Matthias Sohr - BarrierefreieLeistungsgesellschaft

Strut, 2017, mixed media, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwartskunst, Berlin, 2017. Foto: Eric Bell

On, Off, Generational, 2013, Lötstopplack auf Leiterplatten, Keramik, WallRiss, ­Fribourg, 2013
© Matthias Sohr und WallRiss Foto: Max Reitmeier

Fokus

Matthias Sohr baut aus Rollstühlen, Therapiegeräten und Hy­­gie­ne­vorrichtungen extrem ästhetische Installationen, die ­Erinnerungen an Marcel Duchamp, Carl André und Donald Judd wecken. Die immer wichtigere Pflege von Behinderten, Alten und Kranken kommt so in verstörenden Un-Zusammenhang mit hochmoderner Skulptur.

Matthias Sohr - BarrierefreieLeistungsgesellschaft

Architektur, Design und Kunst sind durch die 1998 eingeleitete Bologna-Reform - als Forschung definiert - in den Universitätsbetrieb integriert worden. Sie wurden damit politischem wie ökonomischem Druck ausgesetzt, nicht zuletzt in der Annahme, durch die Zusammenarbeit mit in der Erzeugung neuen Wissens und Könnens erfahreneren Fächern in Windeseile auch solche Praktiken zu entwickeln.

Matthias Sohr gehört zu der wachsenden Anzahl junger Intellektueller, die in diesem Kontext zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Produktion hin und her zu schwingen begannen. Zwar gab es vereinzelt bereits früher solche wissenschaftlich-künstlerischen Personalunionen. Oft setzten sie sich dem Verdacht aus, verschroben (Eilshemius, Strindberg) zu sein, selten wurden sie als Genies verehrt (Leonardo, Palissy, Duchamp). Sohr fand die Anregung für diese Verwicklung der beruflichen Situation am Institut für Raumexperimente von Olafur Eliasson in Berlin. Er wurde von Eliasson als ein bei den bekannten Medientheoretikern Thomas Macho und Friedrich Kittler ausgebildeter Kulturhistoriker in ein interdisziplinäres Team gerufen, das sich 2009/2010 mit Illusionen beschäftigte. Er verliess das Institut als Plastiker mit Ausstellungserfahrung in Richtung Ecole cantonale d'art Lausanne, wo er 2013 seinen Master of Fine Arts erhielt, nicht ohne gleichzeitig an der Université de Lausanne seine Studien in Medizingeschichte weiterzuführen.
Beim Herannahen dieses Winters ist er nun absorbiert von Auftritten mit seinen früheren Berliner und Lausanner Kommilitonen in der Galerie Dittrich & Schlech­triem in Berlin respektive in der ECAL in Lausanne. Vor allem richtete er seine vierte Einzelausstellung ein, zu der ihn Sophie Ballmer, Olivia Fahmy, Anne Sylvie Henchoz und Guillaume Pilet in ihren Artists' Run Space Tunnel Tunnel in einer brachliegenden Tramstation oberhalb der Altstadt von Lausanne eingeladen haben.

Gefahrenzonen
Mit flagrantem Sinn für den Raum, Dimensionen, Farben, Formen, Texturen bespielt Sohr hier die Schalterhalle und ein Magazin mit Elementen von Gegenständen, auf die er in den letzten Jahren im Rahmen seiner Forschung gestossen ist. Auf den Mosaikboden legte er ein Feld von Noppenplatten, wie sie Sehbehinderte auf eine Gefahr aufmerksam machen. Weiter setzte er an der freien Wand neben den für Gehbehinderte viel zu hoch angesetzten Schalterfenstern die Armlehnen eines Rollstuhls gegenläufig übereinander, an denen er jedoch die Seitenverkleidung mit je einer gleichförmig zurechtgeschnittenen elektronischen Leitplatte vertauscht hatte.
Die grün irisierenden Flächen sind in Anspielung an das Diktum seines Lehrers Friedrich Kittler «Nur was schaltbar ist, ist überhaupt» geradezu zu Sohrs Fetischmaterialien geworden, auch wenn er sie nie wirklich zur Herstellung von Schaltkreisen durch das Freilegen des Kupfers unter der Schutzschicht benutzt. Drei weitere ebenfalls auf Kunst «umgeschaltete» Leitplatten finden sich im Magazin. Eine erste hochrechteckige, wie ein Spiegel an die Wand gelehnt am Anfang der progressiven Raumstaffelung, die er in einer Ecke aus Nassraumobjekten fertigte. So baute er einen halbhohen, seitlich geöffneten Geberit-Vorbau für ein schmaleres Lavabo und ein breiteres Pissoir auf, deren Zufluss- und Abflusslöcher er durch eine Triangel aus emaillierter Keramik trennte. Dazu stellte er eine Duschkabine mit einer roten, ausgewaschenen ESG-Glaswand und einer Vorhangstange. Statt Wasserbrause und Seifenhalter hängen Kabel von der Wand. Zwei weitere, diesmal querrechteckige Leiterplatten, deren Grün jedoch von einem mal blauroten, mal rotblauen Siebdruck mit dem Wort «Green» verdeckt sind, finden sich darüber hinaus auf der Eingangswand in ­eine Trainingsnackenstütze für Schultergeschädigte als Wandhalterung geklemmt.

