Yves Netzhammer, "Das Reservat der Nachteile"

Yves Netzhammer · Das Reservat der Nachteile, 2010, Installationsansicht Kunstmuseum Bern, Objekte, Vorhang, Filme. Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt/M. Foto: Dominique Uldry

Yves Netzhammer · Das Reservat der Nachteile, 2010, Installationsansicht Kunstmuseum Bern, Objekte, Vorhang, Filme. Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt/M. Foto: Dominique Uldry

Besprechung

Yves Netzhammers Animationsfilme, Objekte und Rauminstallationen berühren trotz ihrer technoiden Künstlichkeit und der sprachlosen, selbstvergessenen Mutation von abstrahierten Lebewesen und Dingen. Als räumliche Inszenierung entwickeln die filmischen Erzählungen diesmal besondere hypnotische Kraft.

Yves Netzhammer, "Das Reservat der Nachteile"

In Yves Netzhammers (*1970) computergenerierten Animationsfilmen kommunizieren stilisierte, reduzierte Figuren, ohne zu sprechen. Ihre Köpfe sind gesichtslos, ihr Leib geschlechtslos. Form und Handlung sind verknappt. Das eigentliche Geschehen ereignet sich in fortwährenden Form- und Farbmetamorphosen: Körpergrenzen werden durchschnitten, Glieder abgetrennt, Flüssigkeiten treten aus. Objekte verfärben sich, Dinge lösen sich auf, Neues wächst hervor. Wo eben noch eine Bildszene war, verschwindet der Boden. Die Lebewesen verharren im luftleeren Raum, fallen hinab, treffen auf einer anderen Ebene auf. Die Grenzen zwischen innen und aussen, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Realität und Fiktion sind fliessend. Wenngleich die Szenarien künstlich verknappt und fiktiv sind, gerät man dennoch in deren Bann. Zu vieles hat mit uns zu tun, rührt an das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit, zeigt die Ähnlichkeit aller Lebewesen auf.
Immer wieder verkehren sich poetisch schöne Szenen in Düsternis, steht latente Bedrohung und drastische Gewalt im Raum - atmosphärisch subtil aufgeladen durch Geräusche und melancholische Musik von Bernd Schurer. Die Handlungslogik entspricht der eines Traums. Rätselhaftes bleibt stehen, selbst wenn das Geschehen oder einzelne filmische Abläufe intuitiv nachvollziehbar wirken.
Neu an der Berner Ausstellung ist die Verschränkung der Filme mit realen Räumen, die sich vor uns öffnen und schliessen. Ein System aus automatisch gesteuerten schwarzen Vorhängen trennt verschiedene «Zimmer» voneinander ab: Da ist eine Kammer mit winzigem Schwimmbecken, aus dem eine Leiter über die blau getünchte Wand zu einer schwarzen Schattenzone führt. Andernorts stossen wir auf ein Doppelbett mit Aufsätzen. Requisiten wie Schuhe, Koffer, Stühle, Tische und Garderobe sprechen von abwesenden Menschen. Die Leerstelle füllen die Betrachtenden.
Im Innersten läuft ein Film mit Tagträumen und Grenzerfahrungen des Bewusstseins. Was sieht und erlebt man, während man durch eine Fensterscheibe kracht? Läuft vor dem inneren Auge das ganze Leben ab, sexuelle Ekstasen, Kindheitserinnerungen, Wunschvorstellungen? Geht es - wie bereits in der Präsentation in der Kunsthalle Winterthur 2009 - ganz generell um das menschliche Leben und dessen Ablagerungen?

Bis 
26.02.2011
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Yves Netzhammer 05.11.201027.02.2011 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Künstler/innen
Yves Netzhammer
Autor/innen
Yvonne Ziegler

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