex, der an der letztjährigen Documenta 12 in Kassel zu sehen war, eine Art Homage an das alte New York und eine Bewusstmachung des historischen Wandels, den die globalisierten Märkte im Stadtbild hinterlassen.
Es sind die Bilder einer subjektiven, von existenziellen Fragen geleiteten fotografischen Erkundung der Welt, die Zoe Leonard in den letzten 25 Jahren zusammengetragen hat. Politisches, Gesellschaftskritisches hat darin genau so einen Platz wie die liebevolle Zuwendung zu alltäglichen Dingen oder zur Natur. Dass sie den Katalog zur Winterthurer Ausstellung mit Bildern ihrer Grossmutter und Mutter einleitet, deutet auf den biografischen Ansatz hin, der ihre Arbeit prägt. Leonards Fotografien sind Spiegelungen, in denen sich die äussere und innere Welt schillernd überlagern.

Fotografie ist eine kulturelle Form; sie zeigt, wie wir die Welt sehen. (ZL)

Bis 
16.02.2008

Zoe Leonard im Fotomuseum Winterthur. Mit umfassender Monografie, die das Gesamtwerk seit den späten siebziger Jahren vorstellt.

Autor/innen
Edith Krebs Nduakasa
Künstler/innen
Zoe Leonard

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