Barrierelosigkeit
Ein zwischen den Installationen schwarz auf weiss aufgezogener Text beginnt mit der Erklärung «Dans cette exposition, l'artiste montre une chose : / Partout autour de nous, il y a des lignes et des formes.» Weiter unten ist zu lesen: «Pour l'artiste Matthias Sohr, / ces lignes et ces formes sont comme des sculptures. / Car il y a aussi ces lignes et ces formes dans l'art.» Und am Schluss: «L'artiste utilise ces lignes et ces formes dans son oeuvre. / Il veut ainsi nous apprendre à regarder à nouveau.» Darunter erfährt man «A propos de ce texte» dann noch, dass die Firma textoh! dieses kuratorische Statement auf das zweitunterste Verständnisniveau A2 übersetzt hat.
So ganz schmerzlos ist das Erlebnis der Skulpturen von Sohr nicht. All die Elemente, die im täglichen Leben möglichst unauffällig Barrieren abbauen und das Fliessen verschiedenster Kreisläufe befördern sollen, werden im Kunstraum nicht nur zu einem wonnigen Blickfang, sondern auch zu ­etwas Hinderlichem und Störrischem. Trotz ihrer Abstraktion verweisen sie durch ­ihre bizarren Proportionen und Details nach wie vor auf den menschlichen Körper und seine Verletzlichkeit, ja, wie es besonders in der Duschkabine mit den herunterhängenden Kabeln explizit wird, auf den Tod. Die Schau stellt so brennende Fragen zum Schicksal des/der Einzelnen, vom Ungeborenen bis zum Sterbenden, wie auch zum Zusammenleben in unserer zwar immer barriereloseren, aber zugleich auch auf Hochleistung getrimmten Gesellschaft.
Sohr hat die Schau mit dem Titel ‹Public Science› versehen, mit dem der in den letzten Jahren nebst Entdeckungen und Erfindungen an die Wissenschaften gestellte Anspruch auf Beteiligung und Zugänglichkeit gefasst wird. Mit seinen so prägnant in den Bereich der modernen Skulptur verschobenen Hilfsmitteln für Behinderte, ­Alte und Kranke gelingen ihm starke, aufrüttelnde Bilder für Fragen, mit denen sich Fachleute beschäftigen, die aber in der Kunst kaum verhandelt werden, obschon sie uns alle angehen. Zuerst und zuletzt aber steht man hier vor nichts anderem als Kunst. Und stellt erleichtert fest, dass die als «New Governance of Science» bezeichnete Disposition, der die Bereiche Kunst, Design und Architektur gleichermassen unterworfen wurden, ihr nichts anhaben konnte, sondern Künstlerinnen und Künstler schlicht und einfach wie eh und je Kunst schaffen.
Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt in Gland. kholderegger@hotmail.com

Bis 
16.02.2018

Matthias Sohr (*1980, Düsseldorf) lebt in Lausanne

2017 NTU Centre for Contemporary Art Residencies Programme, Singapur
2013 MFA an der Ecole cantonale d'art Lausanne
2012-2013 Akademie der bildenden Künste Wien, Fachbereich Textuelle Bildhauerei
2009-2010 Universität der Künste, Berlin, Stipendium am Institut für Raumexperimente/ifrex
2008 Magister Artium Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin

Einzelausstellungen
2017 ‹Public Science›, Tunnel Tunnel, Lausanne, ‹Tondo›, Kunsthalle Marcel Duchamp, Cully
2016 ACUD gallery, Berlin
2013 Wallriss, Fribourg, zusammen mit Simon Denny

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Neo Geography I + II›, Centre d'art Neuchâtel und Post Territory Ujeongguk, Seoul, ‹Festival of Future Nows›, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin (Einladung ifrex)
2016 ‹Riptide›, Korean Cultural Centre UK, London, ‹Last Dinner›, Forde, Genf
2014 ‹Festival of Future Nows›, Neue Nationalgalerie Berlin (Einladung ifrex), ‹Plattform 14›, EWZ Unterwerk Selnau, Zürich
2013 ‹Practicalities (La vie matérielle)›, Basis, Frankfurt am Main, ‹Dear Peggy›, Treize, Paris
2012 ‹Atrocity Exhibition Archive Paradoxe›, Circuit, Lausanne, ‹Le retranchement›, Le Manoir Martigny
2011 ‹Berlin 2000-2011, Playing Among the Ruins›, Museum of Contemporary Art Tokyo (ifrex)
2010 ‹let's start to implement little errors›, Pfefferberg

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Dittrich & Schlechtriem Deutschland Berlin
ECAL/Galerie l'elac Schweiz Renens
Tunnel Tunnel Schweiz Lausanne
Ausstellungen Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Beobachtung 12.12.201710.02.2018 Ausstellung Berlin
Deutschland
DE
ECAL - Dix ans à Renens 06.12.201716.02.2018 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH
Matthias Sohr 01.12.201720.01.2018 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH

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