Emil Michael Klein - Der dunkle Bereich

Untitled, 2017, Öl auf Leinwand, 195 x 120 cm. Courtesy für alle Werke Galerie Francesca Pia, Zürich

Untitled, 2017, Öl auf Leinwand, 195 x 120 cm. Courtesy für alle Werke Galerie Francesca Pia, Zürich

Untitled, 2017, Acryl und Öl auf Papier, 60 x 46 cm

Untitled, 2017, Acryl und Öl auf Papier, 60 x 46 cm

Fokus

Linie und Fläche bestimmen die Gemälde. Die einen sind zwei- oder dreifarbig, manchmal fast weiss. Andere sind monochrom und mit den Initialen signiert. Emil Michael Klein malt entschlossen. Auf den ersten Blick mag die reduzierte Formensprache wiederholbar wirken. Tatsächlich lässt sie sich intuitiv auf ihr Material ein. Der Malprozess kann so nicht geradlinig verlaufen, sondern muss den Umwegen folgen, die im Dunkeln liegen. Die Ausstellung ‹Darkotic› in der Kunsthalle Zürich zeigt Kleins neueste Werke.

Emil Michael Klein - Der dunkle Bereich

Das eigentlich erste Bild der Ausstellung ist eine signierte Wand. Nonchalant macht sie die Eintretenden mit dem Werk des in Zürich lebenden Künstlers bekannt. Emil Michael Klein malt und fasst dabei das Malen weit. Damit ist nicht nur gemeint, dass Klein vom Handwerk her denkt. Oder dass Holzbildhauerei und Graffiti seine Praxis beeinflussen. Gemeint ist auch, dass es um «klassisch» malerische Probleme geht, die den Anspruch haben, über sich hinaus zu führen.
Das Verborgene des Alltags, das, was einem bekannten Zustand zugrunde liegt, zu erkunden: Das könnte ein solcher Anspruch sein. Vielleicht lässt sich Kleins Ausstellungstitel ‹Darkotic› so verstehen. Anders als frühere Ausstellungstitel - Werk­titel gibt es bei Klein keine - ist das Kompositum «dark-otic» atmosphärisch motiviert. Es lenkt die Rezeption auf das eine der beiden Momente, zwischen denen sich Kleins Schaffen formiert: auf das Moment der Intuition, das dem Moment des konzeptuellen Denkens entgegensteht. Zwischen Stimmung und Aussage herrscht eine ständige Bewegung, weder unkontrolliert noch planbar, ein zyklisches Schwanken in dem Bereich, wo es eben dunkel und chaotisch ist.
Konzeptuell ist diese Malerei also nicht. Denn sie rechnet damit, dass ihre Konzepte instabil sind. Sie begründet sich im Prozess selbst, in dem Entscheidungen nicht nur getroffen und ausgeführt, sondern auch verworfen, ja, viele Möglichkeiten überhaupt nicht erst erwogen werden. Kleins Bilder sind daher zu einem gewissen Grad undurchschaubar. Die obersten Farbschichten bilden eine Realität, die andere Möglichkeiten verdeckt. Kleins abstrakte Malerei überführt die diffuse Genese des Alltäglichen in Linie und Fläche.

Im Vorhandenen agieren
Da gibt es Gemälde, die knallige Farben wie Hellgrün oder Orange gegeneinander setzen, durchzogen von schwungvollen, schwarzen Bahnen. Andere bestehen aus Flächen ein und derselben Farbe, die von roten Linien geschieden werden. Die weis­sen Bilder wiederum, die von krakeligeren Strichen durchquert werden, tragen das Verhältnis von Linie und Fläche umgekehrt in sich. Hier hat Klein zuerst den Untergrund vorbereitet, etwa in Schwarz oder Blau, und dann mit Weiss übermalt, so lange, bis von der dunkleren Farbe noch schmale Linien geblieben sind. Für synthetische, metallische Farben hat der Maler ein Flair. Ausserdem mischt er sie - wie ein Sprayer - vor dem Auftragen nie. Den Leinwandrahmen zimmert Klein auf das nötige Format, zudem sind gewisse Bilder etwas tiefer als andere. Die Leinwand wird abgeschliffen und mehrmals grundiert, wie es das traditionelle Handwerk erfordert. Auch ein Tablet verwendet Klein. Das kann als Hilfswerkzeug dienen, um unterwegs an Gemälden zu arbeiten, oder aber als eigenständiger Bildträger. Gerade ist zur Zürcher Ausstellung eine Publikation mit Bildern erschienen, die auf dem Tablet entstanden sind.
Über Tage hinweg arbeitet Klein jeweils an mehreren Werken parallel. Jede Komposition wird sukzessive aufgebaut, indem eine Setzung auf die andere folgt. Das gilt auch für die jüngste Werkgruppe, monochrome Gemälde, die unten rechts mit den Initialen EMK gezeichnet sind. Vordergründig lehnt sich die Handhabung des Schriftzugs an das «Taggen» der Graffitiszene an. Als Erstes werden die Buchstaben auf die grundierte Leinwand gesetzt. Danach kommt die Farbe - die eigentliche «Malerei». Diese reagiert auf die bereits gezogenen Linien, auf das Vorhandene, ähnlich wie die gesprayten «Tags» im öffentlichen Raum aufeinander reagieren. Dabei kann es Klein leicht passieren, dass der gewählte Farbton doch nicht zum Schriftzug passt. Dann muss er mit einer anderen Farbe neu ansetzen. Die Signatur beeinflusst also den Verlauf, ja wie das Gemälde später aussehen wird. «In der Signatur ist alles drin, was ein Bild braucht», sagt Klein, «Komposition, Linie, Fläche.» In der Anlage ist alles da.

