Zilla Leutenegger - Z wie zeichnende Zilla

Delete 2, 2006, Video mit Wandzeichnung, Acryl auf Wand, s/w-Projektion, Ton, Loop, 70x100 cm. Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Delete 2, 2006, Video mit Wandzeichnung, Acryl auf Wand, s/w-Projektion, Ton, Loop, 70x100 cm. Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Mezzanotte, 2016, Diptychon, Monotypie auf Büttenpapier, 117,5x189 cm

Mezzanotte, 2016, Diptychon, Monotypie auf Büttenpapier, 117,5x189 cm

Fokus

Mit ihren zeichnerischen Installationen fängt Zilla Leutenegger alltäglich Existenzielles ein. Als Mentorin begleitet sie zudem Studierende der ETH Zürich im freien Zeichnen. Ausgewählte Arbeiten daraus präsentiert sie aktuell in der Graphischen Sammlung der ETH. Ein Gespräch mit der Zeichnerin über ihr auratisch konnotiertes Medium.

Zilla Leutenegger - Z wie zeichnende Zilla

Keller: In deinen Werken spielt die Zeichnung, oft in Kombination mit Videoloops und Objekten, eine wesentliche Rolle. Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Leutenegger: Ich wollte die Idee nicht verlieren - das Zeichnen ist das Direkteste. Natürlich mag ich den puren Strich auch sehr gern, aber im Wesentlichen geht es mir darum, die Idee festzuhalten, die dann manchmal auch schon die Arbeit selbst ist. Manchmal. Dennoch würde ich nicht behaupten, ich könne zeichnen. Meine Perspektiven beispielsweise sind überhaupt nicht korrekt konstruiert.

Keller: Diese «falsche Perspektive» macht deine Arbeit aber auch aus. Da ist keine Absicht dahinter?

Leutenegger: Nein, ich kann es effektiv nicht, ich habe es einfach nicht gelernt. An der damaligen Hochschule für Gestaltung in Zürich hatten wir sehr viel Theorie, bei Christoph Schenker beispielsweise, Kunstgeschichte bei Laura Arici und Dorothea Strauss. Es war ein theoretisches Kunststudium, und das war auch richtig für mich.

Keller: Ein guter Mix zwischen Theorie und Praxis wäre wohl ideal?

Leutenegger: Ich hätte es gar nicht ausgehalten, wenn mir jemand gesagt hätte, was ich künstlerisch machen soll. Ich fand es viel schöner, einen halben Tag lang mit jemandem zwei Sätze von Kant zu lesen - und danach noch immer nicht zu wissen, was das Erhabene ist (lacht).

Zeichnen als Denkinstrument
Keller: Zeichnest du täglich?

Leutenegger: Wahrscheinlich, ja, jedoch nicht im Sinn von «Kunst machen». Ich zeichne sehr viel, als schnelles Notieren von etwas zum Beispiel, oder mit meinen Kindern.

Keller: Das Zeichnen ist also nicht immer zielgerichtet.

Leutenegger: Wenn ich richtig Kunst machen will, muss ich mir diese Zeit und Ruhe regelrecht einrichten. Was mich aber vor allem interessiert, ist, zu zeichnen ohne konkretes Ziel, zeichnend zu überlegen sozusagen, mir Gedanken zu machen zu einer Arbeit, einem Auftrag. Solches Zeichnen ist auch eine Beschäftigung der Hand, eine Ablenkung von all dem, was ablenkt, also eine Fokussierung. Allerdings gibt es auch das Umgekehrte: Früher entstanden ja noch die sogenannten Telefonzeichnungen, weil das Telefon an einem Kabel und man sprechend somit an einem Ort fixiert war. Da haben nervöse Leute wie ich gezeichnet, als Parallelhandlung. Es ist interessant, was entsteht, wenn man zeichnet ohne die Ambition, ein Kunstwerk machen zu müssen. Daraus habe ich eine Übung für die Studierenden des Basisjahrs abgeleitet, da sitzen jeweils fast 300 Personen im Vorlesungssaal am Handy und zeichnen. Damit tue ich nichts anderes, als sie abzulenken von der Idee, die jeder im Hinterkopf mitbringt: Ich kann nicht zeichnen. Aber eigentlich können wir es alle, ich sehe das bei meinem Jüngsten.

