Dürrenmatts ‹Minotaurus› - Sprengstoff für die Vernunft

Friedrich Dürrenmatt · Minotaurus VII, 1984-1985, Illustration einer Ballade, Tusche auf Papier, 40x30 cm, Courtesy CDN/Confédération suisse

Friedrich Dürrenmatt · Minotaurus VII, 1984-1985, Illustration einer Ballade, Tusche auf Papier, 40x30 cm, Courtesy CDN/Confédération suisse

Balades avec le Minotaure, Ausstellungsansicht. Foto: Simon Schmid

Balades avec le Minotaure, Ausstellungsansicht. Foto: Simon Schmid

Besprechung

Das Centre Dürrenmatt dreht und rollt sich im zweiten Teil seines Zyklus zum Labyrinth mit dem Minotaurus. Die Gastkuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel haben sich von Dürrenmatts ‹Balade› zu ‹Balades› durch die Kunst der anbrechenden und aus den Fugen geratenen Moderne anregen lassen.

Dürrenmatts ‹Minotaurus› - Sprengstoff für die Vernunft

«Er versuchte vor sich zu flüchten, doch wohin er sich auch wandte, stets stand er sich selbst gegenüber, er war eingemauert von sich selber.» Dürrenmatt hat die grauenvollste Figur der griechischen Mythologie nicht als Widerpart einer Götter- und Menschengemeinschaft aufleben lassen, sondern er konzentrierte sich auf die Sezierung ihrer Gebärden und Gefühle. Zur vergewaltigenden und verschlingenden Bestie wird sie nicht nur kraft ihrer zoophilen Empfängnis - gezeugt durch den Stier von Minos und die in eine Kuhattrappe gekletterten Mutter - , sondern weil ihr in ihrem verwinkelten und verspiegelten Labyrinth die Möglichkeit abgeht, andere Wesen in ihrer Differenz und die Begrenztheit des eigenen Lebens zu erkennen.
Ausgehend von den in einem Tunnel ausgelegten Manuskriptseiten und Tuschezeichnungen zum Wort-Bild-Prosagedicht, das Dürrenmatt 1984 vor der Kamera seiner künftigen zweiten Frau Charlotte Kerr entworfen hat, sind im Hall seiner sonoren Stimme aus diesem legendären Film-‹Porträt eines Planeten› nun Ariadnefäden zu anderen das Thema umkreisenden Werken gesponnen worden, so viele, dass man in ihnen wie in einem Irrgarten hängen bleibt. Zweifel und Steiner schlagen in ihrer Schau über die in der Vernunft eingesperrten und deshalb nur umso toller aufbrechenden Triebe des Menschen einen Bogen von den vereinzelten Feuern zu Beginn der Moderne zum Flächenbrand im 20. Jahrhundert. So finden sich die Gefängnisse Piranesis, Stierkämpfe Goyas und Orgien Sades zwischen den orgiastischen Tauromachien Massons und Picassos, ironischen URCHsen Klees, Höhlenmalereistudien Batailles, existentialistischen Mensch- und Tierporträts Varlins, Anatomien und Kosmologien von Moos' sowie dem wild im Wald wuchernden Weltgedächtnis Schulthess'. Mit den Universen dieser Künstler und Literaten ringend, erhielt Dürrenmatts Wesen aus der Antike seine Statur und der Bezug zu weiteren Kreativen führt dabei tief in das unterirdische Labyrinth der Kunst und Literatur.
Nicht zuletzt ergötzt man sich an der Sprengung des zur Behausung von Dürrenmatts Andenken doch viel zu sakralen Bottabaus durch das subjektiv gesetzte Band monumentaler Stellwände, auf der das Kuratorenduo die Petersburger Hängung in einen wahren Fleischesrausch ausufern lässt. Wie es in seinem rasanten Katalogtext schreibt: «Eros und Thanatos feiern mit uns dunkle Feste.»

Bis 
08.03.2014

Katalog mit Vorwort von Janine Perret Squaldo und vierhändigem Text von Stefan Zweifel und Juri Steiner

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Balades avec le Minotaure 06.12.201309.03.2014 Ausstellung Neuchâtel
Schweiz
CH

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