Dessin politique, dessin poétique — Zeitkritik und Naturerleben

Félix Vallotton, La Charge, 1893, Holzschnitt auf Velinpapier, 200 x 260 mm, Musée Jenisch Vevey – Cabinet cantonal des estampes, collection de la Ville de Vevey

Félix Vallotton, La Charge, 1893, Holzschnitt auf Velinpapier, 200 x 260 mm, Musée Jenisch Vevey – Cabinet cantonal des estampes, collection de la Ville de Vevey

Félix Vallotton, La Jungfrau, 1892, Xylographie auf Velinpapier, 252 x 327 mm, Cabinet d’arts ­graphiques des Musées d’art et d’histoire, Genève, Don Lucien Archinard

Félix Vallotton, La Jungfrau, 1892, Xylographie auf Velinpapier, 252 x 327 mm, Cabinet d’arts ­graphiques des Musées d’art et d’histoire, Genève, Don Lucien Archinard

Besprechung

Wie sich politisch wache Grafiker vom Barock bis in die Gegenwart in der Natur und ihrer künstlerischen Darstellung erholen, das zeigt die klug komponierte Ausstellung ‹Dessin politique, dessin poétique› im Musée Jenisch in Vevey. Arbeiten von Adolphe Appia bis zu Mix & Remix oder Tomi Ungerer werden gezeigt.

Dessin politique, dessin poétique — Zeitkritik und Naturerleben

Vevey — Tomi Ungerers (*1931) treffsichere Karikaturen auf Rassismus und Grös­senwahn der USA sind weithin bekannt. Dass dieser spitzfedrige Grafiker auch eine Reihe stiller Landschaften getuscht hat, ist weniger geläufig. Jean-Jacques Sempé (*1932), aufmerksamer Kommentator gesellschaftlicher und politischer Befindlichkeiten in Frankreich, aquarellierte bisweilen verträumte Hügel. Auch George Grosz (1893–1959), Zeichner entlarvender Polit-Karikaturen, liebte Landschaftliches. Die Ausstellung ‹Dessin politique, dessin poétique› im Musée Jenisch zeigt zwei Facetten des Grafischen, die meist als gegensätzlich begriffen werden, jedoch oft Teile eines Œuvres sind: die politische Zeichnung, die auf aktuelle Zustände Bezug nimmt, und die Darstellung von Landschaften. In der von Frédéric Pajak zusammengestellten Schau illustrieren 25 Kunstschaffende von Rembrandt bis zu Mix & Remix, dass kritisches Bewusstsein und Freude an der Natur einander nicht ausschliessen. Die Landschaften, die gewissermassen Schulter an Schulter mit politischen Karikaturen und Darstellungen sozialen Elends präsentiert werden, zeugen vom Bedürfnis der Künstlerinnen und Künstler, dem wachen, fokussierten Blick zwischendurch ­Ruhe zu gönnen. Viele Landschaften sind sehr idyllisch, manche sogar kitschig. Ausgeführt sind sie als Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle. Der Begriff «dessin» wurde bewusst weit gefasst, um eine möglichst grosse Bandbreite an Werken einbeziehen zu können. Félix Vallotton (1865–1925) gestaltete sowohl seine sozialkritischen Blätter wie auch seine sublimen Landschaften als Holzschnitte. Auch im Schaffen von Mix & Remix (Philippe Becquelin, 1958–2016) sind sich Zeitkritik und Naturerleben in der zeichnerischen Umsetzung sehr nahe, hier wie dort setzt der Westschweizer Cartoonist auf äusserste Reduktion. Doch manch einer und eine wechselt die Technik, wenn es vom Zeitgeschehen in die Natur hinausgeht – auch das kann eine Form der Erholung, des Kraftschöpfens sein. Nicht immer kann die Ausstellung das abbilden. Otto Dix (1891–1969) zum Beispiel, dessen druckgrafische Verarbeitung der Gräuel des Ersten Weltkriegs bis heute nichts von ihrer erschütternden Kraft verloren hat, gestaltete liebliche Landschaften in Öl. So weit wollte sich die Schau nicht öffnen. Käthe Kollwitz (1867–1945), die ebenso engagierte wie talentierte Grafikerin, welche die Armen und Verlorenen in Kaiserreich und Weimarer Republik darstellte, schuf zwar keine Landschaften, doch schöpfte bekanntlich auf langen Spaziergängen durch die Natur Energie.

Bis 
24.02.2019

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