Ansichten — Parastou Forouhar, ein ‹Countdown› für die Freiheit

Parastou Forouhar · Countdown, 2008, Stoff, Aschura-Banner, Schaumstoff

Parastou Forouhar · Countdown, 2008, Stoff, Aschura-Banner, Schaumstoff

Ansichten

Das iranische Regime verurteilte die heute in Deutschland ­lebende Künstlerin Parastou Forouhar 2017 zu sechs Jahren Haft auf Bewährung. Grund? Eine Installation, die eine ­Versammlung von Burka-Trägerinnen zeigt. Parastou Forouhar legte Widerspruch ein und wartet gegenwärtig in Teheran auf das Urteil des Revisionsgerichts.

Ansichten — Parastou Forouhar, ein ‹Countdown› für die Freiheit

‹Countdown›, 2008, zeigt eine auf dem Boden sitzende, wartende Gruppe von Burka-Trägerinnen. Genauer besehen, sind es Sitzkissen, die an weibliche Figuren erinnern. Anstelle von Gesicht, Händen und Füssen erscheinen jedoch Schriftzeichen. Parastou Forouhar entlehnte sie religiösen Aschura-Bannern zum wichtigsten, dem schiitischen Märtyrer Iman Hussein gewidmeten Feiertag. In ‹Countdown› überschreiben sie selbst jene Körperteile, die gemäss der iranischen Kleiderordnung frei bleiben dürfen. Doch alles ist eine Sache der Perspektive, und Hoffnung ist das Letzte, was eine Künstlerin aufgibt, die alljährlich gegen den Willen der iranischen Regierung in ihre alte Heimat fährt, um ihrer Eltern zu gedenken, die als bekannte Oppositionelle 1998 in einer Serie politischer Auftragsmorde getötet wurden. Die Kleiderregel wird von iranischen Frauen immer wieder herausgefordert. Bewunderungswürdigen Mut brachten im letzten Dezember junge Frauen auf, die ihr Kopftuch auf offener Strasse ablegten. Hoffnung strahlt auch die überraschende Bonbonfarbe der Schriftzeichen auf religiösen Bannern aus. So stellt Forouhar fest, dass selbst diese von der Popkultur erfasst werden. Zudem sehen junge Aschura-Teilnehmer heute beinahe wie Hipster aus. Das Phänomen ist Teil einer schleichend voranschreitenden Trivialisierung der religiösen Kultur, wie der Autor Hamid Ongha auf der Website der Künstlerin ausführt. Der Zeitgeist zersetzt sie. Ursache sind unkontrollierbare gesellschaftliche Veränderungen. ‹Countdown›  verlor schon viel früher an Form. Beide, das poppige Sitzkissen und die ‹Islamische Republik Iran›, wurden in den Siebzigerjahren eingeführt. Wer den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen wird, ist offen. Aber der Countdown hat begonnen. Parastou Forouhar reiste im November 2018 wie jedes Jahr nach Teheran. Heuer stellt sie sich auch dem Revisionsgericht. Das Informationsministerium der Islamischen Republik verklagte sie im Sommer 2016 wegen «Propaganda gegen das System» und «Beleidigung von Sakrosanktem».(1) Erstmals geht es jedoch nicht um ihre Eltern, sondern um ihre Kunst und damit um sie selbst. Die Künstlerin erklärt: «Man wirft mir vor, Stühle zu produzieren, welche die Religion beleidigen, und diese der Konterrevolution für konspirative Sitzungen zur Verfügung zu stellen.»(2) Tatsächlich setzten sich zwei Personen während der Ausstellung ‹Die Macht des Ornaments› im Wiener Belvedere, 2010, auf die Kunstwerke und posteten ihr Tun auf Instagram. Diese Fotos liefern nun den Vorwand, um die Künstlerin für ihre Unerschrockenheit vor Gericht zu ziehen.

(1) Parastou Forouhar ‹Habt keine Angst, wir stehen alle zusammen›, in: Iran Journal, 2.5.2018 ↗ http://iranjournal.org/kultur/forouhar-proteste 

(2) Eva-Maria Magel, ‹Der Druck nimmt zu›, FAZ, 20.11.2017

→ Ansichten: ein Bild, ein Text – Autor/innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl.

Künstler/innen
Parastou Forouhar
Autor/innen
Susann Wintsch

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