Irene Weingartner — Phantom- Bilder aus der Universitätsklinik

Modell 1 (CT), Aufzeichnungen vom Körper ausgehend, 2018, Balsaholz, 50 x 40 x 30 cm © ProLitteris

Modell 1 (CT), Aufzeichnungen vom Körper ausgehend, 2018, Balsaholz, 50 x 40 x 30 cm © ProLitteris

Aufzeichnung ∞> fliegende Landschaft < schwebende Partikel > Raum, 2018, Cut out: Tusche auf Transparentpapier, 150 x 100 x 150 cm, Antichambre hotel friends, Düsseldorf © ProLitteris

Aufzeichnung ∞> fliegende Landschaft < schwebende Partikel > Raum, 2018, Cut out: Tusche auf Transparentpapier, 150 x 100 x 150 cm, Antichambre hotel friends, Düsseldorf © ProLitteris

Phantom II, 2018, Print von Computertomografie, 40 x 60 cm © ProLitteris

Phantom II, 2018, Print von Computertomografie, 40 x 60 cm © ProLitteris

Phantom IV, 2018, Print von Computertomografie, 40 x 60 cm © ProLitteris

Phantom IV, 2018, Print von Computertomografie, 40 x 60 cm © ProLitteris

Foto: Ivan Lungin

Foto: Ivan Lungin

Fokus

Irene Weingartner beschäftigt sich mit körperlichen und räum­lichen Signalen. Für ihre ‹Seismografischen Aufzeichnungen› ver­wendet sie herkömmliche künstlerische Gestaltungsmittel sowie bildgebende Verfahren. Die aktuelle Werkserie ‹Phantom› basiert auf Computertomografien von Balsaholzmodellen, die aufgezeichneten Körpersignalen der Künstlerin entspringen. Zwei aktuelle Präsentationen in Düsseldorf und Zürich bieten den Anlass für ein Gespräch.

Irene Weingartner — Phantom- Bilder aus der Universitätsklinik

Brunner: Du hast dein Atelier für einige Monate nach Düsseldorf in das Universitätsklinikum verlegt, um mit der Computertomografie zu experimentieren. Weshalb dieser Griff zu medizinischen Untersuchungsmethoden?
Weingartner: Seit ich meine Aufzeichnungen mache, beschäftigt mich die Frage, wie ich diese visuell umsetzen kann. Gespräche mit Wissenschaftlern, etwa Astrophysikern und Neurologen, brachten mich auf die Idee, von den Balsaholzmodellen Computertomografien zu machen und so eine bilderzeugende Methode, wie sie in der Medizin gebräuchlich ist, zu entwickeln.

Brunner: Für deine Experimente warst du auf die Hilfe des Klinikpersonals angewiesen. Wie gestaltete sich diese interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Weingartner: Ich fand diese Zusammenarbeit und den Austausch sehr anregend. So ist der Direktor des Radiologischen Instituts, Professor Gerald Antoch, der Meinung: «Für einen Radiologen sind natürlich alle bildgebenden Untersuchungen mit Kunst gleichzusetzen.» Die Radiologen gehen täglich mit Bildern um, stellen sie her und interpretieren sie. Auch die technischen Gegebenheiten haben meine Arbeit beeinflusst. Bis ich die definitiven Modelle für die Scans bauen konnte, mussten einige Versuche stattfinden. So fanden wir zum Beispiel heraus, dass mit einem Kontrastmittel eingestrichenes Balsaholz in der CT gut sichtbar wird.

Phantome in der Uniklinik
Brunner: Du bezeichnest deine aktuellen Prints, die du aus der digitalen Bildbearbeitung der Computertomografie-Scans gewonnen hast, als ‹Phantome›. Kannst du diesen Begriff näher erläutern?
Weingartner: Die CT-Scans waren von unterschiedlicher Qualität, was sich die Radiologen nicht erklären konnten. Erst ein Techniker, der den betreffenden Apparat mit Wasser kalibrierte, kam auf die Lösung. Die Verwendung von kälterem Wasser erzeugte die seltsamen Abweichungen. Im Gespräch haben sowohl der Radiologe wie der Techniker meine Modelle als Phantome bezeichnet. Im medizinischen Bereich werden Nachbildungen von Körpern oder Organen für Versuche und Unterrichtszwecke Phantome genannt. So bin ich auf diesen Titel gekommen.

Brunner: Während du für deine Zeichnungen kaum Farbe verwendest, sind einige der Prints farbig. Inwiefern hat die Computertomografie die Farbe begünstigt?Weingartner: CT-Scans registrieren nur einen Datenschwarm. Da ist so gut wie nichts sichtbar. Sichtbarkeit entsteht erst, wenn im Bildbearbeitungsprogramm der Farb- regler eingesetzt und damit die Bildinformationen gesteuert werden. Mit dieser Technik wollte ich die Grenzen des Sichtbaren ausloten. So entstand die Farbigkeit.

Brunner: Du hast in Architekturbüros als Hochbauzeichnerin gearbeitet. Wie hat diese Erfahrung dein Schaffen geprägt?
Weingartner: Bei meinen frühen Videoskulpturen bin ich sehr planerisch vorgegangen. Später wollte ich diesem Planen entgegenwirken. Ich fing an, mich zeichnerisch mit Erinnerungen zu beschäftigen, ich besuchte Vorlesungen über Hirnforschung, woraus die Fragen nach bildgebenden Verfahren und die ‹Seismografischen Aufzeichnungen› hervorgingen. Nun interessieren mich erneut architektonische Verfahren, und nach einer Kollaboration mit dem Architekten Robert Mantho kam ich zu den Modellen.

