Kunstvermittlung — Quo vadis?

Dialogische Führung, Surrealismus Schweiz, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2018

Dialogische Führung, Surrealismus Schweiz, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2018

Kunst­-Pirsch, Kinder, Surrealismus Schweiz, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2018

Kunst­-Pirsch, Kinder, Surrealismus Schweiz, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2018

Fokus

Wie lassen sich unterschiedliche Generationen für einen Be­such im Museum begeistern? Wieso spricht man heute eher von Vermittlung als von Pädagogik? Ein Blick anhand von Praxis­beispielen aus Aarau, Basel, Bern und Zürich auf die Chancen und Herausforderungen der Kunstvermittlung.

Kunstvermittlung — Quo vadis?

Öffentliche Führungen, Workshops oder Gespräche mit Kuratorinnen und Künst­lern – all diese Angebote haben zum Ziel, den Besucherinnen und Besuchern den Inhalt einer Ausstellung näherzubringen. Doch wie wird dieser Inhalt vermittelt? Und wie haben sich Umgang als auch Handlungsfeld der Vermittlung verändert?Eine Institution, die sich seit den Achtzigerjahren mit dem Bereich der Kunstver­mittlung auseinandersetzt, ist das Aargauer Kunsthaus. «Darunter verstehen wir die Wissensvermittlung und Wahrnehmungsförderung ausgestellter Inhalte», sagt Silja Burch, Leiterin der Kunstvermittlung am Museum. «Die Vermittlung setzt ein, sobald eine Ausstellung steht, und geschieht über entsprechende Fachpersonen.» Während in den Neunzigerjahren diese Fachpersonen als Museum-pädagoginnen und ­-pädagogen definiert wurden, werden sie heute Kunstvermittlerinnen und ­-ver­mittler genannt, was denn auch eine Veränderung in der Herangehensweise verdeut­licht. «Seit Anfang 2000 versuchen wir Wissen nicht nur durch rezeptive, sondern vielmehr durch partizipative Angebote zu vermitteln», meint Burch. Ein Beispiel dafür ist das Programm ‹Kunst­Pirsch›, bei dem Kinder zwischen 5 und 13 Jahren im Mu­seum lernen, über Kunst zu sprechen, und anschliessend gestalterische Techniken im Atelier ausprobieren können. So wird Kunst nicht nur als theoretisches Gebilde im Ausstellungsraum begriffen, sondern auch als praktische Herangehensweise, als Handwerk, mit dem die Kinder vertraut gemacht werden.

Eine eigene Geschichte
Auf partizipative Beteiligung setzte bereits die Kunst­- und Kulturvermittlerin Franziska Dürr, die von 1996 bis 2013 am Aargauer Kunsthaus tätig war und das An-­ gebot massgebend mitgestaltete. «Vermittlung bedeutet einerseits, das Fachwissen von Museen auf eine Alltagssprache herunterzubrechen», sagt Dürr. «Andererseits heisst es auch, sich für die Besucherinnen und Besucher zu interessieren, ihnen die Gelegenheit zu geben, sich zu äussern, einen eigenen Bezug zum Gesehenen zu schaffen.» Auf dieser Idee basiert das Projekt ‹Museum Waidhalde›, das Franziska Dürr im Rahmen des Vermittlungs-
programms Kuverum initiierte. Die Unter­, Mittel­ und Oberstufe des Schulhauses Waidhalde besuchte mit den Lehrpersonen rund 25 Museen in Zürich. Während verschiedener Workshops hatten die Schüler/ innen Gelegenheit, einen eigenen Zugang zu den ausgestellten Inhalten zu finden. So konnten sie beispielsweise in der Ausstellung ‹Ideales Wohnen› im Museum für Gestaltung ihren Lieblingsstuhl entwerfen und diesen dann im Atelier als Modell nachbauen.  Auch die Initiative ‹GiM – Generationen im Museum› vom Migros­-Kulturprozent setzt sich zum Ziel, den Besuch im Museum als persönliches Erlebnis zu gestalten und gleichzeitig den Austausch zwischen unterschiedlichen Generationen zu fördern. Und zwar wie folgt: Im Rahmen einer Ausstellung wählen zwei Personen aus unterschiedlichen Generationen ein Werk aus, erfinden dazu eine Geschichte und er­ zählen diese dann der Gruppe. Solche Initiativen tragen dazu bei, das Museum auch ausserhalb der Schule zu entdecken. Ein weiteres Programm, das zu dieser Positionierung beitragen soll, nennt sich ‹Lapurla›, eine Initiative vom Migros-­Kulturprozent und der Hochschule der Künste Bern. In dessen Rahmen sollen mehr Angebote geschaffen werden, bei denen Kinder bis vier Jahre gemeinsam mit ihren Eltern oder Verwandten ins Museum gehen und so mit dem Umgang mit künstlerischen Arbeiten vertraut gemacht werden. Ein ver­gleichbares Angebot ist ‹Kunst für Kleine› im Aargauer Kunsthaus.

