Marcel Duchamp — 100 Fragen. 100 Antworten.

Serge Stauffer vor einem Plakat zu Marcel Duchamp. Die Schriften, Zürich, 1982, Courtesy Schweizerische Nationalbibliothek, Grafische Sammlung: Archiv Serge und Doris Stauffer. Foto: Isabelle Wettstein

Serge Stauffer vor einem Plakat zu Marcel Duchamp. Die Schriften, Zürich, 1982, Courtesy Schweizerische Nationalbibliothek, Grafische Sammlung: Archiv Serge und Doris Stauffer. Foto: Isabelle Wettstein

Besprechung

Dass die bekannten ikonischen Werke nur ein kleiner Teil von Marcel Duchamps Œuvre sind, zeigt die aktuelle Schau in der Staatsgalerie Stuttgart besser als jede Ausstellung zuvor. Denn mit dem Duchamp-Archiv von Serge Stauffer kommt ein Stück Rezeptionsgeschichte saftig angerichtet gleich mit auf den Tisch.

Marcel Duchamp — 100 Fragen. 100 Antworten.

Stuttgart — Er war schon ein Besessener, dieser Serge Stauffer, Schweizer Künstler und Duchamp-Forscher. Jahrzehntelang hat er sich mit Marcel Duchamp (1887–1968) beschäftigt, unzählige Notizen und Wortspielereien aus dessen berühmten Zettelschachteln übersetzt und sämtliche Texte schliesslich in einem monumentalen Schriftwerk zu ordnen versucht. Das Stauffer-Archiv, angekauft 1993, gehört zur grossartigen Duchamp-Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, die in einem Forschungsprojekt wissenschaftlich aufgearbeitet wurde und nun in einer Ausstellung präsentiert wird. Und wenn Archivalien, stets unter Trockenheitsverdacht stehend, plötzlich das Zeug haben, zu Publikumslieblingen zu avancieren, liegt das an Susanne M. I. Kaufmann, Kuratorin und Leiterin des Forschungsprojekts – mit einem genialen Kniff lässt sie nämlich Serge Stauffer (1929–1989) gleich zum Erzähler der Ausstellung werden. Kernstück bilden dabei die 100 Fragen, die Stauffer 1960 als junger Künstler dem grossen Duchamp forsch einfach zuschickte und die der Meister postwendend beantwortete. Stösst man dann in der Ausstellung auf einen geradezu explodierenden Karteikasten Stauffers, dessen mit Notizen und Skizzen vollgeschriebene Kärtchen sich in dichter Petersburger Hängung im Raum entfalten, spürt man zum einen den leise schillernden Wahnsinn einer Forscherexistenz, zum andern aber auch, dass zur wahren Lust an Duchamp immer auch gedankliches Puzzeln gehört. Wer will, kann das hier wunderbar tun und komplett eintauchen in den Kosmos des ‹Grossen Glases› bspw., auch bekannt als ‹Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblösst, sogar›, enigmatisches Schaubild vergeblichen sexuellen Begehrens, und sich vertiefen in die rätselhaften Notizen und exquisiten Sprachspiele aus der begleitenden ‹Grünen Schachtel› – genau so, wie sich Duchamp das vorgestellt hatte. Allein gelassen wird man dabei nicht, denn Susanne I. M. Kaufmann hat nochmals 100 Fragen an Duchamp gestellt, notiert auf Postkarten, die, von Joseph Kosuth gestaltet, nun durch die Ausstellung führen. Natürlich erhält man auch Antworten – zum Beispiel darauf, was denn ein Readymade sei. Schliesslich kann man sich vor dem ‹Fahrrad-Rad› oder historischen Aufnahmen aus dem Atelier gleich einmal selbst überzeugen, dass Duchamps Strategien doch noch etwas raffinierter waren, als bloss Alltagsgegenstände in den Kunstraum zu transferieren.

Bis 
10.03.2019

Neu aufgelegt: ‹Marcel Duchamp – Die Schriften› von Serge Stauffer, Monumentalwerk mit sämtlichen zu Lebzeiten veröffentlichten Texten Duchamps, 2018, Regenbogenverlag Konstanz

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Marcel Duchamp 23.11.201810.03.2019 Ausstellung Stuttgart
Deutschland
DE
Autor/innen
Gabrielle Boller
Künstler/innen
Marcel Duchamp
Serge Stauffer

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