Keller: Die Graphische Sammlung der ETH zeigt aktuell neben der von Dir kuratierten Schau die Entwicklung des Zeichenunterrichts anhand von Sammlungswerken auf. Dabei wird klar, dass früher vor allem ästhetische Schulung und Kunstfertigkeit angestrebt wurden. Darum geht es dir offensichtlich nicht.

Leutenegger: Nein, bei mir muss niemand eine Kastanie abzeichnen. Am Lehrstuhl ­Karin Sander der ETH ist Kunst eine Begleitung zum eigentlichen Studienfach und wir unterrichten künstlerisches Denken. Es ist ein freies Zeichnen mit dem Ziel, die Studierenden mit anderen Gedanken und Werten zu konfrontieren und dem Individuum zuzumuten, dass es eigene Ideen hat, dass es entwerfen kann. Für die Ausstellung in der Graphischen Sammlung habe ich deshalb Arbeiten von siebzehn Studierenden mit möglichst heterogenem zeichnerischem Ansatz gewählt, damit man sieht, wie unterschiedlich die einzelnen Personen arbeiten.

Melancholie als kreative Kraft
Keller: Dürer hat auf seinem berühmten Stich ‹Melancolia› von 1514, der ebenfalls im historischen Teil der Ausstellung hängt, die aristotelische Verbindung ­zwischen Melancholie und Genie beziehungsweise Kreativität thematisiert. In ­deinen ­Werken schwingt oft etwas Melancholisches mit und du sagst, du brauchst die Langeweile, um inspiriert zu werden. Siehst du es ähnlich wie ­Dürer und ­Aristoteles?

Leutenegger: Caspar David Friedrich ist mir in jedem Fall näher als die Konzeptkunst. Meine Arbeiten spiegeln allgemein gesprochen sicher eher kontemplative, ruhigere Themen und Situationen. Das hat auch damit zu tun, dass die Figur in meinen Bildern jeweils allein ist - «allein», wie ich stets betone, nicht «einsam». Es geht um das gewählte Alleinsein, sich zurückziehen, innehalten oder sich langweilen, was ich nicht negativ konnotiere.

Keller: Aber erhältst du aus der Melancholie selbst auch schöpferische Impulse?

Leutenegger: Nun, ich weiss mittlerweile, dass Krisen nicht unbedingt Feind, sondern auch Freund sein können, indem man sie ernst nimmt und versucht, in diesem Zustand Dinge zu tun, die sinnvoll sind, wie etwa die Wohnung aufräumen oder putzen. Aus einer Krise oder Unsicherheit heraus entstand beispielsweise jene Serie, in welcher die Figur im Bild Haushaltsarbeit verrichtet. Beim Aufräumen, so habe ich gemerkt, komme ich eigentlich immer auf Ideen, weil dabei parallel im Kopf etwas stattfindet. Somit drehen sich alle Arbeiten ein bisschen darum, wo das Leben kurz stehenbleiben könnte oder zumindest etwas langsamer wird.

Keller: Deine Figuren sind oft in Interieurs eingebettet. In jüngsten Arbeiten sind die Räume zunehmend menschenleer - ich denke etwa an deine Ausstellung zur Neueröffnung des Bündner Kunstmuseums in Chur 2016, an deine Präsentation bei Peter Kilchmann im Frühling 2017, oder an die Edition für den VFO von vergangenem November. Da scheint mir eine neue Entwicklung sichtbar...