Das Museum als Lebensraum
Mit all diesen Initiativen soll das Museum mehr und mehr als Lebensraum eta­bliert werden – und das für alle Generationen. Dennoch gibt es Altersgruppen, bei denen sich die Ansprache nicht einfach gestaltet. «Jugendliche zu erreichen, ist eine grosse Herausforderung», meint Silja Burch. «Wir möchten sie mit partizipativen und digitalen Angeboten einbinden und mitentscheiden lassen, wie unser Angebot ge­ staltet werden soll.» Ein Programm, das auf einer ähnlichen Idee basiert, ist das ‹Art Lab› der Fondation Beyeler. Dabei untersucht eine Gruppe von Jungendlichen wäh­rend mehrerer Wochen ein Thema und erarbeitet Ideen, wie sie andere, gleichaltrige Personen dafür begeistern könnten. Die Resultate des Labs werden anschliessend als Vermittlungsangebot umgesetzt. Dass sich insbesondere die Ansprache von Jugendlichen nicht einfach gestaltet, hängt denn auch mit der Wahrnehmung des Museums zusammen. «In Grossbritan­nien werden Museen anders wahrgenommen als bei uns», meint Franziska Dürr. «Sie werden vielmehr als Lebensraum genutzt, entsprechend sehen die Räumlichkeiten ganz anders aus.» Dies entspricht einer langen Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Museen in England als Bildungsorte für Schulen etabliert. Nach der Welt­ ausstellung von 1851 wurden die Institutionen auch für die Erwachsenenbildung ge­nutzt, als sogenannte ‹Philanthropic Galleries›; dabei wurden künstlerische Arbeiten zur Ausbildung eingesetzt und Kunst wurde als Bestandteil der eigenen Lebensge­ staltung verstanden. Hinzu kommt: Der Zugang zu den Sammlungen öffentlicher Mu­ seen ist kostenfrei!

Neue (digitale) Handlungsfelder
Die digitalen Medien haben neue Handlungsfelder eröffnet, insbesondere für die Ansprache der sogenannten Millenials. Das Pilotprojekt ‹amuze› wurde vor einein-­ halb Jahren lanciert und erarbeitet gemeinsam mit mehreren Schweizer Museen Konzepte für die Kunstvermittlung im analogen und digitalen Raum. Formate, die be­reits angewendet werden, sind die ‹Fast and Curious Tours›, 15­minütige Führungen, oder die sogenannten ‹Thesen-­Battles›, bei denen dem Publikum eine These präsen­ tiert wird, auf die es reagieren kann und die ihm eine neue Sicht auf eine Ausstellung eröffnen soll. «Wir möchten nicht belehren, sondern die Hemmschwelle für den Be­such im Museum herabsetzen, die Menschen dazu bringen, mit dem Gesehenen zu interagieren», sagt Danica Zeier, Gründerin von ‹amuze›. «Wir möchten Institutionen herausfordern, bestehende Vermittlungsprogramme neu zu denken und den musealen Raum digital zu erweitern.» So werden beispielsweise Umfragen zum Thema einer Ausstellung auf Social Media durchgeführt oder Videos der involvierten Künstlerin­ nen und Künstler gepostet. Es scheint durchaus sinnvoll, Kunstvermittlung partizipativer zu gestalten, den Besuchenden nicht nur die Rolle der Zuschauerinnen und Zuhörer zuzuschreiben, sondern ihnen Gelegenheit zu geben, Kunstwerke auf eigene Art und Weise zu erfah­ ren. Auch das Museum sollte als Lebensraum etabliert werden, der mitgestaltet werden kann und eine Erweiterung im digitalen Raum findet, der den analogen ergänzt.

Giulia Bernardi, freie Autorin Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ Publikation: ‹Zeit für Vermittlung›, hrsg. vom Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), im Auftrag von Pro Helvetia als Resultat der Begleitforschung des ‹Programm-Kulturvermittlung› (2009–2012) ↗ www.kultur­vermittlung.ch/zeit­fuer­vermittlung → Kuverum, Lehrgang für Kulturvermittlung, 1.2.–29.11. (total 30 Studientage) ↗ www.kuverum.ch

Autor/innen
Giulia Bernardi
Kontakt(e)
Franziska Dürr

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