Persona grata

Laura Henno · Koropa, 2016, Video, Farbe, Ton, 19’, Courtesy MAC VAL – Musée d’art contemporain du Val-de-Marne

Laura Henno · Koropa, 2016, Video, Farbe, Ton, 19’, Courtesy MAC VAL – Musée d’art contemporain du Val-de-Marne

Claude Lévêque · Sans titre (Asile), 1988, Holz, Metall, Eisendraht und Glühbirne, 360 x 40 x 40 cm, Musée d’Art moderne Paris © ProLitteris. Foto: Patrick Pierrain

Claude Lévêque · Sans titre (Asile), 1988, Holz, Metall, Eisendraht und Glühbirne, 360 x 40 x 40 cm, Musée d’Art moderne Paris © ProLitteris. Foto: Patrick Pierrain

Hinweis

Persona grata

Paris/Vitry-sur-Seine — Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Was der deutsche Komiker Karl Valentin schon 1940 klarstellte, ist heute erneut Herausforderung für jene, die sich für nicht fremd halten. Zur Gastfreundschaft fähig ist, so die These dieser Doppelausstellung, die aus den Sammlungen des Museums für Migrationsgeschichte und des Kunstmuseums MAC/VAL schöpft, wer sich in Frage stellen, mithin fremd werden kann: «Espace à remplir par l’étranger» hat Latifa Echakhch in ‹Hospitalité›, 2006, in die Museumswand geritzt, der Gipsstaub liegt noch am Boden. Der Fremde ist quasi in flagranti abwesend, seine Stelle vakant. Daneben zeigt ein Gemälde von Xie Lei zwei Figuren, eine weiss ausgespart, wie ein Geist. In ‹Me and I›, 2014, geht es um Entfremdung von sich selbst. Ästhetisch verschieden, sind beide Künstlerinnen durch «Migrationshintergrund» verbunden. Diesen Aspekt vertiefen Guillaume le Blanc und Fabienne Brugère in Gesprächen mit den beteiligten Künstler/innen, die als Videos zwischen den Werken laufen. Auf den Wänden rhythmisieren Texte der beiden Philosophen, die zum ‹Ende der Gastfreundschaft› publiziert haben, die Ausstellungen. ‹Eldorado›, von Mohammed Bakir Lahouri 2013 in Neonschrift ausgeführt, gibt als Synonym für überzogene Erwartungen die Richtung vor: Auszieht, wer glaubt, ankommen zu können. Und dieser Glaube entspringt Erzählungen. Zu welchem Aufbruch lädt Laura Henno ein, wenn sie per Video erzählt, wie ein Schleuser auf dunklem Meer einen elfjährigen Jungen in sein lebensgefährliches Handwerk einweist? Und zu welchem Bouchra Khalili, wenn sie aus ihrem 2011 abgeschlossenen Videozyklus ‹The mapping journey› Reiserouten von Migranten als Sternenkonstellationen zu Siebdrucken macht? Wohin führt Mathieu Pernot, wenn er fotografisch von Afghanen erzählt, die in Paris auf der Strasse leben? Wird fremd, wer aufbricht, so wollen viele der gezeigten Arbeiten vermeintlich Sesshafte aufbrechen: deren Vorurteile, Angst vor Unbekanntem. Kunst soll wie der diplomatische Terminus «Persona grata» das Unbekannte aufnehmen. Das ist dann freilich erwartet, also nicht mehr fremd. Hier liegt das Problem: Je mehr Entfremdung Kunst leistet, desto mehr entbehrt sie des Umgangs mit ­Unerwartetem, ist letztlich altbekannt – und muss erst wieder verfremdet werden, um unerwartet zu wirken. Auch für Künstler/innen, für deren Werke und Ausstellungen gilt: Wirklich fremd ist nur, wer in der Fremde fremder zu werden wagt. 

Bis 
20.01.2019

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