Marlis Spielmann

Marlis Spielmann · Female pattern, Nr. 2", 2017, Acrylfarbe auf Scherenschnitt aus Papier, 151 x 200 cm, Gesamtansicht und Detail, Coutesy Katz Contemporary

Marlis Spielmann · Female pattern, Nr. 2", 2017, Acrylfarbe auf Scherenschnitt aus Papier, 151 x 200 cm, Gesamtansicht und Detail, Coutesy Katz Contemporary

Hinweis

Marlis Spielmann

Marlis Spielmann (*1953, Buchs) widmet sich einem Medium, das von der zeitgenössischen Kunstszene lange als volkstümliche Heimarbeit oder rückwärtsgewandtes Kunsthandwerk abgetan wurde: dem Scherenschnitt. Doch allen Schwarzsehern sei gesagt: Spielmanns Scherenschnitte erstrahlen in leuchtenden Farben und sprengen das Format des heimatlichen Küchentischs um ein Vielfaches. Sie sind wahre Kunst, das Sujet: Frauen in allen Lebenslagen. Als gut situierte Dame mit Hündchen oder als geschundenes Wesen in prekären Abhängigkeitsverhältnissen, als Opfer sexueller Ausbeutung oder religiöser Unterdrückung. Trotz allem begegnen wir dem farbigen Kosmos, der sich entlang der Galeriewände eröffnet, gutgelaunt und leichtfüssig. Denn von Ferne wirken die feinen Gewebe der Kunstwerke aus geschnittenem Papier wie elegante Orientteppiche. Als seien sie von ­Seidenfäden durchwirkt. Das liegt an der harmonisch ausgewogenen, frischen Farbigkeit, die Marlis Spielmann durch nachträgliche Bemalung mit Acryl erreicht. Ihre grossformatigen, bis zu zwei Meter messenden Scherenschnitte locken das Publikum aufgrund ihrer dennoch sehr kleinmassstäblichen Binnenzeichnung förmlich an.
Mit den nahsichtigen Details legt die Künstlerin buchstäblich Köder aus und ermuntert uns, näher zu kommen, ganz nah!
Sobald wir der optischen Verführung erlegen sind, erwartet uns ein überraschendes Aha-Erlebnis: Urplötzlich treten bewegte Gestalten zutage, die von Ferne im ornamentalen Flechtwerk pflanzlicher Arabesken untertauchen. Mehrheitlich handelt es sich um weibliche Wesen mit entblösstem Busen und oft auch mit entblösster Scham. Die spärliche Bekleidung lässt sich unschwer als Reizwäsche erkennen. Wir sehen Strapse und Korsagen und begegnen einem Grad der Entblössung, der auf Prostitution hinweist.
Wir sehen also Frauen aus dem Sexgewerbe, stilisiert zu Sexobjekten, genau so, wie Männer sie sich wünschen, um ihr Begehren tabulos an ihnen ausleben zu können.
Spielmann zitiert diese von Männerphantasien geprägten Klischees, um sie subtil zu unterwandern: Obwohl vordergründig in die Kulisse lustvollen Tanzes eingebettet, haben die Frauen ihr professionelles Lächeln verloren. Ihr Gesichtsausdruck widerspiegelt Trauer und Schmerz.
Beim Betrachten macht sich Ernüchterung breit. Das Reizschema, dem sie erlegen sind, hält nicht, was es verspricht! Hier eröffnet sich keine Peep-Show, sondern die Realität sexueller Ausbeutung. Damit durchkreuzt Spielmann die Muster männlicher Phantasien über sexuelle weibliche Verfügbarkeit. Giftstachel inklusive.

Bis 
26.01.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Simon Heusser, Marlis Spielmann 01.12.201726.01.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Mechthild Heuser
Künstler/innen
Simon Heusser
Marlis Spielmann

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