Peter Radelfinger - Unterwegs zwischen Bildern und Gedanken

Peter Radelfinger, In der Backstube des Denkens, 2017, Probebacken im Atelier

Peter Radelfinger, Aah ... Aha!, Atelieransicht, 2017

Fokus

Das Verhältnis von Zeichnen und Denken, und im erweiterten Feld auch die medientheoretische Verwandtschaft zur Sprache, ist im Werk von Peter Radelfinger seit Anbeginn präsent. In jüngerer Zeit hat sich zu den Zeichnungen und Büchern, Anima­tionen, Text- und Bildsammlungen wieder ein leiblich-performatives Moment hinzugesellt, das nochmals andere Dimensionen des Bilddenkens zutage treten lässt. Also ein guter Moment, um diese Position wieder einmal genauer anzusehen.

Peter Radelfinger - Unterwegs zwischen Bildern und Gedanken

Hände, die einen Teig kneten. Zusammendrücken und wieder auseinanderziehen, ausbreiten, flachklopfen, portionieren. Gleichzeitig ist die Rede von den Zusammenhängen von Sprechen und Denken, und vom Körper, in dem sich das alles abspielt, der Impulse aufnimmt und verarbeitet. Unterschiedlich grosse Brötchen, zum Zopf geflochtener Teig, wie gedankliche Nester oder verdrehte Ideen. Was Peter Radelfinger in seiner Lecture Performance ‹In der Backstube des Denkens› praktiziert, ist ein Denken mit den Händen, dargeboten als ernsthaft-humoristisches Material-Rezitativ, das um Philosophisches und Wissenschaftliches, Vorstellungen von Zeit und Geschichte oder auch theoretische und praktische Zusammenhänge von Text, Bild und Material kreist. Mithin ein grosser Brocken, den der Künstler während rund vierzig Minuten rhythmisch durchwalkt, dreht und wendet und seinem Publikum in mundgerechten Happen serviert. Das sukzessive Herantasten an konsistente Gedanken korrespondiert mit den Bewegungen der Hände; Sprache und Handlung gehen ineinander auf.

Doch zunächst ein Blick zurück
In den letzten zwei Dekaden hat Radelfinger ein umfangreiches Werk geschaffen, das ebenso von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Medium der Zeichnung gekennzeichnet ist wie von der Frage nach der bildlichen Repräsentation von Wirklichkeit. Über längere Zeiträume hinweg entstehen unzählige Zeichnungen, in denen der Künstler grundlegende Aspekte der menschlichen Existenz, z.B. das Verhältnis von Mensch und (technologischer) Umwelt, aber auch Möglichkeiten und Bedingtheiten der Wahrnehmung erkundet. Ausführliche Recherchen begleiten diesen zeichnerischen Denkprozess, der von immer neuen Standpunkten aus in zyklischen Bewegungen um das jeweilige Zentrum der Aufmerksamkeit kreist und mitunter ungeahnte Wendungen nimmt. So startete die Werkgruppe ‹... endlich komm ich in den Zwitscherraum›, seit 2000, die bis heute ca. 500 Pinselzeichnungen auf Plotterpapier umfasst, mit dem Bild des Vogels, einem durchaus harmlosen Motiv! Über die Jahre gesellen sich zunächst Gitterstrukturen und Behausungen dazu, dann katapultiert sich das Bildvokabular in die Sphären von Unterhaltungs- und Überwachungselektronik, Waffen und IT-Equipment. Was mit einem niedlichen Piepmatz begann, hat sich bis heute zu einem Kaleidoskop an semantischen (Bild-)Verweisen ausgeweitet, das nicht nur seinen fragmentarischen Charakter sorgfältig hütet, sondern auch das Potenzial in sich birgt, auf gesellschaftliche, technologische und kulturelle Veränderungen zu reagieren.
Mit ‹Joke›, 2003-2009, bzw. ‹Jokeanima›, seit 2007, nehmen die Bilder dann so richtig Fahrt auf: Bewegung und Rhythmus, ohnehin elementare Kategorien im Arbeitsprozess, sind nun auch als mediale Parameter präsent. Ein Teil der 1200 Kugelschreiberzeichnungen erhält eine zweite Daseinsform als Animation, deren minimale Regungen wie ein aphoristisches Nicken, ein visuell nachvollziehbarer Gedankensprung anmuten. Spätestens anhand dieser bisweilen humorvoll-bissigen und zugleich poetischen Arbeiten wird deutlich, dass Radelfinger die formale Einfachheit in seinen Zeichnungen bewusst einsetzt, um eine umso grössere gedankliche Beweglichkeit zu erzeugen.
Radelfinger ist ein Künstler, der das Zeit- und Kunstgeschehen mit aktivem Interesse und offenem Blick verfolgt. Was bedeutet es, zu Zeiten einer (medien-) technologisch konditionierten Gesellschaft an der Zeichnung festzuhalten? Inwieweit kann dieses Medium unter heutigen Wahrnehmungs- und Realitätsbedingungen Bestand haben oder aktualisiert werden? Radelfingers Ansatz ist keiner, der - unter Rückgriff auf Warhol - «from A to B and back again» führt. Vielmehr ist seine Haltung konstitutiv von Neugierde und Wissensdrang gekennzeichnet, die eine der thematischen Komplexität gegenüber angebrachte Skepsis nicht missen lässt, sich jedoch immer auf neue Äste hinauswagt. Die aktuelle Galerie-Ausstellung und die eingangs erwähnte Lecture Performance legen davon beredtes Zeugnis ab.