Auslöschen, anfangen

Seit Picasso gibt es in der Malerei nichts mehr zu erfinden. Es gilt, Beziehungen aufzudecken, in sie einzudringen, unauffällig das Netz zu verziehen. Dazu braucht es eine gewisse Hartnäckigkeit. Wiederholung hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Dabei hat sie in experimentellen Verfahren einen festen Platz. Im Falle Kleins scheint die ständige Bereitschaft, von vorne zu beginnen, und die Gewissheit, dass nie sämtliche Faktoren eingerechnet werden können, einer experimentellen Methodik zu entsprechen. «Trial and error», hart am Material.
Und, anders als ein Graffito, weit weg von Moden, die sich durch eine grosse Menge Leute stabilisieren. Die Gemälde sind eher Anti-Graffiti, die Kennerschaft gegen Nichtwissen eingetauscht haben. Immer wieder ist Umkehrung oder Verzicht und Auslöschung zu begegnen. So hat Klein alle weissen Gemälde von einer anderen Farbe ausgehend «zurückgemalt»; seine mono­chromen Bilder sind nach dem Setzen der Signatur in umgekehrter Reihenfolge entstanden. Spontan nennt Klein diese sogar «leere» Bilder. Leer, wo sie Schicht um Schicht gemalt worden sind? Es klingt, als ob das Material spräche, das verdeckt wurde, die übermalte Farbe: Als ob die Gemäldeoberfläche Weiss trüge, um von der Auslöschung zu erzählen, dank derer sie geworden ist.

Löst sich endlich nicht auch die Signatur auf, in Linie und Fläche, in eine formale Entscheidung unter anderen? Die Art, wie Kleins Malerei Autorschaft behandelt, ist ambivalent. Der Maler übernimmt Entscheidungen, die er nicht an das Mate­rial delegieren kann, einerseits widerwillig und gibt andererseits offen zu, dass diese subjektiven Entscheidungen unvermeidbar sind. Seine Malerei behauptet nicht, sich aus sich selbst ableiten zu können. Der Maler erhält damit mehr Gewicht, nimmt sich als Person aber gleichzeitig zurück. Bereits am Abstraktionsgrad der Signatur ist zu erkennen, wie reduziert sich Autorschaft hier versteht: Im dunklen Bereich muss die Abhängigkeit zwischen Maler und Material gegenseitig sein. Kleins Malerei weiss vieles nicht. Sie weiss vielleicht, wie es ist, dann einem Farbfleck zu vertrauen.
Meredith Stadler, Kunsthistorikerin, meredith.stadler@bluewin.ch

Bis 
18.02.2018

Emil Michael Klein (*1982, München) lebt in Zürich
1998-2002 Schule für Holzbildhauerei, Brienz
2002-2005 Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel
2011-2013 ECAL, Master Visual Arts, Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Emil Michael Klein›, Museum im Bellpark, Kriens; ‹Red, Blue and Black Lines›, Gaudel de Stampa, Paris
2015 ‹Blue Line Paintings›, Gaudel de Stampa, Paris
2014 ‹Emil Michael Klein›, Galerie Francesca Pia, Zürich
2012 ‹Signed Abstraction›, Federico Vavassori, Mailand
2011 ‹Emil Michael Klein - Kaspar Müller›, Circuit, Lausanne
2008 ‹Manor-Kunstpreis Basel›, Museum für Gegenwartskunst, Basel; ‹Emil Michael Klein›,
Nicolas Krupp, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Undisturbed Solitude›, Kunsthaus Hamburg; ‹Tbilisi 16›, Kunsthalle Zürich
2015 ‹NIMM'S MAL EASY›, Ausstellungsraum Klingental, Basel
2014 ‹Europe, Europe›, Astrup Fearnley Museet, Oslo
2013 ‹Holes in the Walls, Early Works›, Fri Art, Fribourg

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Emil Michael Klein 16.12.201718.02.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
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Emil Michael Klein
Autor/innen
Meredith Stadler

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