Imagine 68 — Zeit für Revolten

Imagine 68 · 2018, Blick in die Ausstellung: futuristische Hängekugelsessel, Silberwolken à la Andy Warhol, Filmprojektionen (Ausschnitte). Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Imagine 68 · 2018, Blick in die Ausstellung: futuristische Hängekugelsessel, Silberwolken à la Andy Warhol, Filmprojektionen (Ausschnitte). Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Besprechung

Für Schriftstellerin Annie Ernaux war 1968 «la première année du monde». Ihm und dem ganzen «roten Jahrzehnt» von 1967 bis 1977 gehen Stefan Zweifel und Juri Steiner in einer asso­ziativen, ästhetischen Schau im Landesmuseum nach. Sie ist unterhaltsam und mit Widerhaken gespickt.

Imagine 68 — Zeit für Revolten

Zürich — «Drecksau, Hundsfott, Affenarsch» höhnt es von der Wand, und das ist nur eine kleine Auswahl von Schimpfwörtern, die sich von Sigmar Polkes ‹Schimpftuch› von 1968 auf die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung ergiessen. Oder sollte man es eher auf den schlauen Waffenexporteur Dieter Bührle beziehen, dessen verbotene Geschäfte in der Tonbildschau ‹Das Geschäft mit dem Tod›, 1972, unter dem ‹Schimpftuch› thematisiert werden? Die Schau zeigt, dass Bührle zwar verurteilt wird, jedoch mit einer lächerlichen Strafe davonkommt. Was aber zuerst ins Auge sticht, wenn man die Monstertreppe zur Ausstellung hochsteigt, sind die Bloodhound-Flugabwehrraketen, die bis zum Ende des letzten Jahrtausends bei uns in Betrieb waren; John Lennon, langhaarig, nimmt sie lächelnd ins Visier. Da haben – von den meisten Besuchern unbeachtet – die Jungs in Kubricks ‹Full Metal Jacket› bereits ihre Haare lassen müssen. Der Vietnamkrieg gehört denn auch zu den ständig wiederkehrenden Motiven der überreichen Schau. Den Soundtrack der ersten Hälfte der Ausstellung bestimmt eine Zitatencollage aus Guy Debords Film ‹La Société du Spectacle›, 1973, entstanden nach seinem den Mai 68 vorbereitenden kulturkritischen Hauptwerk von 1967. Beklemmend aktuell heisst es: «Das Spektakel ist der schlechte Traum der gefesselten, modernen Gesellschaft, der schliesslich nur ihren Wunsch zu schlafen ausdrückt. Das Spektakel ist der Wächter dieses Schlafes.» In ‹Imagine 68› wird viel geboten: Objekte aus Kunst und Alltag, Filme, Musik, ­Ideen, Dokumente. Von verschiedenen Seiten wird der Globuskrawall dokumentiert, der so vieles in Bewegung setzte und die Justiz noch jahrelang beschäftigte. Wut kommt hoch, wenn man sich in den Akten festliest. Aber ums Sich-Festlesen geht’s den Ausstellungsmachern weniger, vielmehr um Atmosphäre, in die man besonders im zweiten Teil eintauchen kann: mit David Bowies ‹Major Tom› im Hintergrund, umschwebt von Warhol’schen Silberwolken, mit Filmausschnitten von ‹Apocalypse Now› bis ‹Zabriskie Point› im Ohr und vor Augen. – Eindrückliche Kunst gibt es immer wieder zu sehen, von Claes Oldenburg, Robert Indiana, Valie Export oder Alex Sadkowsky, Franz Gertsch, Rosina Kuhn, Markus Müller, Dieter Roth, Hugo Schuhmacher. Aber, dies meine persönliche Ausstellungserfahrung: Die Dokumente, die Abbilder von Wirklichkeit zeigen, sind stärker. Schlicht atemberaubend: die Ausschnitte aus Don Kents 2018 entstandenem Dokfilm ‹1968: Die globale Revolte›

Bis 
20.01.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Imagine 68 14.09.201820.01.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass

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