Film Implosion! - Poetische Zertrümmerungen

Urs Breitenstein · Filmstripes, 1979-2015, 3'16", n/b, Ton, Ausstellungsansicht. Foto: Max Reitmeier

Urs Breitenstein · Filmstripes, 1979-2015, 3'16", n/b, Ton, Ausstellungsansicht. Foto: Max Reitmeier

Film Implosion! Experiments in Swiss Cinema and Moving Images, Fri-Art Kunsthalle Fribourg, 2015, Ausstellungsansicht (Black Boxes, Erdgeschoss). Foto: Max Reitmeier

Film Implosion! Experiments in Swiss Cinema and Moving Images, Fri-Art Kunsthalle Fribourg, 2015, Ausstellungsansicht (Black Boxes, Erdgeschoss). Foto: Max Reitmeier

Besprechung

Nicht weniger als vier Jahre Forschung an vier Hochschulen münden jetzt in eine vom Filmwissenschaftler François Bovier und vom Direktor des Fri-Art Balthazar Lovay kuratierte Schau. Diese führt die verstreute, periodische Geschichte des Schweizer Experimentalkinos erstmals vereint vor Augen.

Film Implosion! - Poetische Zertrümmerungen

Der Vielfalt der Ansätze von Julius Pinschewers (1883-1961) Vorschau auf das Festival ‹Film und Photo› in Berlin, die als einer der ersten Filme mit Found Footage gilt, bis zur Cléo Uebelmanns (*1964) fast einstündigem Dreh einer lesbischen SM-Session 1985 scheint man erst fast nur mit einer Definition ex negativo beizukommen. In der Übersicht vom ältesten bis zur jüngsten Experimentalfilmschaffenden, die einzig die vier markterprobten Positionen Fischli/Weiss, Signer, Marclay, Rist ausblendet, ist ein unbändiger Wille auszumachen, mit den narrativen, illusionistischen und oft auch mit den ideologisch verkrusteten Traditionen des kommerziellen Kinos zu brechen.
Gleich in den ersten Werken des zunächst durch Black Boxes, dann durch White Cubes führenden Parcours wird jedoch deutlich, dass es selbst in den Jahren um die Jugendunruhen 1968 immer auch um den Entwurf einer neuen, offenen Poesie ging. So tut sich in dem Film, den das Kollektiv Ecart zufällig auf einer Strasse in London fand und noch vor dem erstmaligen Abspielen nach Herzenslust bekritzelte, eine unerwartete Deutungsfülle auf. Und im erweiterten Dispositiv von Urs Breitenstein, in das er seinen 39 Meter langen, mit Querstreifen perforierten Film projiziert, bestimmt man die Wahrnehmung durch die eigenen Bewegungen wesentlich mit. Aber auch in den dann doch wieder illusionistischeren Arbeiten, die von den Beobachtungen von Wasserspiegelungen (Hesse-Rabinovitch) über das intime Porträt einer Tänzerin (Schoenherr) bis zu Fetischisierungen des Autos (Stämpfli) gehen, gilt es, die visuellen und sonoren, aber meist text- und wortlosen Stimuli erst selbst zu verbinden. Dies ist anspruchsvoll, denn es ist ja gerade diese Spannung zwischen Fusion und Distanz, die das traditionelle Kino ausschalten will.
Die bis zum abschliessenden Projektionsraum wie eine klassische Gemäldeausstellung wunderbar fliessend choreografierte Schau, die selbst vor dem Para-Kino nicht halt macht wie etwa den suggestiven Fotogrammen von Rolf Winnewiser, offeriert das Mosaik eines prekären, grenzgängigen Mediums. Trotz der verschiedenen Spezialfestivals und -journals hierzulande ist es von den meisten Schweizer Kunst- wie Filmschaffenden eher gestreift als vertieft worden. Nur die ikonoklastischen Lausanner Videasten um Jean Otth und die strukturalistischen Basler Kineasten um Werner Mutzenbecher formierten veritable Bewegungen.

Bis 
23.02.2016

Grenzüberschreitungen: Ein Abend mit Jürg Hassler, am 15.1.: Züri Brännt, Le Nouveau Monde, 11.2

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Film Implosion! 20.11.201521.02.2016 Ausstellung Fribourg
Schweiz
CH
Künstler/innen
Urs Breitenstein
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier

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