Kunstbulletin feiert - Beweglich bleiben!

Kunst-Bulletin, Mai 1968, Eröffnungsnummer

Fokus

Fünfzig Jahre alt oder jung? Für eine Kunstzeitschrift kann nur Letzteres gelten. Sie operiert in einem sich stets wandelnden Spannungsfeld zwischen Kunstschaffenden, Vermittelnden und Interessierten. Wir möchten das Jubiläumsjahr nutzen und in jeder Kunstbulletin-Ausgabe mit einem Blick zurück auch unser heutiges Schaffen über- und weiterdenken.

Kunstbulletin feiert - Beweglich bleiben!

Mai 1968: Das Gründungsdatum scheint Programm. Dennoch kommt die erste Ausgabe des Kunstbulletins radikal unaufgeregt daher. Der damalige Präsident des Schweizer Kunstvereins Eduard Naegeli, Jurist und Förderer der Strafvollzugsreform, stellt sich beherzt hinter die neue Publikation: «Ich möchte der Überzeugung Ausdruck verleihen, dass unser Kunst-Bulletin, auch wenn es einstweilen in einem noch sehr bescheidenen Rahmen gehalten ist, nicht nur dem Schweizerischen Kunstverein und den einzelnen regionalen Kunstgesellschaften, sondern auch ganz allgemein dem schweizerischen Kunstleben erheblichen Auftrieb wird vermitteln können.» Nebst dem überregionalen Austausch soll «in einem Geist der Weltoffenheit» auch das künstlerische Geschehen im Ausland verfolgt und den «Berührungspunkten zwischen Schweizer und ausländischer Kunst» Beachtung geschenkt werden. Trotz einer breit aufgestellten Redaktionskommission und dem engagierten Chefredaktor Hans Schneebeli, der fortan zusammen mit Ruth Schneebeli das Heft über Jahrzehnte prägen wird, wurde bald klar, dass zunächst auch Fremdmittel einfliessen müssen. 1971 wurde deshalb mithilfe einer illustren Künstlerschar von Valerio Adami, Christo, Jasper Johns über Markus Rätz bis Oskar Wiggli eine Grafikmappe realisiert. Für die Produktionskosten und Defizit­deckung des Kunstbulletins wurde ein durch private Garanten gedeckter Bankkredit von CHF 202'500 aufgenommen. Ein wahrlich beherzter und erfolgreicher Streich! Der Erlös aus dem Mappenverkauf hat dem Heft über Jahre den nötigen Rückhalt verliehen. Seither und bis heute finanziert sich das Kunstbulletin ohne Vereinszuschüsse, durch Abonnements und Anzeigen.
Die Entwicklung, die das anfänglich A4-grosse Heft mit jeweils zwei Seiten Informationen, zwei, drei Seiten Ausstellungskalender sowie einigen Seiten Anzeigen in den ersten Jahren seiner Existenz zurücklegte, liest sich wie eine Chronologie des Schweizer Kunstgeschehens. Vieles zeichnete sich bereits ab: der schon mit der ersten Art ­Basel 1970 überbordende Kunstmarkt, der auf eine «Kunst als Währung ohne Deckung» setzt (KB 12/1971), die zunehmende Spaltung zwischen Kunst und Publikum, der Szeemann an der documenta 5 1972 mit einer «Besucherschule» begegnete (KB 1/1971), und die Frage, wie sich Museen erneuern. Peter Althaus forderte von den Orten der Beschaulichkeit grösstmögliche Flexibilität, denn: «Nur ein beweglicher Geist existiert und kann demnach geniessen. Das Museum hat in erster Linie diesen Geist zu provozieren, ihn zu zwingen, Argumente zu verarbeiten; ...dies ist eine Notwendigkeit zur Erhaltung oder viel richtiger zur Schaffung einer echten modernen Menschen-Gemeinschaft» (KB 9/1968). Ein Anspruch, dem auch wir uns engagiert stellen.

Autor/innen
Claudia Jolles

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