Leutenegger: Ja, zwei Dinge sind neu: Die Strichzeichnung ist ja auch eine Begrenzung von Flächen, und diese Flächen interessieren mich zunehmend, sie erinnern mich plötzlich an Farben, und dann müssen diese Farben her. Und da ich keine Malerin bin, nehme ich einen Umweg: die Monotypie. Dabei wird die Farbe in einem Arbeitsgang mit viel Druck von oben aufs Blatt gepresst. So entsteht eine Unpräzision, die mich interessiert. Die Farbigkeit verleiht der Zeichnung zudem eine extreme Kraft, eine totale Präsenz. Und indem man die einzufärbenden Bildteile bestimmt, gewinnt auch die Fläche, die weiss bleibt, eine andere Bedeutung. Dies alles wäre nicht entstanden ohne die Hilfe von vielen Profis, wie etwa dem Drucker Thomi Wolfensberger.

Keller: In dem Sinne sind da drei neue Elemente in deiner Kunst: das Fehlen von Figuren, die Flächigkeit und die Technik.
Erinnerung als Aneignung von Räumlichkeit.

Leutenegger: Genau. Doch ist der Mensch nicht einfach verschwunden, er ist vielmehr ausserhalb des Bildes präsent, in den Betrachtenden. Zudem interessieren mich Räume aktuell sehr. Für die diesjährige Ausstellung bei Peter Kilchmann beschäftige ich mich mit einem Haus in Davos, das meiner Familie mütterlicherseits gehörte. Als Kind habe ich einmal darin gewohnt, jedoch nur noch vage Erinnerungen daran. Die Idee, dass man sich Räume durch Erinnerung aneignen kann, beschäftigt mich im Moment. Ein ähnliches Projekt habe ich mit und für die Villa Garbald in Castasegna realisiert, das im kommenden Sommer gezeigt wird.

Keller: Was ist sonst noch geplant für 2018?

Leutenegger: Ein Kunst-am-Bau-Projekt steht an, auf das ich mich sehr freue, weil ich einfach mit Pinsel und Farbe hingehen und alles alleine aufmalen werde. Es geht um die neue Mediathek und Mensa der Churer Kantonsschule. Ich werde ein imaginäres Treppenhaus und Türen, die nirgends hinführen, zeichnerisch einfügen - inspiriert von der langen Treppe, die das Schulgebäude oben am Hang mit der neuen Mensa unten im Tal verbindet.
Daneben gibt es einige Projekte, die noch nicht ganz spruchreif sind. Bei allen ist mir wichtig, dass ich Zeit habe, eine eigene Geschichte dazu zu entwickeln, mich in ein Thema zu vertiefen. Die Zeit möchte ich mir nehmen.

Deborah Keller, freie Kunstkritikerin in Zürich, Kuratorin der Kunsthalle Arbon und tätig bei der Galerie Häusler Contemporary Zürich. deborah.keller.1@gmail.com

Bis 
21.01.2018

Zilla Leutenegger (*1968, Zürich) lebt in Zürich

1997-99 Assistentin im Bereich Video, ETH Zürich
1995-99 Hochschule für Gestaltung, Zürich
1988-89 Textilfachschule Zürich
1985-88 Handelsschule, Chur

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Musée Jenisch, Vevey; ‹Tintarella di Luna›, Bündner Kunstmuseum, Chur
2015 ‹Ring My Bell›, Pinakothek der Moderne, München
2014 ‹Fairlady Z›, Museum Franz Gertsch, Burgdorf
2008 ‹Zilla und das 7. Zimmer›, Kartause Ittingen, Kunstmuseum des Kantons Thurgau
2007 ‹Meet me in the Library 9 PM›, CCA Center for Contemporary Art, Tel-Aviv
2005 ‹The Smokers›, Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compostela
2004 Manor Kunstpreis Kanton Graubünden, Bündner Kunstmuseum, Chur
2001 ‹Episode›, MAMCO - Musée d'art moderne et contemporain, Genf

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Zeichenunterricht 08.11.201721.01.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Deborah Keller
Künstler/innen
Zilla Leutenegger

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