Zeigen und Sagen
In der Ausstellung begegnet man Fragmenten und Neuzugängen der grossangelegten Bild-Recherche ‹Aah ... Aha!›, in der Radelfinger seit 2011 in losen Kombinationen Eigen- und Fremdmaterial zusammenführt. Hier tritt - wie auch in den Buchprojekten - das Prinzip des Sammelns und Kompilierens auf, quasi ein zeitgenössischer Kommentar zur Warburg'schen Methode der kulturellen Tradierung. Ausgehend von der (un-)sinnigen Frage nach dem Grundimpuls des (kreativen) Tuns reflektieren die Zeichnungen, Animationen und Videos das Verhältnis von Selbst- und Weltwahrnehmung, von Bildproduktion und Identitätskonstruktion, Zwischenmenschlichem und kommunikativem Tool. Die Hinwendung zur Lecture Performance wiederum bestätigt den Eindruck, dass Peter Radelfinger weiterhin künstlerische Praktiken auslotet, die es ihm ermöglichen, sich bewusst und aktiv in einer beweglichen Zone zwischen terminologischer Fixierung und gedanklicher Freiheit, zwischen Bildformulierung und medialer Konsistenz zu positionieren.
Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. muellersbuero@gmx.ch

Bis 
10.02.2018

‹In der Backstube des Denkens›, Lecture Performance, 24.1., Kunstmuseum St. Gallen, 18.30 Uhr; 28.1., KOSMOS, Zürich, 17 Uhrwww.kosmos.ch

Publikationen: ‹Sowohl als ob›, Edition Patrick Frey, Zürich, 2016; ‹Falsche Fährten›, Edition Patrick Frey, Zürich, 2015; ‹Hin und Her›, zusammen mit Ruth Schweikert (Texte), Verlag für moderne Kunst Nürnberg

Peter Radelfinger (*1953, Bern), lebt in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Museum Morsbroich, Leverkusen
2009 Kunstmuseum Bern
2008 Atelier Frankfurt, Frankfurt a. M.
2003 Galerie Basta, Hamburg
2001 Kunsthalle Winterthur

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2014 Musée Jenisch, Vevey
2011 Kunsthaus Aarau
2010 Museum für Gegenwartskunst Siegen
2009 Münchner Stadtmuseum, München
2005 Overbeck-Gesellschaft, Lübeck

Ausstellungen Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Peter Radelfinger 01.12.201710.02.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Irene Müller
Künster/innen
Peter Radelfinger

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