Brunner: Du transformierst deine Zeichnungen in dreidimensionale Balsaholz­modelle und bringst sie dann als Prints wieder in eine zweidimensionale Form. Was ist dir beim Prozess wichtig?
Weingartner: Es ist eine umgekehrte Vorgehensweise: Für einen Bauplan bringt man eine dreidimensionale Vorstellung auf eine Fläche. Wenn ich von einer zweidimensionalen Aufzeichnung ausgehe, aus der ich architektonische Strukturen entwickeln will, muss ich die Strukturen der Aufzeichnungen vereinfachen.

Kunst und Wissenschaft im Dialog
Brunner: Im Unterschied zur wissenschaftlichen Forschung, die nach möglichst objektiven Erklärungen sucht, zielst du in deinen Experimenten nicht auf eindeutige Resultate. Wie erlebst du diese Diskrepanz in deiner Arbeit?
Weingartner: Meine Arbeit hat mit Forschung zu tun, doch habe ich keine Verpflichtung, Thesen innert nützlicher Frist und nach wissenschaftlichen Leitplanken zu belegen.

Brunner: Kunst darf mehrdeutig sein, spielt dieser Sachverhalt für dich eine Rolle?
Weingartner: Ich nehme immer wieder Eingrenzungen vor, um den Überblick nicht zu verlieren. Arbeiten können jedoch störrisch sein und sich einer Eingrenzung verweigern. Teilweise scheinen sie zu flirren und zu schweben. Man denkt, man könne etwas fixieren, und schon fliegt es wieder weg – dann kommt es zurück, um gleich wieder wegzufliegen. So geht es hin und her.

Brunner: Wie würdest du die Arbeit an deinen Aufzeichnungen umschreiben?
Weingartner: Als ich in der Klinik am Computer sass und das digitale 3D-Modell bearbeitete, fühlte ich mich in andere Welten versetzt. Ich dachte manchmal, das ist ja völlig abgefahren und spacy, was da erscheint. Dann holte ich einen Kaffee und sah die kranken Menschen und das Personal, das ihr Leiden zu lindern versucht. Irgendwie macht das mit einem was, und das hat sich vielleicht auch auf die Bilder ausgewirkt.

Brunner: Du visualisierst deine Körpersignale in Form von Zeichnungen, Skulpturen und Prints. Was fasziniert dich an verborgenen, unzugänglichen Dingen?
Weingartner: Vielleicht das Gefühl, dass der Kern der Dinge im Verborgenen liegt.

Brunner: Einige deiner ‹Phantome› erinnern an Galaxien und Science-Fiction.
Weingartner: Das hat sich aus dem Pushen der Farben ergeben, was mich teilweise selber überrascht hat. Für mich ist der Weltraum wie ein Räderwerk. Alle Bewegungen und physikalischen Bedingungen haben etwas miteinander zu tun, sie sind voneinander abhängig. Deshalb wahrscheinlich können wir uns die Unbegrenztheit gar nicht vorstellen. Weil wir eingebunden sind.
 

Monika Brunner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) in Zürich und Kuratorin.
monika.brunner@sik-isea.ch

→ ‹Phantom. Computertomografien von Modellen›, Uniklinikum Düsseldorf, bis 8.1.
→ ‹Aufzeichnungen in den Raum hinaus›, sam scherrer Contemporary, Zürich, kuratiert von Susanne Sauter, Zürich 19.1.–9.2.; ‹Phantom›, Edition bei Gemelli, Zürich.

 

Bis 
09.02.2019

Irene Weingartner (*1971 in Nottwil), lebt in Zürich und Düsseldorf

2000–2001 MA Fine Art, Chelsea College of Art & Design, London
1996–1999 Studium Bildende Kunst, Hochschule für Gestaltung und Kunst, Luzern
1998 Gastsemester, Fachbereich Video, Hochschule der Künste (UdK), Berlin
1995–1996 Vorkurs Fachmühle, Luzern / vorher Hochbauzeichnerin Lehraufträge u. a. Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, Glasgow School of Art, dep. Architecture, Hochschule für Bildende Künste Saarbrücken

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 Aufzeichnungen in den Raum hinaus›, sam scherrer Contemporary, Zürich
2018 ‹Mouvement fait l’œuvre›, mit Christine Reifenberger, Galerie Esther Verhaeghe, Brüssel
2017 ‹Linie geht spazieren›, Galerie Schlangeneck, Euskirchen
2014 ‹Open@South Block›, during Glasgow International
2010 ‹Linie234›, mit Hanne Darboven, SCHAU ORT, Galerie Christiane Büntgen, Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Suspended Sculpture›, Antichambre hotel friends, Düsseldorf
2017 ‹Fields of Wheat›, Transmission Gallery, Glasgow
2016 ‹Re: Gegen Weiss›, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt
2012 ‹Durchblicken und Abprallen›, K3 project space, Zürich
2011 Darmstädter Sezession, Designhaus Darmstadt

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
«Aufzeichnungen in den Raum hinaus» 18.01.201909.02.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Monika Brunner
Künstler/innen
Irene Weingartner

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