John Miller — A photo eradicates memory

John Miller · Poverty, 2018 © ProLitteris

John Miller · Poverty, 2018 © ProLitteris

Besprechung

Mit zynischem Humor führt John Miller im Museum im Bellpark die Widersprüche der menschlichen Lebenswelt auf dem Seziertisch der Fotografie vor. Der in Berlin und New York lebende Künstler, Kritiker, Musiker und Dozent lässt diverse visuelle ­Erzählformen und mediale Umsetzungen aufeinanderprallen.

John Miller — A photo eradicates memory

Kriens — Auf drei Stockwerken bespielt John Miller (*1954) die Wände des Museums. Die einzige Ausnahme stellt zugleich den Auftakt der Ausstellung dar: Die Bodeninstallation ‹Poverty› zeigt eine Kinderpuppe, die nach einem Heftchen greift, das auf dem Boden liegt – das von Strassburger Student/innen publizierte Pamphlet ‹Über das Elend im Studentenmilieu›, 1966. Die Installation macht mit dem Titel der Ausstellung ‹Commedy of Manners› gleich Ernst: Während sich das Büchlein als Vorbote der Studentenrevolte ausnimmt, symbolisiert die Puppe mit dem weissen Anzug Reichtum und Dekadenz. Das komische Potenzial der Installation speist sich aus der Ironie, dass die Geste der Puppe im Widerspruch zu dem steht, was sie verkörpert. Mit einem Anflug von Sarkasmus führt das Untergeschoss den roten Faden der Ausstellung fort: So kommt der plakative Satz «A photo eradicates memory» vor dem Hintergrund von Millers eigener Beschäftigung mit dem Medium Fotografie wie eine Farce daher. Der augenzwinkernde Humor findet in den Diashows, in denen das Zitat präsentiert wird, ein Echo. An die Wand projiziert führen die zwinkernden respektive knipsenden Wechsel von Bild zu Text die Modalität des Auslösens einer Fotografie vor – und gleichzeitig weiter. Die im Loop getaktete Abfolge bildlicher und textueller Information reglementiert nicht nur den Modus der Rezeption, sondern führt ebenso eine semantisch-narrative Aufladung der Bilder herbei. Zu sehen sind Momentaufnahmen aus dem urbanen Raum: Passanten, Strassenverkehr, Hochhäuser. Die bewusst auf Spektakularität verzichtende Ästhetik erweckt den Eindruck, Millers Fotografien seien unaufgeregte Überbleibsel einer spontanen Geste. Auf einen ganz anderen Effekt zielt die Arbeit ‹The Middle of the Day›. Zwar suggeriert Miller auch hier durch die Anordnung von Fotografien eine Narration. Doch aufgrund des heterogenen Charakters der Motive stellt sich der instinktive Impetus zur sinnfälligen Verknüpfung visueller Informationen als logischer Fehlschluss heraus. Denn was haben in Plastikfolie gewickelte Schinken in der Auslage mit Passanten zu tun? Der Saaltext bietet der Verwirrung Einhalt: Das Bindeglied der Aufnahmen beruht darauf, dass sie zur selben Tageszeit entstanden sind. Stets mit einer Prise Humor fokussiert Miller die Widersprüche, die unser Handeln im Alltag, ja unsere ganze Existenz prägen. Es scheint, als habe der Künstler mit seinen Bildfolgen eine prägnante Formel für die Beschreibung dieses Phänomens gefunden: die komödiantische Ikonografie des Homo contrarius. 

Bis 
17.02.2019
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COMEDY OF MANNERS. JOHN MILLER 24.11.201817.02.2019 Ausstellung Kriens
Schweiz
CH
Autor/innen
Tiziana Bonetti
Künstler/innen
John Miller

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